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Home Die Neue Genfer Übersetzung Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? |
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Seite 7 von 9
Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und
implizieren
So, jetzt haben wir uns alles angesehen, was im griechischen Text zu
finden ist - die Wörter und die Sätze. Wenn wir bei den Wörtern die vom
Zusammenhang her angemessene Bedeutung wählen und wenn wir alles berücksichtigen,
was zum griechischen Satzbau gehört, müsste der Text eigentlich genau übersetzt
sein. Ich behaupte: Wir haben noch nicht alles berücksichtigt! - Aber was fehlt
denn noch? Wörter und Sätze - mehr steht doch nicht da?! - O doch, da stehen
noch eine Menge andere Dinge - aber sie stehen zwischen den Zeilen! Sie sind bei dem, was gesagt wird, mit
gemeint, aber sie werden nicht ausgesprochen.
Was zwischen den Zeilen steht, lässt sich in mindestens drei
Bereiche aufteilen.
Der erste Bereich:
Dinge, die man
weglässt, weil Sprach-struktur und Sprachgebrauchsnormen das erlauben
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In Markus 1,40ff heißt es wörtlich (Revidierte Elberfelder):
„Und
es kommt ein Aussätziger zu ihm, bittet ihn und kniet nieder und spricht zu
ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er war innerlich bewegt und
streckte seine Hand aus, rührte <ihn> an und spricht zu ihm: Ich will.
Sei gereinigt! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er war gereinigt. Und
er bedrohte ihn und schickte ihn sogleich fort und spricht zu ihm ..."
Hier haben wir das, was man einen Pronomensalat nennt: „Er spricht,
er ist innerlich bewegt, er ist gereinigt, er bedroht ihn ..." Wissen Sie am Ende
noch, wer wer ist und wer was tut? „Er" ist einmal der Aussätzige und ein
anderes Mal Jesus. Nach den Regeln der deutschen Syntax scheint sich „er" jedes
Mal auf den Kranken zu beziehen. Aber genau das ist vom Zusammenhang her nicht
möglich. „Er war gereinigt" - der Aussätzige. „Und er bedrohte ihn" - der
Aussätzige bedrohte Jesus? Nein, Jesus bedrohte den Aussätzigen! Man merkt nach
einziger Zeit schon, wer jeweils gemeint ist, aber eben erst nach einiger Zeit;
zunächst wird man immer erst ein Stückchen weit in die Irre geführt, und das
macht es schwierig, den Handlungsablauf rasch zu erfassen. Dem Leser muss es
vorkommen, als habe der Übersetzer (oder womöglich der Autor?) bewusst Hürden
eingebaut, damit man nicht so schnell ans Ziel kommt. Oder als befinde er sich
auf einer Schnitzeljagd und werde immer wieder in die falsche Richtung
geschickt, ehe er den Fehler korrigieren kann. Es ist nun einmal so, dass man
im Deutschen statt des Pronomens das Nomen setzen, wenn die Perspektive
wechselt (wie hier) oder wenn sonst eine Unklarheit besteht. Der griechische
Text hingegen bleibt - formal gesehen - viel öfter unbestimmt. Wahrscheinlich
hängt das auch mit der Erzählstruktur zusammen. Jesus ist die Hauptfigur, die
entscheidende Person aller Berichte, der Agens aller großen Reden und aller
großen Taten. Einmal eingeführt, ist er einfach der Er. (In Krimis wird diese
Technik manchmal auch angewandt. Da kann ein Kapitel so beginnen: „Er schlich
sich zur Haustür, drückte vorsichtig die Klinke; die Tür ließ sich geräuschlos
öffnen." Wer ist der Er? Man kennt seine Identität noch nicht, aber man weiß:
Es ist der große Unbekannte, es muss der Mörder sein.). In den Evangelien
beginnen zahllose Abschnitte des griechischen Textes mit „Er" - „Er verließ das
Haus", „Er begann zu reden", „Er heilte". Im Deutschen ist es üblich, jedes
Mal, wenn einer neuer Abschnitt beginnt, die Personen, die darin vorkommen,
gleichsam wieder einzuführen, also mit Namen zu nennen. So machen wir es in der
Neuen Genfer Übersetzung. Auch hier
in unserem Ausgangsbeispiel (Markus 1) sprechen wir bei jedem Subjektswechsel
wieder neu von Jesus bzw. vom Aussätzigen. Damit wird nichts verfälscht. Das
Pronomen steht ja - wie sein Name schon sagt - für ein entsprechendes Nomen.
Übrigens sehen wir hier noch eine Eigenart des Griechischen: Statt
„er rührte ihn an" heißt es wörtlich nur: „er rührte an" (deshalb die Klammer
bei der Elberfelder). Wen, wird nicht
gesagt. Warum nicht? Weil es sich ohne weiteres aus dem Zusammenhang
erschließen lässt. Im Deutschen wüsste man zwar auch, wen Jesus berührt, und
trotzdem muss man das Akkusativ-Objekt ausdrücklich erwähnen. Die deutsche
Syntax verlangt das; andernfalls wäre der Satz nicht vollständig.
Wir befassen uns mit dem, was zwischen den Zeilen steht. Den ersten
Bereich haben wir uns angesehen.
Der zweite Bereich:
Informationen, die
den Zuhörern/Lesern bereits bekannt sind
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Versetzen wir uns einmal an einen Sonntagmorgen-Gottesdienst in
einer freikirchlichen Gemeinde, deren Prediger - sagen wir - Paul Schmidt heißt.
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Einer von den Ältesten macht
die Abkündigungen: „Unser Prediger, Herr Schmidt, ist ab morgen für 3
Tage an einer Konferenz. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an ..."
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Derselbe Älteste am nächsten Tag
zu einem Gemeindeglied, das nicht im Gottesdienst war: „Haben Sie es
mitbekommen? Herr Schmidt ist für 3 Tage verreist." [„Unser Prediger" wäre
überflüssig; es gehört ja zum gemeinsamen Wissenspool. Es wäre nicht nur
überflüssig, sondern störend. Das Gemeindeglied würde stutzig werden: Warum
sagt er das? Er muss doch wissen, dass ich den Prediger dieser Gemeinde kenne!
Oder will er mir damit einen versteckten Hinweis zukommen lassen? Aber welchen
nur? Merken Sie: Die Zufügung wäre sachlich korrekt, und trotzdem wäre sie
kontraproduktiv.]
-
Wieder einen Tag später trifft
er sich mit einem anderen Ältesten: „Du weißt, Paul ist zur Zeit an der
Konferenz." [Der Nachname wäre deplaziert, schließlich duzen sich die beiden
Ältesten und der Prediger.]
-
Am Abend dieses Tag führt er
ein Telefongespräch mit einem Pfarrer in Österreich, der über mangelnde Fortbildungsmöglichkeiten
klagt. Darauf der Älteste: „Unser Prediger besucht immer wieder mal eine
Konferenz." [Der Name ist unnötig, ihn ausdrücklich zu nennen wäre eine
Überinformation.]
Also: Je nach Adressat nimmt der Sprecher kleine, aber wichtige
Änderungen in der Bezeichnung der betreffenden Person vor. Die Referenz ist
jedes Mal dieselbe, aber die formalen Änderungen sind nötig, um eine sinnvolle
Kommunikation zu gewährleisten und Störfaktoren auszuschalten. Die
Gesprächspartner richten sich dabei (ihnen selbst meist gar nicht bewusst) nach
der „Quantitätsmaxime": Man sagt das, was zum Verständnis der Sache nötig ist,
mehr nicht. Würde man Erklärungen liefern, die dem Gegenüber bereits bekannt
sind, wäre das keine Verständnishilfe, sondern ein Anlass zu Verwirrung.
Beim Bibelübersetzen ist es meist so, dass die Erstleser oder
Ersthörer uns gegenüber einen Wissensvorsprung hatten. Jesus und die Apostel
lebten vor 2000 Jahren im Mittelmeerraum. Die Sitten und Bräuche, von denen sie
sprachen, die Städte und Ortschaften, die sie erwähnten, die politischen
Ereignisse, auf die anspielten - das alles war den Menschen damals bekannt; es
war Teil ihrer eigenen Lebenswelt. Viele Informationen konnten daher implizit
bleiben. Heute dagegen muss man diese Infos explizit machen, weil wir in einem
anderen Land, zu einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur leben.
explizieren =
sichtbar machen /
ausdrücklich sagen
implizieren =
verstecken /
nicht ausdrücklich
sagen
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Explizieren kommt aus dem
Lateinischen und heißt ursprünglich „auseinanderfalten". Etwas steckt sozusagen
in den Falten des Gewandes. Es ist da, aber nur implizit. Man sieht es nicht,
es sei denn, jemand holt es aus den Falten heraus, „expliziert", erklärt es.
Und umgekehrt bedeutet implizieren: etwas hineinfalten, es in den Falten des
Gewandes verschwinden lassen, es nicht ausdrücklich zur Sprache bringen.
Ein Beispiel für Explizierung beim Übersetzen des Neuen Testaments:
In Apostelgeschichte 1 wird berichtet, wie Jesus in den Himmel
hinaufgenommen wurde; die Apostel waren Augenzeugen. In Vers 12 heißt es dann
ziemlich wörtlich bei der Revidierten
Elberfelder:
„Da
kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, welcher Ölberg heißt, der nahe
bei Jerusalem ist, einen Sabbatweg entfernt."
Ein Sabbatweg? Was könnte das wohl sein? Die damaligen Leser wussten
Bescheid: So wurde die Strecke bezeichnet, die ein Jude nach rabbinischer
Gesetzesauslegung am Sabbat von seinem Wohnort aus gehen durfte, etwa 1 km.
Mehr nicht, denn dann wäre es Arbeit gewesen, und am Sabbat zu arbeiten war
verboten. Aber wer weiß das heute noch? Welcher deutsche Leser, 2000 Jahre
später, kann sich einen Reim darauf machen? Man könnte nun natürlich eine
erklärende Fußnote hinzufügen (genau das tut die Elberfelder). Nur: Nicht jeder sieht in den Fußnoten nach; der Text
sollte nach Möglichkeit auch ohne sie verständlich sein. In der Neuen Genfer Übersetzung haben wir die
Erklärung deshalb unmittelbar in den Text aufgenommen (allerdings nicht ohne
sie als verdeutlichenden Zusatz zu kennzeichnen):
„Daraufhin
kehrten die Apostel nach Jerusalem zurück; sie waren mit Jesus auf einem Hügel
gewesen, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg - etwa eine
Viertelstunde - von der Stadt entfernt ist."
Formal betrachtet, hat die Neue
Genfer Übersetzung eine ganze Wendung („etwa eine Viertelstunde") einfach
dazuerfunden. Dazuerfunden? Nein; was die Wendung sagt, steht auch im
Originaltext, nur eben zwischen den Zeilen, Die ursprünglichen Hörer hörten
diese Information gleichsam mit, wenn sie „Sabbatweg" hörten. Die deutschen
Leser verbinden damit überhaupt nichts. Die Neue
Genfer Übersetzung macht also etwas sichtbar, was implizit auch im
Griechischen steht. Wenn es auf formale Übereinstimmung ankommt, ist die Elberfelder genauer - sie fügt nichts
hinzu und lässt nichts weg. Aber wenn es auf den Inhalt ankommt (und darauf kommt
es doch in erster Linie an!), ist die Elberfelder
defizitär; sie unterschlägt ein wesentliches Stück Information. Ihre
Wiedergabe des griechischen Textes wäre nur dann vollwertig, wenn der deutsche
Leser genau die gleichen Kenntnisse über Sabbatwege und ähnliches mitbringen
würde wie der griechische Leser. Und das ist eindeutig nicht der Fall.
(Dieses Beispiel macht unmittelbar deutlich, dass eine Übersetzung
sich nicht nur am Ausgangstext orientieren darf, sondern auch die angestrebte
Leserschaft im Auge haben muss. Jeder Originaltext, der in eine bestimmte
Situation hinein spricht, ist adressatenbezogen. Und genauso richtet sich auch
jeder übersetzte Text an ein bestimmtes Leserpublikum, und je nachdem wird der
Übersetzer mehr oder weniger explizieren, wird unterschiedliche stilistische
Register ziehen, wird einen einfacheren oder umfangreicheren Wortschatz
gebrauchen.)
In Apostelgeschichte 12 ist von König Herodes Agrippa die Rede. Er
befindet sich zunächst in Jerusalem, und in Vers 19 heißt es:
„Daraufhin ging er von Judäa nach Cäsarea und verweilte dort."
Die damaligen Leser wussten, von wo und nach wo Herodes reiste.
Judäa war ein Land und Cäsarea eine Stadt. Für sie enthielt der Text implizit
(unausgesprochen) Informationen zu den beiden Ortsangaben. Aber jetzt versetzen
wir uns mal in die Situation eines heutigen deutschen Lesers ohne spezielles
Wissen über die geographischen Gegebenheiten des Nahen Ostens in der Antike.
So, wie die beiden Ortsangaben miteinander verbunden sind, wird er vermuten,
dass es sich entweder um zwei Länder oder um zwei Städte handelt. Man kann z.
B. sagen: „Er reiste von Bayern nach Thüringen" (Land-Land) oder „Er reiste von
München nach Hamburg" (Stadt-Stadt). Aber würde man sagen: „Er reiste von
Bayern nach Hamburg?" Kaum; Stadt und Land kombiniert man in der Regel nicht.
Dazu kommt noch eine Schwierigkeit. Judaä war damals eine römische Provinz, und
die Provinzhauptstadt war nicht etwa Jerusalem, sondern Cäsarea. Cäsarea lag in
Judäa! Das wäre dann also so, wie wenn man sagen würde: „Er reiste von
Graubünden nach Chur." Und das sagt natürlich kein Mensch. Sachlich ist die
Lösung wohl darin zu suchen, dass mit Judäa gelegentlich das jüdische Kernland
bezeichnet wurde, also Jerusalem und sein Umland, aber nicht Samarien und
Galiläa, die ebenfalls zur Provinz Judäa gehörten. Alle diese Infos stehen hier
zwischen den Zeilen; erst sie machen die Aussage sinnvoll. Wenn eine
Übersetzung daher versucht, sie gewissermaßen sichtbar werden zu lassen,
verfälscht sie nichts, sondern gleicht nur das Wissensdefizit auf seiten der
heutigen Leser aus. Die Wiedergabe der Neuen
Genfer Übersetzung lautet:
„Daraufhin
verließ er Jerusalem und das judäische Umland und reiste nach Cäsarea, wo er
seine Residenz hatte."
Nun das Gegenteil, die Implizierung. Denn auch das gibt es: dass man
im Deutschen weniger sagen muss als im Griechischen, dass man also Dinge, die
im Griechischen ausdrücklich dastehen, im deutschen Text unsichtbar machen
kann.
So stößt man im Alten und Neuen Testament immer wieder auf den
Ausdruck „die Vögel des Himmels". In Lukas 9,58 heißt es:
„Die
Füchse haben ihren Bau und die Vögel des Himmels ihre Nester; aber der Menschensohn
hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann."
Würde sich etwas ändern, wenn man „des Himmels" einfach weglässt?
Keineswegs; die Aussage bleibt genau dieselbe. Vögel sind immer „Vögel des
Himmels" - insofern, als diese Tiere sich von der Erde lösen und fliegen
können. Man verliert nichts, wenn man im Deutschen einfach von „Vögel" spricht.
Natürlich könnte man „Vögel des Himmels" sagen, aber das ist im Deutschen
unüblich. Infolgedessen würde der Leser zu spekulieren beginnen, ob hier an eine
besondere Art von Vögeln gedacht ist. Das wäre dann eine typische Art von
Über-Interpretation des Textes. Aber ist denn im Griechischen die Präzisierung
nötig? Nicht zwingend; es gibt Stellen, wo sie unterbleibt und wo einfach von
„Vögeln" die Rede ist. Aber ich vermute, dass der hebräische bzw. griechische
Ausdruck für „Vögel" gleichzeitig ein Oberbegriff für Vögel und Geflügel ist,
also etwa: „geflügelte Wesen". Und dann ergibt die Präzisierung plötzlich einen
Sinn. Denn es gibt nun mal „geflügelte Wesen am Himmel" (das, was wir als Vögel
bezeichnen) und „geflügelte Wesen auf der Erde" (das, was wir als Geflügel
bezeichnen - Hühner, Gänse, Enten etc.). Wenn das so ist, stützt sich die
Auslassung von „des Himmels" nicht nur auf unser Sprachgefühl, sondern auf ein
rational nachvollziehbares Argument.
Es gibt noch etwas Drittes, was häufig nicht ausdrücklich mitgeteilt
wird, sondern zwischen den Zeilen gelesen werden muss: die Absicht, die der
Schreiber mit seinem Text verbindet.
Der dritte
Bereich:
Was der Autor
mit seinen
Aussagen bewirken will
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Als ich vor einiger Zeit in einem Restaurant aß, entdeckte ich zu
meinem Vergnügen auf dem Tisch ein kleines Kärtchen, das in einem Klemmfuß steckte.
Auf dem Kärtchen stand: „Danke, dass Sie an diesem Tisch nicht rauchen." Ein
Dank? Nein, eine Bitte. Aber wenn der Restaurantbesitzer plump und direkt
befehlen würde: „An diesem Tisch bitte nicht rauchen!" (oder noch knapper:
„Rauchen nicht erwünscht"), wären seine Kunden womöglich verärgert. Die Methode
mit dem vorweggenommenen Dank ist viel erfolgversprechender!
Ein Lehrer erteilt einem fremdsprachigen Schüler Deutschunterricht.
Er zeigt auf einen Tisch und sagt: „Das ist ein Tisch." Und der Schüler
zeichnet einen Tisch in sein Heft und schreibt daneben: „Tisch." In der Pause
geht der Lehrer ins Lehrerzimmer. Im Flur haben einige Schüler es sich rund um
einen Tisch bequem gemacht. Sie haben die Beine hochgelegt; ihre dreckigen
Turnschuhe liegen auf der Tischplatte. „Das ist ein Tisch", sagt der Lehrer,
und prompt nehmen die Schüler ihre Füße vom Tisch. Sie haben richtig verstanden
und im gewünschten Sinn reagiert. Was der Lehrer gesagt hatte, war eben nicht
einfach eine Feststellung, sondern eine Aufforderung. Er hätte auch sagen
können: „Das ist ein Tisch und keine Fußbank. Bitte nehmt die Füße vom Tisch!"
Aber das wäre völlig überflüssig. Die Schüler verstehen ihn auch so. Er muss
nicht mehr sagen als nötig. Andernfalls macht er sich lächerlich.
Ein Beispiel aus dem Neuen Testament: Apostelgeschichte 26,28. Der
inhaftierte Apostel Paulus hat vor dem römischen Gouverneur Festus und vor dem
jüdischen König Agrippa eine lange Verteidigungsrede gehalten. Zum Schluss
wendet er sich unmittelbar an den König und sagt:
„König Agrippa, glaubst du den Propheten? Ich weiß, dass du ihnen
glaubst!"
Da entgegnet der König (nach der Revidierten
Elberfelder Übersetzung):
„In kurzem überredest du mich, ein Christ zu werden!"
Wenn man einfach nur übersetzt, was dasteht, ist die Antwort des
Königs damit korrekt wiedergegeben. Der Haken ist nur: Diese Antwort klingt so,
als würde Agrippa lediglich eine Feststellung machen. In Wirklichkeit bezieht
er Stellung. Wahrscheinlich ist er beeindruckt von dem, was Paulus aus seinem
Erleben mit Jesus berichtet hat. Möglicherweise reagiert er auch spöttisch (um
sich vor einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Evangelium zu drücken).
Wie auch immer - die Übersetzung sollte deutlich machen, dass wir es mit einer
stark emotional gefärbten Reaktion zu tun haben. In der Neuen Genfer Übersetzung lautet die königliche Antwort so:
„Du redest so überzeugend, dass du demnächst noch einen Christen aus
mir machst!"
Wenn der Autor ermutigen möchte, sollte die Übersetzung einen
ermutigenden Tonfall wählen. Wenn der Autor etwas anordnet, sollten die Befehle
in der Übersetzung so klar formuliert sein, dass der Leser weiß, wie er sich
verhalten muss. Das ist die pragmatische Seite eines Textes, und eine genaue
Übersetzung darf sie nicht unterschlagen.
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