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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
Übersetzen ist nötig
Übersetzen ist möglich
Wörter sind mehrdeutig
Aussagen sind eindeutig
Vom Wort zum Satz
Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
Sachtext oder Fiktivtext
Bibellesen ist Vertrauenssache

Sachtext oder Fiktivtext?

Bei diesen Beispielen will ich es für heute belassen. Sie haben sicher selbst bemerkt, dass die Beispiele immer umfangreicher und immer komplizierter geworden sind. Solange wir uns auf der Ebene des Vokabulars bewegt haben, war die Sache einigermaßen überschaubar. Aber als wir dann höher stiegen, zu der Ebene der Satzteile und ganzen Sätze, wurde es schon ziemlich knifflig. Und eigentlich müssten wir jetzt auch noch auf die höchste Stufe steigen, die Ebene der Abschnitte und des gesamten Buches, die Ebene des Diskurses, wo es um Dinge wie Textgrammatik und Makrostrukturen geht. Aber dann müssten wir noch weiter ausholen, müssten eine immer größere Textmenge überblicken und einen jedes Mal noch umfangreicheren expliziten und impliziten Kontext mit einbeziehen - ich glaube, das schenken wir uns für diesmal.

Statt dessen möchte ich Sie, bevor wir zum Ende kommen, noch auf einen Gesichtspunkt aufmerksam machen, der ebenfalls eine Rolle dabei spielt, ob man eine möglichst genaue Übersetzung anstrebt oder nicht. Es geht um die Frage der Textsorte. Texte gehören verschiedenen Gattungen an, und es gibt viele Möglichkeiten der Einteilung. Aber in unserem Zusammenhang interessiert mich besonders die Unterscheidung von Sachtext und Fiktivtext. Fiktivtexte - das sind Texte mit erfundenem Inhalt, ein Roman z. B. oder ein Gedicht. Dem stehen die Sachtexte gegenüber - z. B. ein Brief, ein Schulbuch, eine Gebrauchsanweisung. Sie beziehen sich auf die außersprachliche Wirklichkeit, auf Gegenstände und Geschehnisse in der realen Welt.

Wo ist es wohl wichtiger, genau zu übersetzen - beim Sachtext oder beim Fiktivtext? Keine Frage: beim Sachtext, und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Bei einem Sachtext kann man nachprüfen, ob seine Aussagen stimmen. Einem Sachtext kann nichts Schlimmeres passieren, als wenn er der Überprüfung nicht standhält. Denn der Leser geht davon aus, dass der Inhalt mit der Wirklichkeit übereinstimmt - nicht nur beim Original, sondern ganz genauso auch in der Übersetzung. Es kommt immer wieder vor, dass ich in einer Zeitung einen theologischen Artikel lese (ein Bereich, wo ich mich einigermassen zu Hause fühle) und dabei auf Angaben stoße, die nicht korrekt sind - falsche Jahresangaben, verkehrte Personennamen, unrichtige Darstellung von Zusammenhängen. Dann bin ich natürlich misstrauisch und kaufe dem Journalisten nicht ohne weiteres ab, was er sonst noch berichtet; denn da, wo ich es kontrollieren kann, hat er schlampig recherchiert. Bei fiktiven Texten sieht das anders aus. Wer nach einem Roman greift, möchte unterhalten werden - mit einer glänzend erzählten, einer spannenden, einer rührenden Geschichte. Wenn man ihn auf einen Übersetzungsfehler hinweisen würde, würde er vermutlich nur mit den Achseln zucken: Was soll's; der Autor hat ja eh alles erfunden.

Zweitens: Sachtexte müssen sich in der Praxis bewähren. Wenn die Gebrauchsanleitung nicht klar formuliert ist, bringt man das Gerät nicht in Gang. Wenn der Schüler die Aufforderung seines Lehrers nicht versteht, hat das womöglich unangenehme soziale Folgen für ihn. Wenn der Kranke sich über Risiken und Nebenwirkungen eines Medikaments informieren will und die Packungsbeilage nicht begreift, kann das zu massiven Gesundheitsproblemen führen. (Aber zum Glück gibt es ja noch den Arzt und den Apotheker!) Sachtexte sind auf Eindeutigkeit hin angelegt. Je klarer die Formulierungen, desto besser. Und auch hier wieder: Wenn Fiktivtexte schlecht übersetzt sind, muss der Leser nicht mit negativen Konsequenzen rechnen. Ein schlechter Stil mag ärgerlich sein, aber der Alltag des Lesers ist davon nicht betroffen.

Wenden wir das Ganze auf die Übersetzung der Bibel an. Die entscheidende Frage lautet natürlich: Handelt es sich bei der Bibel um Sachtexte oder um Fiktivtexte? Ich meine, an der richtigen Antwort kann es keinen Zweifel geben: Die biblischen Texte sind (wenigstens in erster Linie) Sachtexte. In der Bibel werden keine erfundenen Geschichten erzählt, sondern Geschichte, Historie, die Geschichte des israelitischen Volkes, die Geschichte von Jesus Christus, dem Messias, die Geschichte von der Entstehung der christlichen Gemeinde. In der Bibel wird nicht phantasiert, sondern informiert, über Gott und über unsere Beziehung zu Gott. „Ich will, dass ihr Folgendes wisst" - so beginnt der Apostel Paulus zahlreiche Abschnitte in seinen Briefen. In der Bibel wird nicht so lange über Gut und Böse psychologisiert, bis es nur noch ein Jenseits von Gut und Böse gibt. Nein, die Bibel zieht klare Trennlinien und fordert uns unmissverständlich auf, dem Bösen den Rücken zu kehren und das Gute zu tun.

Wenn die Bibeltexte also Sachtexte sind, dann gilt für sie, was für alle Sachtexte gilt: Sie müssen so genau und so klar wie möglich wiedergegeben werden.

So genau wie möglich - nicht durch eine Wort-für-Wort-Wiedergabe, bei der man häufig raten muss, was wohl gemeint sein könnte, sondern durch größtmögliche inhaltliche und sachliche Übereinstimmung mit dem Original.

So klar wie möglich - weil die Bibel eben nicht nur über Gott informiert, sondern möchte, dass wir eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen. Der Apostel Johannes schreibt gegen Ende seines Evangeliums:

„Was hier berichtet ist, wurde aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben an ihn in seinem Namen das Leben habt." (Johannes 20,31)

Mit ähnlichen Worten sagen das auch alle anderen neutestamentlichen Verfasser. Und selbst wo es nicht ausdrücklich gesagt wird (z. B. in einigen Büchern des Alten Testamens), steht es doch überall zwischen den Zeilen. Die ganze Bibel - von der ersten bis zur letzten Seite - ist im Grunde genommen eine einzige Gebrauchsanleitung, die uns zeigt, wie wir mit Gott leben können. Das ist die pragmatische Seite der Bibel; das ist ihre Wirkungsabsicht; das ist ihre explizite und ihre implizite Botschaft. Die Mitteilungen der Bibel sind letztlich Aufforderungen. Paulus schreibt einmal folgendes:

„Alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen. So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist." (2. Timotheus 3,16.17)

Die Bibel will uns nicht nur über Gottes Welt und Gottes Pläne informieren; es ist ihr erklärtes Ziel, auf unser Leben und unseren Alltag Einfluss zu nehmen. Und das ist eine Sache auf Leben und Tod! Wischi-Waschi-Anweisungen sind da total fehl am Platz! Wenn jemand eine Beziehung zu Gott aufbauen möchte, darf das nicht daran scheitern, dass er die entsprechenden Anweisungen nicht richtig versteht.

Deshalb kann ein Bibelübersetzer der Bibel keinen besseren Dienst erweisen, als dass er ihre Botschaft so genau und so verständlich wiedergibt, wie es ihm möglich ist. Nur dann wird er auch ihrer missionarischen Dimension gerecht.