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Home Die Neue Genfer Übersetzung Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? |
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Seite 3 von 9
Übersetzen ist möglich
Übersetzer = Fährmann
von einer Sprache in die andere übersetzen
von einem Ufer ans andere übersetzen
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Machen wir uns nun also
daran, den Bibeltext so genau wie möglich zu übersetzen. Was sich dabei
abspielt, lässt sich sehr schön veranschaulichen, wenn man auf den Doppelsinn
des deutschen Wortes „übersetzen" zurückgreift. Der Übersetzer ist
gewissermaßen ein Fährmann; der die sprachliche Ladung vom einen Ufer des
Flusses ans andere übersetzt. Er übersetzt, indem er übersetzt.
Der Fluss stellt die Sprachgrenze dar - auf der einen Seite wird Griechisch
gesprochen, auf der anderen Seite Deutsch. Und der Übersetzer vermittelt
zwischen den beiden Sprachwelten.
Form und Inhalt - die zwei Seiten der Sprach-Medaille
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Ist eine solche Vermittlung
überhaupt möglich? An dieser Stelle kommt eine grundlegende Beobachtung ins
Spiel: Jede sprachliche Äußerung (egal, ob mündlich oder schriftlich) lässt
sich von zwei Seiten her betrachten - von ihrer Form und von ihrem Inhalt her.
Beide Aspekte sind strikt auseinander zu halten und gehören doch untrennbar
zusammen. Form und Inhalt, Ausdruck und Bedeutung - die zwei Seiten der Sprach-Medaille.
Als ich mich für diesen Abend vorbereitete, habe ich mir zunächst
mal überlegt, worüber ich zu Ihnen sprechen könnte. Dann habe ich mir die
verschiedensten Gedanken zu dem gewählten Thema gemacht. Und jetzt stehe ich
hier. Ich könnte einfach stumm dastehen und mir weiterhin Gedanken machen. Mein
Kopf wäre voll interessanter Inhalte. Aber davon hätten Sie rein gar nichts.
Damit Sie was davon haben, muss ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen. Und
zwar muss ich ihnen eine Form geben (mündlich oder schriftlich), mit der Sie
etwas anfangen können. Konkret heißt das: Ich muss Deutsch zu Ihnen sprechen.
Damit habe ich dem Inhalt eine für Sie angemessene Form gegeben; Sie verstehen,
was ich Ihnen sagen möchte. Nehmen wir mal an, ich würde plötzlich beschließen,
die Form - also die Sprache - zu wechseln und den Rest des Vortrags auf
Englisch zu halten. Und nehmen wir mal an, kein einziger von Ihnen könnte
Englisch. Was jetzt? Ich würde dieselben Gedanken äußern, und trotzdem würde
niemand mich verstehen!
Haben Sie schon mal zugesehen, wenn jemand mit Zeichensprache zu
einem Taubstummen spricht? Die Bewegungen und Gesten als solche sind uns nicht
fremd; wir könnten sie alle nachahmen. Und trotzdem wissen wir nicht, was da
mitgeteilt wird. Wieso? Weil es für uns im wahrsten Sinn des Wortes „Sinn-lose"
Bewegungen sind, Bewegungen, mit denen keine Bedeutung verknüpft ist. Es sind
für uns keine Zeichen.
Nicht nur die Taubstummensprache ist eine Zeichensprache; alle
Sprachen sind Zeichensprachen. Wenn man z. B. ein Wörterbuch aufschlägt, findet
man dort Wörter aufgelistet - sozusagen ein Zeicheninventar der deutschen
Sprache. Die Wort-Zeichen verbinden wir mit bestimmten Inhalten, sie sind
Bedeutungsträger. In einem englischen Lexikon sind ebenfalls Wörter aufgelistet.
Aber solange jemand kein Englisch kann, ist das für ihn nur Druckerschwärze.
Die Zeichen bedeuten ihm nichts; er ist sozusagen nicht in das Zeichensystem
der Angelsachsen eingeweiht.
Obwohl Engländer und Deutsche alle ihre Wörter aus denselben 26
Buchstaben desselben Alphabets zusammensetzen, sehen ihre jeweiligen Zeichen
meist sehr unterschiedlich aus. Manchmal stößt man in beiden Lexika auf ein
Zeichen, das tupfengleich aussieht. Und trotzdem bedeutet es für einen
Engländer etwas ganz anderes als für einen Deutschen. Das Wort ist im
jeweiligen Zeichensystem mit anderen Inhalten verknüpft.
Beispiele:
deutsch/englisch
- NOT (Substantiv „Bedrängnis" /
Partikel „nicht")
- GIFT (Substantiv „schädlicher Stoff" /
Substantiv „Geschenk")
deutsch/französisch
- MANCHE (Indefinitpronomen
„einige" / Substantiv „Ärmel/Ärmelkanal")
- TUER (Substantiv „Eingang" / Verb
„töten")
Gehen wir nochmals zum letzten englischen Beispiel zurück: GIFT.
Natürlich kann ein Engländer auch von Gift reden (Arsen ist in englischen
Krimis besonders beliebt); aber er tut es mit anderen Zeichen (z. B. POISON).
Die Buchstabenfolgen sind sozusagen kodiert, verschlüsselt, und zwar in jeder
Sprache wieder anders. Die Kodierung unserer Muttersprache lernen wir wie von
selbst; es kommt uns vor, als „wissen" wir einfach, was dieses und jenes
Zeichen bedeuten. Die Kodierung einer Fremdsprache kann man - mit viel größerem
Aufwand - ebenfalls lernen, und dann wird man zum Wanderer zwischen zwei
Sprachwelten.
Aus all dem wird klar, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Form
und Inhalt ist. Wenn es diese Unterscheidung nicht gäbe, gäbe es auch keine
Übersetzung von einer Sprache in eine andere. Wenn der Inhalt ausschließlich an
einen einzigen Zeichensatz gebunden wäre, wenn es nur eine Möglichkeit der
Verschlüsselung/Kodierung gäbe, dann müssten eben alle Menschen diese eine
Sprache lernen. Aber weil Inhalte sich auf beliebige Weise kodieren lassen,
gibt es die vielen Sprachen, und deshalb ist es auch möglich, dieselben Inhalte
in den verschiedensten Sprachen auszudrücken, mit anderen Worten: demselben
Inhalt unterschiedliche Formen zu geben.
Übrigens: Wenn Inhalte nur auf eine einzige Weise formuliert werden
könnten, dürfte man letztlich auch nicht über sie nachdenken! Beim Nachdenken
formuliere ich um; Nachdenken ist sozusagen ein intralinguales Übersetzen, ein
Übersetzen innerhalb derselben Sprache. Wie wichtig dieser Zusammenhang
zwischen interlingualem und intralingualem Übersetzen ist, kann man am Umgang
vieler Muslime mit dem Koran sehen. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich
mit einem Muslim über eine Sure diskutieren wollte, die ich in deutscher Übersetzung
gelesen hatte. Aber das wurde rundweg abgelehnt - der Koran könne nur in seiner
Originalsprache Arabisch richtig verstanden werden. Die Konsequenz aus dieser
Haltung sieht genauso aus, wie ich sie eben beschrieben habe: Wenn man nicht in
einer fremden Sprache über den Koran nachdenken darf, darf man es letztlich
auch nicht in Arabisch. In den Koranschulen in aller Welt lernen zahllose
Kinder den arabischen Wortlaut der Suren auswendig, ohne auch nur ein Wort
davon zu verstehen.
Übersetzen heißt:
die Form ändern,
den Inhalt belassen.
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Aus dem allem dürfte bereits
klar geworden sein, worauf es beim Übersetzen vor allem ankommt: auf den
Inhalt, nicht auf die Form. Übersetzen heißt eigentlich nichts anderes als: die
Form ändern, den Inhalt belassen. Die Gedanken sind sozusagen Kleider, und die
sprachliche Form ist der Koffer, in den die Kleider verpackt sind. Was der
Fährmann tut, ist nichts anderes, als dass er erst an das - sagen wir -
englische Ufer rudert, dort den Koffer öffnet, die Kleidungstücke auspackt, sie
ins Boot lädt, dann ans deutsche Ufer übersetzt und die Kleidung dort wieder
einpackt - in einen anderen Koffer.
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