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Home Die Neue Genfer Übersetzung Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das?
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Die Bibel genau übersetzen - wie macht man das? |
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Seite 2 von 9
Übersetzen ist nötig
Müssen sie wirklich übersetzt werden? Nur weil wir nicht Griechisch
können? Diese Begründung ist unvollständig. Es gibt noch einen Grund hinter
diesem Grund: Die Texte müssen übersetzt werden, weil sie uns interessieren
(und nicht nur, weil wir die fremde Sprache nicht verstehen).
Als Paulus seine Briefe schrieb, gab es ja noch unzählige andere
Leute, die griechische Texte verfassten. Denken Sie an die Korrespondenz der
Geschäftsleute. Oder an die Manuskripte der Dozenten. Oder an den
Rechenschaftsbericht eines römischen Staatsbeamten. Oder an den Notizzettel
eines Handwerkers. Alles griechische Texte! Alles Texte, die wir nicht lesen können.
Müssen sie deshalb übersetzt werden? Für einen Altertumsforscher vielleicht.
Aber für uns? Wohl kaum. Dafür interessieren sie uns zu wenig. Uns fehlt die
Zeit, uns intensiv mit jener längst vergangenen Epoche abzugeben.
Aber die Bibel interessiert uns. Wir möchten wissen, was in diesem
„Buch der Bücher" steht. Und deshalb gibt es Bibelgesellschaften, die
Übersetzer anstellen und dafür sorgen, dass der heutige Leser die Bibel in
seiner Sprache lesen kann.
Damit sind wir bereits bei einem eminent wichtigen Punkt: Wer die
Bibel übersetzen will, muss das so genau wie nur irgend möglich tun. Den
deutschen Leser interessiert nicht, wie Herr Symank in religiösen Fragen denkt;
er möchte wissen, was der Prophet Jesaja, was der Apostel Petrus, was Jesus
Christus selbst in Sachen Religion zu sagen hat. Der Übersetzer ist kein Autor.
Er erfindet keinen Text. Er findet einen Text vor und hat diesen so sorgfältig
und gewissenhaft wie möglich wiederzugeben.
Eigentlich versteht sich das von selbst. Wenn ich eine Abhandlung
des spanischen Philosophen Ortega y Gasset in englischer Übersetzung lese (ich
kann nicht Spanisch), setze ich natürlich voraus, dass mir die Gedanken von
Ortega y Gasset präsentiert werden und nicht die des Übersetzers. Wenn ich
einen ins Deutsche übersetzten Roman des russischen Schriftstellers Dostojewski
lese (ich kann nicht Russisch), gehe ich davon aus, dass ich es hier mit Dostojewski
zu tun habe und nicht mit den Ansichten des Übersetzers. Der Leser eines
übersetzten Werkes erwartet zu Recht, dass die Übersetzung den sprachlichen Graben
überbrückt und ihn so nah wie möglich an das Original heranführt.
Bei der Bibel ist es genauso, und hier ist diese Erwartung noch
einmal so wichtig: Nach dem Selbstverständnis der Bibel handelt es sich beim
Inhalt dieses Buches um Offenbarung, um Mitteilungen des einzig wahren Gottes.
Es handelt sich um Worte der Wahrheit, um autoritative Aussagen der
allerhöchsten Instanz. Kein Mensch - auch nicht der Übersetzer - käme von sich
aus auf diese Gedanken. Kein Mensch - erst recht nicht der Übersetzer - dürfte
es wagen, an diesen Gedanken auch nur das Geringste zu ändern! Der
Bibelübersetzer ist - um einmal dieses etwas altertümliche Bild zu gebrauchen -
wie ein Herold, der eine Botschaft seines Königs unter die Leute bringt. Ein
Herold ist nicht Ausgangspunkt der Botschaft, er ist nur Vermittler. Wehe, er
verfälscht etwas! Sein Auftrag ist es ja gerade, das königliche Wort so genau
und so klar wie möglich weiterzugeben. Und die Menschen, die ihm zuhören, sehen
nicht den Herold vor sich, sondern den König. Was der Herold zu ihnen sagt,
sagt ihnen der König. Wenn es so etwas wie ein übersetzerisches Berufsethos
gibt, dann hat sich der Bibelübersetzer doppelt und dreifach daran zu halten.
Er muss bereit sein, sich ganz und gar zurückzunehmen und ausschließlich die
biblischen Autoren zu Wort kommen zu lassen.
Damit haben wir eine deutliche Abgrenzung vorgenommen, und zwar
gegenüber solchen Texttransformationen, die bewusst etwas anderes wollen, als
eine genaue Übersetzung zu liefern.
- Denken Sie z. B. an eine Kinderbibel.
Erstens wird dort nicht der gesamte biblische Stoff dargeboten, sondern
eine Auswahl getroffen. Zweitens werden die ausgewählten Stücke z. T. sehr
stark gerafft und z. T. sehr stark ausgeschmückt. Man bemüht sich, den
Text dem kindlichen Aufnahmevermögen anzupassen. Daran ist überhaupt
nichts Verkehrtes. Nur sollte man das nicht als Übersetzung bezeichnen. Es
handelt sich um eine Bearbeitung.
- Denken Sie - um einen Schritt
weiter zu gehen - an ein Theaterstück oder ein musikalisches Bühnenwerk zu
biblischen Stoffen. Hier wird der Bibeltext teilweise völlig
umgeschrieben, auf Rollen verteilt, dramaturgisch neu geformt. Wieder: Das
ist völlig legitim, solange man klarstellt, dass es sich um eine
Bearbeitung handelt und nicht um den eigentlichen Text.
 Luca Signorelli: Kreuzigung Christi, um 1507
- Oder denken Sie - jetzt lösen wir
uns völlig von der Sprache - an die bildliche Darstellung einer biblischen
Erzählung. Im späten Mittelalter gab es die sogenannten bibliae pauperum, die „Armenbibeln"
- bebilderte Bibeln für die „Armen im Geist", d. h. für alle diejenigen,
die nicht lesen und schreiben konnten, für die Analphabeten. Auch die
vielen biblischen Geschichten in den bunten Kirchenfenstern hatten unter
anderem diese Funktion. Noch einmal: Solche Darstellungen können durchaus
biblische Inhalte vermitteln, aber natürlich handelt es sich nicht um
Übersetzungen im eigentlichen Sinn. Fachsprachlich gesagt, hat hier eine
intersemiotische Transmutation stattgefunden, der Wechsel von einem
Zeichensystem (Buchstaben) in ein anderes (Bilder). Intrasemiotische
Bearbeitungen bleiben innerhalb desselben Zeichensystems (eine Kinderbibel
z. B); intersemiotische Bearbeitungen überschreiten diese Grenze (z. B.
Gemälde, Comics oder Filme zur Bibel).
Alle diese Übertragungs-Vorgänge kann man unter dem Oberbegriff der
Texttransformation zusammenfassen. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange bei
den Unterbegriffen klar zwischen Übersetzung einerseits und Bearbeitung/Umformung
andererseits unterschieden wird. Genau das ist heutzutage in manchen
Wissenschaftskreisen nicht mehr der Fall. Man postuliert fließende Übergänge
zwischen den verschiedenen Kategorien; man hebt die klaren Grenzen auf.
Letztlich hat das damit zu tun, dass man den Ausgangstext grundsätzlich als ein
vieldeutiges Gebilde ansieht. Er enthält - so wird gesagt - keine eindeutige
Botschaft, sein Sinn ist nicht festgelegt. Möglich, dass der Autor etwas
mitteilen wollte, aber das ist nicht maßgebend. Vielmehr entscheidet erst der
einzelne Leser, welche Auslegung für ihn in seiner Situation die richtige ist.
Es gibt einige durchaus richtige Beobachtungen bei dieser
sogenannten reader-response-Kritik (oder Rezeptionsästhetik, wie sie auch
genannt wird). So stimmt es natürlich, dass mein Zugang zum Bibeltext immer ein
Stück weit subjektiv ist. Man hat beim Bibellesen immer eine Brille auf.
Sinnvoll lesen heißt verstehen, und damit ich verstehe, muss ich interpretieren,
und jeder interpretiert wieder ein wenig anders. Aber - und das ist
entscheidend: Wir können miteinander über unser unterschiedliches Verständnis
diskutieren! Wir können unsere Interpretations-Ergebnisse miteinander
vergleichen, im Text nach Argumenten pro und contra suchen und so nach und nach
zu einer einheitlichen Auffassung kommen. Der Sprachwissenschaftler, der eine
Vorlesung über die Rezeptionsästhetik hält, erwartet ja auch, dass seine
Zuhörer ihn verstehen. Wenn er davon ausgehen müsste, dass jeder wieder etwas
ganz anderes aus seinem Vortrag heraushört, brauchte er ihn gar nicht erst zu
halten. Nein, notfalls lässt er Rückfragen zu oder schiebt Erklärungen nach, um
sicherzustellen, dass er richtig verstanden wird! Genauso darf auch ein
biblischer Autor erwarten, dass man ihn so versteht, wie er es beabsichtigt
hat.
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