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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
Übersetzen ist nötig
Übersetzen ist möglich
Wörter sind mehrdeutig
Aussagen sind eindeutig
Vom Wort zum Satz
Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
Sachtext oder Fiktivtext
Bibellesen ist Vertrauenssache

Vom Wort zum Satz

Sprachen sind unterschiedlich organisiert und strukturiert. Wir sind bisher - um diesen Sachverhalt zu belegen - immer von einzelnen Wörtern ausgegangen. Wir haben uns sozusagen auf der untersten Ebene der Sprache bewegt, auf der Wortebene. (Strenggenommen gibt es natürlich noch eine tiefer gelegene Ebene - die der Laute/Buchstaben, aus denen sich die Wörter zusammensetzen. Aber was Inhalt und Bedeutung angeht, empfinden wir nicht die Laute/Buchstaben, sondern die Wörter als die kleinsten sprachlichen Bausteine.) Nun bestehen Aussagen jedoch aus vielen Wörtern, aus Wörtern, die nicht willkürlich zusammengewürfelt, sondern nach bestimmten grammatischen Regeln miteinander verknüpft sind. Die Art, wie Wörter zu Wortgruppen und ganzen Sätzen verbunden werden, nennt man Syntax - die Technik des Satzbaus. Und was auf der Wortebene gilt, gilt ganz genauso auch auf der Satzebene: Jede Sprache hat ihre eigene Syntax. Über die Syntax unserer Muttersprache machen wir uns in der Regel keinerlei Gedanken. Sie ist uns mit der Muttermilch buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen. Aber wenn wir einer fremden Sprache begegnen, wenn wir anfangen, eine deutsche Aussage z. B. ins Englische zu übersetzen, merken wir plötzlich, wie stark der Satzaufbau der beiden Sprachen voneinander abweicht.

Ein einfaches Beispiel, so selbstverständlich, dass es uns gar nicht mehr auffällt: „Seine Frau kaufte ein Buch." / „His wife bought a book." In beiden Sätzen haben wir dieselbe Abfolge grammatischer Elemente: erst das Subjekt (die handelnde Person), dann das Prädikat (das, was die handelnde Person tut) und als letztes das Objekt (der Gegenstand, an dem gehandelt wird). So weit, so gleich. Aber jetzt fügen wir eine Zeitangabe hinzu: „Gestern kaufte seine Frau ein Buch." Englisch: „Yesterday his wife bought a book." Und prompt haben wir das Durcheinander. Im Englischen ist die Reihenfolge gleich geblieben: Subjekt - Prädikat - Objekt. Im Deutschen dagegen haben Subjekt und Prädikat die Plätze getauscht. Selbst jemand, der den Satz Wort für Wort übersetzt, würde nicht sagen: „Gestern seine Frau kaufte ein Buch." Zum Übersetzen gehört eben, dass man die syntaktischen Gesetzmäßigkeiten der Zielsprache ernst nimmt.

Übrigens: Im Hebräischen würde diese Aussage wörtlich so lauten: „Kaufte seine Frau ein Buch." Denn im Hebräischen steht das Prädikat normalerweise am Anfang des Satzes. Man könnte das im Deutschen nachahmen, indem man sagt: „Es kaufte seine Frau ein Buch." Aber das klingt altertümlich und gespreizt. Und inhaltlich ändert sich überhaupt nichts.

Wenn man die hebräische Wortfolge (Verb - Substantiv) ansieht, könnte man auf den Gedanken kommen, das sei auch für die Informationsabfolge wichtig. Zunächst erfährt der Leser, was getan wird, und erst danach, wer es tut. Und man könnte versuchen, daraus irgendwelche exegetischen oder sprachphilosophischen Schlüsse zu ziehen. Aber das wäre natürlich Unsinn. Wenn ich einen Satz lese, gehe ich ja nicht fragmentierend vor, sondern ganzheitlich. Ich lese nicht zuerst das erste Wort, denke über seine Bedeutung nach, dann das nächste, denke über dessen Bedeutung nach, dann das dritte usw. Nein, ich lese die Aussage als Ganzes und erfasse sie als Einheit. Es stimmt, die Aussage setzt sich aus Puzzleteilchen zusammen. Aber in meiner Wahrnehmung muss ich diese nicht erst aneinanderfügen; das Bild ist bereits zusammengebaut.

Es scheint mir daher auch völlig legitim zu sein, wenn eine Bibelübersetzung aus syntaktischen oder stilistischen Gründen einmal eine Umstellung vornimmt. So heißt es in Johannes 3,16 wörtlich:

„... damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat."

Nun ist aber die Kombination „jeder + verneintes Verb" im Deutschen nicht korrekt. Die Negation steht (anders als im Griechischen) beim Subjekt, also: „keiner + Verb". Daraus ergibt sich: „... damit keiner, der an ihn glaubt, verloren geht, sondern damit jeder das ewige Leben hat." Leider hat man sich damit eine unschöne Subjekt-Wiederholung (keiner/jeder) eingehandelt. Um das zu vermeiden, bietet es sich an, die beiden Prädikate umzustellen - zuerst das positive und dann das negative: „... damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat und nicht verloren geht" (so ist es in der Neuen Genfer Übersetzung wiedergegeben). Inhaltlich ist damit nichts verändert. Die Prädikatsabfolge im Griechischen ist ja nicht zeitlich zu verstehen (dann allerdings dürfte man sie nicht auf den Kopf stellen), sondern kontrastiv. Dasselbe Ereignis wird einmal negativ und einmal positiv umschrieben. „Dagobert ist nicht etwa sparsam, sondern geizig" sagt dasselbe wie: „Dagobert ist geizig und nicht etwa sparsam."

Hier noch ein weiteres Beispiel aus dem syntaktischen Bereich. In Matthäus 26,51 heißt es ganz wörtlich:

„Und siehe, einer derer mit Jesus, ausstreckend die Hand, zog sein Schwert, und schlagend den Diener des Hohenpriesters, hieb er ab sein Ohr."

(Eigentlich wäre noch wörtlicher: „zog das Schwert sein ... hieb er ab sein das Ohr". Im Deutschen steht entweder der Artikel - „das Schwert" - oder das Possessivpronomen - „sein Schwert" -; im Griechischen steht beides nebeneinander, und das Possessivpronomen steht entweder ganz am Anfang oder ganz am Ende der Fügung - „sein das Schwert" bzw. „das Schwert sein". Hier nehmen auch die wörtlichsten Übersetzungen stillschweigend eine Anpassung an den deutschen Sprachgebrauch vor. In gewissem Sinn brechen sie ihre selbstauferlegte Regel der Wort-Wörtlichkeit, ohne es dem Leser mitzuteilen. Oder andersherum gesagt: Sie befolgen - völlig zu Recht - ein Stück weit die Regeln der deutschen Grammatik. Nur: Warum respektieren sie diese Regeln nicht durchgehend?)

So, wie oben formuliert, ist der Vers natürlich kaum verständlich. Man muss ihn mehrfach lesen, ehe man sich einen Reim darauf machen kann. Die Schwerfälligkeit und Unverständlichkeit ist vor allem dem Umstand zuzuschreiben, dass hier gleich zweimal ein präsentisches Partizip einem Hauptverb zugeordnet ist (ausstreckend ziehen, schlagend abhauen). Das Griechische (und z. B. auch das Englische und das Französische) operiert ständig mit solchen Partizipien, aber nicht das Deutsche (ich müsste genauer sagen: nicht mehr; vor langer Zeit waren auch im Deutschen die participia praesentis rege im Gebrauch; inzwischen sind sie fast ausgestorben).

Was tun, um den Satz natürlicher und verständlicher zu formulieren? Sehen Sie sich die Lösung der Revidierten Elberfelder Bibel an, die als eine besonders genaue Übersetzung gilt (und deren Verdienste ich keineswegs bestreite):

„Und siehe, einer von denen, die mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein Ohr ab."

Wie ist die Elberfelder mit den Partizipien umgegangen? Sie hat sie zu selbständigen Verben gemacht und den beiden anderen Verben gleichgeordnet. Im Griechischen haben wir zwei Haupthandlungen (das Schwert ziehen / das Ohr abhauen). Die beiden Partizipien sind diesen beiden Vorgängen beigeordnet, um sie noch genauer zu beschreiben. Bei der Elberfelder hingegen haben wir plötzlich vier Haupthandlungen: die Hand ausstrecken / das Schwert ziehen / den Knecht schlagen / sein Ohr abhauen. Versuchen Sie doch mal ganz praktisch, diese vier Vorgänge nachzuvollziehen (ich karikiere bewusst ein bisschen). Petrus streckt also zunächst die Hand aus - aber mit ausgestrecktem Arm kommt er natürlich nicht an sein Schwert heran. Man dürfte daher erwarten, dass es als nächstes heißt: Er ließ den Arm wieder sinken. Statt dessen zieht er plötzlich das Schwert. Vielleicht mit der anderen Hand?? Nun schlägt er den Knecht des Hohenpriesters. Das scheint ein eigenständiger Akt zu sein; man sieht Petrus vor sich, wie er auf den Knecht einschlägt (wobei ziemlich unklar bleibt, wie er das bewerkstelligt, wo er doch immer noch das Schwert in der Hand hält - schlägt er ihn mit der Flachseite des Schwerts, oder gibt er ihm mit der freien Hand Faustschläge?). Und zu guter Letzt (zu böser Letzt) haut er ihm dann noch ein Ohr ab. Wir merken: Hier stimmt etwas nicht. Die Abläufe sind nicht korrekt wiedergegeben. Und das liegt daran, dass die griechische Syntax nicht angemessen berücksichtigt und nicht angemessen ins Deutsche umgesetzt worden ist.

Sehen wir uns als Gegenbeispiel die Wiedergabe der Neuen Genfer Übersetzung an:

„Da griff einer von Jesu Begleitern nach seinem Schwert, ging damit auf den Diener des Hohenpriesters los und schlug ihm ein Ohr ab."

Formal gesehen, ist das erste Partizip verschwunden; hier steht nur noch das Hauptverb. Aber es heißt jetzt nicht mehr „das Schwert ziehen", sondern „nach dem Schwert greifen". Damit ist der Vorgang des „Die-Hand-Ausstreckens" sachlich korrekt umschrieben. Dass Petrus nicht nur nach dem Schwert greift, sondern es auch tatsächlich aus der Scheide zieht, muss im Deutschen nicht ausdrücklich gesagt werden. Gesagt werden müsste nur das Gegenteil - wenn er danach greift, es dann aber doch nicht zieht. Solange man keine Misserfolgsmeldung durchgibt, geht der Hörer davon aus, dass die geplante Handlung auch vollzogen wurde. (Vergleiche z. B.: „Er ging noch schnell in die Küche, um ein Glas Milch zu trinken. Dann machte er sich an die Arbeit." Formal wird nur die Absicht zur Sprache gebracht: „um ein Glas Milch zu trinken." Aber weil anschließend von einem neuen Geschehen die Rede ist - „er machte sich an die Arbeit" -, ist klar: Er hat die Milch tatsächlich getrunken. Andernfalls müsste der Berichterstatter expressis verbis darauf aufmerksam machen: „... doch leider war keine Milch mehr da" / „... doch dann überlegte er es sich anders" o. ä.). Das andere Partizip ist - wie bei der Elberfelder - in ein selbständiges Verb umgewandelt und mit „und" angeschlossen. Aber in der Neuen Genfer Übersetzung wird nicht gesagt: „er schlug ihn" (das wäre eine vom Ohr-Abhauen unabhängige Handlung), sondern „er ging auf ihn los" (und das wird korrekterweise als Auftakt zum Abhauen des Ohres verstanden). Formal ist hier also gegenüber dem Originaltext ziemlich viel verändert worden. Aber nur so gelingt es einerseits, den Finessen der griechischen Syntax gerecht zu werden, und andererseits, diese Aspekte in einer Weise wiederzugeben, die sich an die deutsche Syntax hält. Inhaltlich jedenfalls scheint in der deutschen Wiedergabe nach bestem Wissen und Gewissen alles berücksichtigt zu sein, was im Griechischen steht. Und darauf kommt es ja letztlich an.

In dem Bereich, von dem wir jetzt sprechen (die Verbindung von einzelnen Wörtern zu Aussagen) sind auch die Gebrauchsnormen zu beachten, die von Sprache zu Sprache verschieden sind.

Wenn der Engländer nach der Uhrzeit fragt, sagt er: „What time is it?" Der Franzose fragt: „Quelle heure est-il?" Und der Deutsche: „Wie spät ist es?" In allen drei Fällen handelt es sich um feste Wortkombinationen. Man kann solche Wendungen nur als Ganzes angemessen übersetzen, nicht Wort für Wort. Wenn jemand das Englische so wiedergibt: „Welche Zeit ist es?" und das Französische: „Welche Stunde ist es?", dann hat er nicht bewiesen, dass er besonders genau übersetzen kann. Nein, er setzt sich dem Verdacht aus, nicht begriffen zu haben, dass hier im Englischen und im Französischen Gebrauchsnormen vorliegen, die man nur korrekt wiedergibt, wenn man auch im Deutschen die entsprechende Gebrauchsnorm wählt.

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament. In Lukas 2,37 heißt es von der Prophetin Hanna wörtlich:

„Sie diente Gott Nacht und Tag mit Fasten und Beten."

Der deutsche Leser bleibt sofort an der ungewöhnlichen Abfolge hängen: „Nacht und Tag". Wir sind die umgekehrte Reihenfolge gewohnt: „Tag und Nacht". Und danach hat sich der Übersetzer zu richten; er hat die Gebrauchsnormen der Zielsprache zu respektieren. Es gäbe lediglich einen Grund, davon abzuweichen und die griechische Reihenfolge zu übernehmen: Wenn man aus dem Zusammenhang der Aussage nachweisen könnte, dass die Abfolge Nacht-Tag für die Aussage von Bedeutung ist. Dafür spricht hier allerdings nichts. Lukas will ja nicht behaupten, Hanna habe immer abends mit Fasten und Beten begonnen! Ob „Nacht und Tag" oder „Tag und Nacht" - jedes Mal heißt das einfach so viel wie: immerfort und ohne Unterbrechung.