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Home Die Neue Genfer Übersetzung Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? |
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Seite 5 von 9
Aussagen sind eindeutig
Gehen wir einen Schritt weiter. Ich sagte vorhin, dass uns die
Vieldeutigkeit der Wörter verwirrt. Unserem Empfinden nach ist Sprache doch
dazu da, dass man sich eindeutig ausdrückt. Recht haben Sie! Die Vieldeutigkeit
existiert nur im Wörterbuch, wo die wichtigsten möglichen Bedeutungen
aufgelistet sind. Beim Sprachvollzug hingegen wird in der Regel immer nur eine
dieser Bedeutungen aktualisiert. Und deshalb haben wir normalerweise auch keine
Verständigungsprobleme.
Woher wissen wir denn, welche Bedeutung jeweils die richtige, die
gemeinte ist? Ich könnte auf das Gang-Beispiel zurückgreifen, aber ich nehme
zur Abwechslung mal was anderes, ein Verb: „eingehen". Was bedeutet „eingehen"?
Wahrscheinlich würde es Ihnen schwer fallen, so aus dem Stegreif eine gute
Definition zu geben. Aber jetzt geben Sie mal acht. Ich verbinde dieses etwas
unklare Verb mit verschiedenen Subjekten:
(a)
Der Pullover ist eingegangen [nach zu heißer Wäsche; er ist geschrumpft].
(b)
Der Wellensittich ist eingegangen [nach dem Verzehr von Mottenkugeln; er ist gestorben].
(c)
Der Geldbetrag ist eingegangen [auf dem Konto; er ist eingezahlt worden].
(d)
Die Gegenpartei ist darauf eingegangen [auf einen Versöhnungsvorschlag; sie hat
zugestimmt].
Bei jedem dieser Beispielsätze wissen wir sofort, was „eingehen"
bedeutet. Es bedeutet jedes Mal etwas anderes (etwas völlig anderes!), aber wir
haben keinerlei Problem, auf die jeweils richtige Bedeutung zu kommen. Woran
liegt das? Es liegt daran, dass „eingehen" jetzt nicht mehr isoliert dasteht,
sondern in einen Aussage-Zusammenhang gestellt ist. Hätten wir nur über
„eingehen" nachgedacht, wären wir vielleicht gar nicht auf alle diese
Bedeutungen gekommen; sie waren sozusagen deaktiviert. Aber sobald ich ganze
Sätze damit bilde, stehen sie mir mit aller Selbstverständlichkeit zur
Verfügung.
Seine genaue Bedeutung
bekommt ein einzelnes Wort erst
in Verbindung mit einer Aussage.
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Also: Der Kontext, der
Wort-Zusammenhang entscheidet über den genauen Sinn des Einzelwortes. Lediglich
Fachbegriffe haben in der Regel eine vorgegebene, vom Kontext unbeeinflusste
Bedeutung. Ansonsten gilt: Bedeutung existiert nicht an und für sich, sondern
ist an einen Kontext gebunden.
Testen wir es nochmals an einem Verb - „einschlagen", diesmal
verbunden mit verschiedenen Objekten:
(a)
einen Nagel
(b)
ein Schulheft
(c)
eine Fensterscheibe
(d)
eine juristische Laufbahn
(e)
die Räder
(f)
den Rocksaum
Wieder ist man überrascht, wie viele
unterschiedliche Vorgänge ein Verb bezeichnen kann, und wieder zeigt sich: Seine
genaue Bedeutung bekommt ein einzelnes Wort erst in Verbindung mit einer
Aussage.
Und noch ein Beispiel.
-
„Herr Pohl schlägt seine Frau."
Klarer Fall von Gewaltanwendung; „schlagen" heißt soviel wie „prügeln".
-
Erweitern wir den Kontext ein
bisschen: „Herr Pohl schlägt seine Frau 6:4 und 7:5." Plötzlich ist klar: Hier
wird gar nicht geprügelt. Es geht um ein Tennisspiel, und „schlagen" heißt
soviel wie: „im sportlichen Wettkampf besiegen".
-
„Becker schlägt Sampras":
Klarer Fall! Man kennt die beiden Herren und weiß, dass es sich um
Tennisspieler handelt.
-
Fügen wir eine präzisierende
Angabe hinzu: „Becker schlägt Sampras ins Gesicht." Hoppla, jetzt scheint es
plötzlich, als sei da noch was anderes im Gang gewesen als ein sportlicher
Wettkampf!
Manchmal wechselt die Bedeutung eines Wortes sogar im selben Satz.
„Ich habe jetzt ohne Unterbrechung zwei Tage Tag und Nacht gearbeitet." Das
erste „Tag" bezeichnet den 24-Stunden-Tag, das zweite, unmittelbar darauf
folgende den Zeitraum zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
Es gibt sogar Wörter, die je nach Zusammenhang genau das Gegenteil
bedeuten.
-
Das griechische ξενος/xenos kann sowohl den Gast
als auch den Gastgeber bezeichnen (aber natürlich nicht beide gleichzeitig).
-
„leihen" kann vom Geber oder
vom Empfänger gesagt werden; was gemeint ist, entscheidet der Satzzusammenhang
(„jemandem Geld leihen" bzw. „von jemandem Geld leihen").
-
„etwas passt wie die Faust aufs
Auge" heißt entweder: Es passt sehr gut, oder: Es passt überhaupt nicht.
-
„Untiefe" bezeichnet entweder
eine sehr flache Stelle in einem Gewässer oder aber eine besonders tiefe Stelle.
-
griechisch αφιξις/
afixis
bedeutet „Ankunft" oder „Abreise"
- je nachdem.
-
griechisch αναιρεω/anaireo bedeutet in Apostelgeschichte
7,21 „jemanden (schützend) bei sich aufnehmen" und 7 Verse weiter genau das
Gegenteil: „jemanden umbringen".
Angesichts von dieser verwirrenden Vieldeutigkeit der Begriffe muss
dem armen Übersetzer schwarz vor Augen werden. Wie kann er je sicher sein, was
im Einzelfall gemeint ist? Es gibt nur eine Antwort: Exegese, und zwar so
gründlich wie möglich. Exegesieren (auslegen) heißt: herausfinden, was der Text
sagt. Wie man das herausfindet, haben wir jetzt ja festgestellt: Indem man den
Kontext beachtet, den sprachlichen und sachlichen Zusammenhang der einzelnen
Wörter, der Sätze, des Abschnitts und des ganzen Buches. Und indem man den Text
vor seinem historischen und kulturellen Hintergrund liest. Durch den Kontext
löst sich - wie wir gesehen haben - die Mehrdeutigkeit der Begriffe und Sätze
auf. Je gründlicher also der Übersetzer den innerbiblischen und außerbiblischen
Kontext berücksichtigt, desto leichter fällt ihm die Entscheidung darüber, was
jeweils die angemessene Bedeutung ist.
Zwei kleine Nachträge zur Wortbedeutung, ehe wir die Ebene des
Vokabulars verlassen und uns auf die Ebene der Sätze und Satzteile begeben.
Der erste Nachtrag: Die bisherigen Beispiele zeigten, dass ein Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Es gibt aber auch den
umgekehrten Fall: Verschiedene Wörter haben dieselbe Bedeutung.
Die landläufige Auffassung sieht so aus: Wenn das Griechische zwei
verschiedene Begriffe verwendet, müssen diese auch unterschiedliche Bedeutung
haben und folglich unterschiedlich übersetzt werden.πσψχηε/psyche, ζωη/zoë und καρδια/kardia - so wird gefordert - müssten
auch im Deutschen immer streng unterschieden werden: „Seele", „Leben" und
„Herz". Dabei übersieht man aber ein sprachliches Gesetz, die sogenannte
Neutralisierung.
So kann zum Beispiel ein Journalist die Rede eines Politikers
folgendermaßen zusammenfassen: „Herr A. wies auf die Bedeutung von
... hin. Es sei unerlässlich, dass ..., erklärte er. Er sagte,
man müsse ... In solchen Fällen, so meinte er, gäbe es nur eine
Lösung ... Deshalb freue er sich über ..., hob er hervor. Er sei
überzeugt, dass es nichts Besseres gebe als ..." usw. Betrachtet man die
vom Berichterstatter gebrauchten Verben einzeln, dann stellt man rasch fest, dass
weite Teile ihres jeweiligen Bedeutungsfeldes sich stark voneinander
unterscheiden. „sagen" ist (je nach Zusammenhang!) etwas völlig anderes als „hervorheben",
„hinweisen" etwas anderes als „erklären", „meinen" das Gegenteil von „überzeugt sein". Aber im angeführten
Beispiel, wo alle diese Begriffe nebeneinander gestellt sind, zählt nur noch
der Teil ihres Bedeutungsspektrums, den sie gemeinsam haben. Die Unterschiede
heben sich gegenseitig auf; die Begriffe „neutralisieren" sich. Man könnte
jeden durch jeden ersetzen, ohne dass sich an der Gesamtaussage das Geringste
ändern würde. Probieren Sie es einmal aus! Ein geübter Redner/Schreiber
wechselt vielleicht aus stilistischen Gründen von einem Begriff zum anderen, aber
er will damit gerade nicht Unterschiede hervorheben, sondern im Gegenteil immer
dasselbe ausdrücken (und so verstehen ihn seine Hörer/Leser auch!).
Diese Neutralisierung ist beim Sprechen (und Zuhören) gewissermaßen
allgegenwärtig. Wir berücksichtigen sie ganz automatisch, wenn wir säkulare
Texte interpretieren. Aber sobald es an biblische Texte geht, „vergessen" viele
Christen ihr natürliches Sprachempfinden und interpretieren Dinge hinein bzw.
lesen Dinge heraus, die sie, wenn sie den Text „normal" angehen würde, niemals
darin finden würden.
(Natürlich handelt es sich bei der Bibel um Offenbarung: Gott teilt
uns Dinge mit, die wir von uns aus nicht wissen. Insofern erwarten wir in der
Bibel zu Recht neue, unserem Denken fremde Inhalte. Aber damit wir diese
Inhalte verstehen, hat Gott sie uns in einer uns vertrauten Sprache mitgeteilt.
Die Bibel ist in natürlichen, irdischen Sprachen verfasst; sie respektiert die
Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Und gerade damit baut sie uns Menschen eine
Brücke zu den Gedanken Gottes.)
Auf das richtige Verständnis von ψυχη angewandt: Sicherlich
gibt es viele biblische Aussagen, wo z. B. ψυχη nicht dasselbe bedeutet
wie πνευμα/pneuma, „Geist", sondern
sogar in Abgrenzung davon verwendet wird. Aber gerade dort, wo solche
potentiell synonymen Begriffe im selben Sachzusammenhang auftauchen, liegt es
nahe, dass sie sich gegenseitig „neutralisieren", also annähernd deckungsgleich
gebraucht werden. So heißt es in Lukas 1,46.47: „Meine ψυχη preist den Herrn, und
mein πνευμα jubelt über Gott ..." ψυχη und πνευμα bezeichnen hier nicht
zwei verschiedene anthropologische Größen, genauso wenig wie „Herr" und „Gott"
zwei verschiedene Objekte der Anbetung sind und genauso wenig wie „preisen" und
„jubeln" unterschiedliche Vorgänge beschreiben. Die Häufung von annähernd
gleichen Aussagen ist typisch für die semitische Poesie (bei Lukas 1,46ff
handelt es sich um einen Lobgesang!), und sie ist typisch für die Gebetssprache
(die ja tendenziell immer etwas feierlicher und emotionaler/exaltierter ist als
die Alltagssprache) - übrigens auch im Deutschen! Ein typisches Gebet könnte z.
B. so lauten: „Herr, wir loben und preisen dich! Bitte führe und leite uns!" loben/preisen bzw. führen/leiten - so unterschiedlich sie manchmal auch gebraucht
werden, sind hier völlig synonym; der Beter wäre erstaunt und befremdet, wenn
wir ihm unterstellen würden, er dächte jeweils an zwei verschiedene Vorgänge!
Der zweite Nachtrag: Es gibt Textsorten, bei denen bewusst damit gespielt wird, dass ein
Wort mehrere Bedeutungen hat - z. B. der Witz oder der Werbespruch.
- „Zwei Jäger trafen sich. Beide
waren sofort tot." Hier wird mit dem Doppelsinn des deutschen Verbs
„treffen" gespielt. Vom ersten Satz her denkt man an „treffen" im Sinn von
„sich begegnen". Liest man dann aber weiter, wird dieses zunächst nahe liegende
Verständnis auf den Kopf gestellt; plötzlich bedeutet „treffen" so viel
wie „schießen". Der Witz ist so gut wie unübersetzbar - es sei denn, es
gäbe neben dem Deutschen noch eine zweite Sprache, in der diese beiden
Bedeutungen zufällig mit demselben Wortsymbol bezeichnet werden.
Selbstverständlich könnte man aus der einen Aussage mit „treffen" zwei
Aussagen machen, um beide Bedeutungen zu berücksichtigen: „Zwei Jäger
begegneten sich. Dabei schossen sie aufeinander. Beide waren sofort tot."
Sachlich korrekt - aber das Entscheidende, die Sprachpointe, ist auf der
Strecke geblieben. Es gibt nichts mehr zu lachen.
- Ein politischer Witz aus dem
Nazideutschland. 2 Männer grüßen sich. „Heil Hitler!" brüllt der eine. Darauf
der andere: „Bin ich denn ein Psychiater?" Dieser Witz spielt mit der
deutschen Morphologie, der Wortbildung. „Heil" kann ein Substantiv sein,
dann ist es eine Wunschformel („Heil dem Hitler!"). „Heil" kann aber auch
die Befehlsform des Verbs „heilen" sein; dann ist es eine Aufforderung
(„Heil den Hitler!"). Auch das funktioniert wahrscheinlich nur im
Deutschen und lässt sich daher nicht übersetzen.
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