|
|
Home Textbetrachtungen Wie gross ist ein Drache?
|
Wie groß ist ein Drache? |
|
|
|
Seite 9 von 15
Was
groß ist, kann auch klein sein
(2) Nehmen wir uns den impliziten Vergleich
vor (jetzt wird es ein wenig komplizierter).
Beispiel: Unser Haus ist groß.
(a)
Zunächst muss ich noch einmal an den Unterschied zwischen Antonymität und
Komplementarität erinnern: Im Gegensatz zu den Komplementärbegriffen impliziert
bei den Antonymen die Negation (Verneinung) des einen nicht zwingend und in
jedem Fall die Assertion (Bejahung) des anderen. Die beiden antonymen Begriffe
schließen sich nicht unbedingt aus.
Unser Haus ist nicht groß impliziert
nicht zwingend: Unser Haus ist klein.
Der Besitzer, der (in aller Bescheidenheit!) Satz 1 sagt, würde sich unter
Umständen sehr dagegen verwahren, Satz 2 gelten zu lassen (das würde ihn dann
doch in seinem Stolz treffen!). Also: groß
und klein sind keine sich
ausschließenden Gegensätze!
(b)
Sätze mit Antonymen sind immer komparativ; d. h. es wird immer etwas
verglichen, selbst wenn das nicht explizit gemacht wird. Es ist eine Illusion
zu meinen, mit Gegensatzpaaren wie klein/groß,
wenig/viel seien (innerhalb des
Feldes der Quantität) absolute Werte gegeben (vergleichbar z. B. den
qualitativen Unterschieden bei Farbwerten: rot/grün).
Der Eindruck der absoluten Angabe rührt daher, dass das Gradieren, die
Abstufung formal nicht markiert ist (so beim expliziten Komparativ: Er ist größer als ...). Aber: Während rot oder grün tatsächlich feststehende Farbqualitätswerte darstellen, die in
jeder Erfahrungssituation gleich bleiben, ist z. B. viele ein relativer Begriff ohne jede absolute Quantitätsangabe.
In Zürich wohnen viele
Menschen - sagt der Dorfbewohner. Genau dasselbe
könnte auch der verwitwete und kinderlose Bauer auf seinem Aussiedlerhof vom Nachbargehöft
sagen: Auf jenem Hof wohnen viele
Menschen. Das eine Mal umfasst viele
ca. 200 000 Menschen, das andere Mal vielleicht ein Dutzend). Eine genauere
Vorstellung über die tatsächliche Anzahl entsteht erst durch die Bezugsgröße
(Stadt, Hof) bzw. durch einen ausdrücklichen Vergleich (In Zürich wohnen mehr Menschen als in Basel; Auf dem Nachbarhof
wohnen mehr Menschen als bei mir). Wenn jemand von viele spricht, heißt das lediglich: Er wählt eine Anzahl als
Ausgangsbasis, die er (subjektiv) als ziemlich umfangreich empfindet; objektiv
kann diese Anzahl beliebig variieren.
Ein
anderes Beispiel: Das Antonymenpaar reich-arm.
Beides sind sehr relative Begriffe! Es gibt reiche Millionäre und arme Millionäre.
Ein Reicher fühlt sich arm, wenn er sich als Zweitwagen keinen Ferrari leisten
kann, und ein Armer fühlt sich reich, wenn er nach jahrelangem Sparen endlich
imstande ist, ein Fahrrad zu erstehen.
(c)
Wörter wie groß und klein beziehen sich also nicht auf gegensätzliche
Eigenschaften, sondern sind ein lexikalisches Instrument zum Gradieren, zur
Markierung von Abstufungen. Eine Person ist entweder männlich oder weiblich.
Aber: Dieselbe Person kann klein sein (verglichen mit X) und groß (verglichen
mit Y) - was aber nicht bedeutet, dass ihr gleichzeitig 2 verschiedene Größen
zugeschrieben werden müssen; in ihrem Pass steht mit Sicherheit nur eine
Größenangabe! Objektiv gesehen ist die Person selbstverständlich immer gleich
groß - subjektiv wird sie in der einen Situation als groß erlebt und in der
anderen als klein.
Beispiele:
Die Tante, die ihrem Neffen nach über zwei Jahren endlich wieder mal einen
Besuch abstattet, ruft verblüfft aus: So
ein großes Kind! (groß: verglichen mit seinen Altersgenossen bzw. verglichen
mit den Erinnerungen der Tante; aber verglichen mit der Tante selbst ist das
Kind natürlich klein).
Deshalb
kann auch der Biologe, der durchs Mikroskop sieht, zu Recht sagen: Hey - diese Amöbe ist riesig! (riesig:
gegenüber der üblichen Amöben-Größe).
Und
auch der Ausruf eines Mädchens stimmt, als es Xian zum ersten Mal zu Gesicht
bekommt (Sie wissen schon: Xian - der Jungelefant aus dem Zürcher Zoo): Ist das ein winziger Elefant! (obwohl
der Elefant - auch dieser - zu Recht als großes Tier bezeichnet wird). Ein
großes Tier - verglichen mit der übrigen Tierwelt. Ein winziges Tier -
verglichen mit anderen Exemplaren seiner Rasse. Man darf es also ruhig so
paradox formulieren: Ein kleiner Elefant
ist ein großes Tier. Wären klein und
groß komplementäre und damit
inkompatible Ausdrücke, dann wäre dieser Satz kontradiktorisch (vgl.: Ein männlicher Elefant ist ein weibliches
Tier). So aber ist die Aussage völlig korrekt und verständlich: Ein
Elefant, der - gemessen an der für Elefanten verbindlichen Norm - eher klein
als groß ist, ist (trotzdem) - gemessen an der für Tiere im allgemeinen verbindlichen
Norm - eher groß als klein. Die implizierte Größennorm für Elefanten ist eben
nicht unbedingt dieselbe wie die für Tiere als ganze Klasse.
(d)
Der Satz Unser Haus ist groß ist also
formal-morphologisch (so, wie die Wortform gebildet ist) ein Positiv (das
Adjektiv liegt in der ungesteigerten Form vor, in der Grundstufe), semantisch
hingegen (was seine Bedeutung betrifft)
ist er ein Komparativ: Unser Haus
ist größer (als das normale Haus).
|
|