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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
Übersetzen ist nötig
Übersetzen ist möglich
Wörter sind mehrdeutig
Aussagen sind eindeutig
Vom Wort zum Satz
Was zwischen den Zeilen steht: explizieren und implizieren
Sachtext oder Fiktivtext
Bibellesen ist Vertrauenssache


Übersetzen ist möglich

Übersetzer = Fährmann

von einer Sprache in die andere übersetzen
von einem Ufer ans andere übersetzen
Machen wir uns nun also daran, den Bibeltext so genau wie möglich zu übersetzen. Was sich dabei abspielt, lässt sich sehr schön veranschaulichen, wenn man auf den Doppelsinn des deutschen Wortes „übersetzen" zurückgreift. Der Übersetzer ist gewissermaßen ein Fährmann; der die sprachliche Ladung vom einen Ufer des Flusses ans andere übersetzt. Er übersetzt, indem er übersetzt. Der Fluss stellt die Sprachgrenze dar - auf der einen Seite wird Griechisch gesprochen, auf der anderen Seite Deutsch. Und der Übersetzer vermittelt zwischen den beiden Sprachwelten.

Form und Inhalt - die zwei Seiten der Sprach-Medaille

Ist eine solche Vermittlung überhaupt möglich? An dieser Stelle kommt eine grundlegende Beobachtung ins Spiel: Jede sprachliche Äußerung (egal, ob mündlich oder schriftlich) lässt sich von zwei Seiten her betrachten - von ihrer Form und von ihrem Inhalt her. Beide Aspekte sind strikt auseinander zu halten und gehören doch untrennbar zusammen. Form und Inhalt, Ausdruck und Bedeutung - die zwei Seiten der Sprach-Medaille.

Als ich mich für diesen Abend vorbereitete, habe ich mir zunächst mal überlegt, worüber ich zu Ihnen sprechen könnte. Dann habe ich mir die verschiedensten Gedanken zu dem gewählten Thema gemacht. Und jetzt stehe ich hier. Ich könnte einfach stumm dastehen und mir weiterhin Gedanken machen. Mein Kopf wäre voll interessanter Inhalte. Aber davon hätten Sie rein gar nichts. Damit Sie was davon haben, muss ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Und zwar muss ich ihnen eine Form geben (mündlich oder schriftlich), mit der Sie etwas anfangen können. Konkret heißt das: Ich muss Deutsch zu Ihnen sprechen. Damit habe ich dem Inhalt eine für Sie angemessene Form gegeben; Sie verstehen, was ich Ihnen sagen möchte. Nehmen wir mal an, ich würde plötzlich beschließen, die Form - also die Sprache - zu wechseln und den Rest des Vortrags auf Englisch zu halten. Und nehmen wir mal an, kein einziger von Ihnen könnte Englisch. Was jetzt? Ich würde dieselben Gedanken äußern, und trotzdem würde niemand mich verstehen!

Haben Sie schon mal zugesehen, wenn jemand mit Zeichensprache zu einem Taubstummen spricht? Die Bewegungen und Gesten als solche sind uns nicht fremd; wir könnten sie alle nachahmen. Und trotzdem wissen wir nicht, was da mitgeteilt wird. Wieso? Weil es für uns im wahrsten Sinn des Wortes „Sinn-lose" Bewegungen sind, Bewegungen, mit denen keine Bedeutung verknüpft ist. Es sind für uns keine Zeichen.

Nicht nur die Taubstummensprache ist eine Zeichensprache; alle Sprachen sind Zeichensprachen. Wenn man z. B. ein Wörterbuch aufschlägt, findet man dort Wörter aufgelistet - sozusagen ein Zeicheninventar der deutschen Sprache. Die Wort-Zeichen verbinden wir mit bestimmten Inhalten, sie sind Bedeutungsträger. In einem englischen Lexikon sind ebenfalls Wörter aufgelistet. Aber solange jemand kein Englisch kann, ist das für ihn nur Druckerschwärze. Die Zeichen bedeuten ihm nichts; er ist sozusagen nicht in das Zeichensystem der Angelsachsen eingeweiht.

Obwohl Engländer und Deutsche alle ihre Wörter aus denselben 26 Buchstaben desselben Alphabets zusammensetzen, sehen ihre jeweiligen Zeichen meist sehr unterschiedlich aus. Manchmal stößt man in beiden Lexika auf ein Zeichen, das tupfengleich aussieht. Und trotzdem bedeutet es für einen Engländer etwas ganz anderes als für einen Deutschen. Das Wort ist im jeweiligen Zeichensystem mit anderen Inhalten verknüpft.

Beispiele:

deutsch/englisch
      - NOT (Substantiv „Bedrängnis" / Partikel „nicht")
      - GIFT (Substantiv „schädlicher Stoff" / Substantiv „Geschenk")

deutsch/französisch
      - MANCHE (Indefinitpronomen „einige" / Substantiv „Ärmel/Ärmelkanal")
      - TUER (Substantiv „Eingang" / Verb „töten")

Gehen wir nochmals zum letzten englischen Beispiel zurück: GIFT. Natürlich kann ein Engländer auch von Gift reden (Arsen ist in englischen Krimis besonders beliebt); aber er tut es mit anderen Zeichen (z. B. POISON). Die Buchstabenfolgen sind sozusagen kodiert, verschlüsselt, und zwar in jeder Sprache wieder anders. Die Kodierung unserer Muttersprache lernen wir wie von selbst; es kommt uns vor, als „wissen" wir einfach, was dieses und jenes Zeichen bedeuten. Die Kodierung einer Fremdsprache kann man - mit viel größerem Aufwand - ebenfalls lernen, und dann wird man zum Wanderer zwischen zwei Sprachwelten.

Aus all dem wird klar, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt ist. Wenn es diese Unterscheidung nicht gäbe, gäbe es auch keine Übersetzung von einer Sprache in eine andere. Wenn der Inhalt ausschließlich an einen einzigen Zeichensatz gebunden wäre, wenn es nur eine Möglichkeit der Verschlüsselung/Kodierung gäbe, dann müssten eben alle Menschen diese eine Sprache lernen. Aber weil Inhalte sich auf beliebige Weise kodieren lassen, gibt es die vielen Sprachen, und deshalb ist es auch möglich, dieselben Inhalte in den verschiedensten Sprachen auszudrücken, mit anderen Worten: demselben Inhalt unterschiedliche Formen zu geben.

Übrigens: Wenn Inhalte nur auf eine einzige Weise formuliert werden könnten, dürfte man letztlich auch nicht über sie nachdenken! Beim Nachdenken formuliere ich um; Nachdenken ist sozusagen ein intralinguales Übersetzen, ein Übersetzen innerhalb derselben Sprache. Wie wichtig dieser Zusammenhang zwischen interlingualem und intralingualem Übersetzen ist, kann man am Umgang vieler Muslime mit dem Koran sehen. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich mit einem Muslim über eine Sure diskutieren wollte, die ich in deutscher Übersetzung gelesen hatte. Aber das wurde rundweg abgelehnt - der Koran könne nur in seiner Originalsprache Arabisch richtig verstanden werden. Die Konsequenz aus dieser Haltung sieht genauso aus, wie ich sie eben beschrieben habe: Wenn man nicht in einer fremden Sprache über den Koran nachdenken darf, darf man es letztlich auch nicht in Arabisch. In den Koranschulen in aller Welt lernen zahllose Kinder den arabischen Wortlaut der Suren auswendig, ohne auch nur ein Wort davon zu verstehen.

Übersetzen heißt: die Form ändern, den Inhalt belassen.

Aus dem allem dürfte bereits klar geworden sein, worauf es beim Übersetzen vor allem ankommt: auf den Inhalt, nicht auf die Form. Übersetzen heißt eigentlich nichts anderes als: die Form ändern, den Inhalt belassen. Die Gedanken sind sozusagen Kleider, und die sprachliche Form ist der Koffer, in den die Kleider verpackt sind. Was der Fährmann tut, ist nichts anderes, als dass er erst an das - sagen wir - englische Ufer rudert, dort den Koffer öffnet, die Kleidungstücke auspackt, sie ins Boot lädt, dann ans deutsche Ufer übersetzt und die Kleidung dort wieder einpackt - in einen anderen Koffer.