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Symbol und Wirklichkeit
Zunächst einmal
eine grundlegende Einsicht: Sprachen sind Symbolsysteme. Die gesprochenen oder
geschriebenen Wörter sind Symbole (phonetische [gesprochene] oder graphische [geschriebene]
Symbole), die auf eine außersprachliche Wirklichkeit hinweisen. Dabei sind die
Symbole zwar nicht immer zufällig zustandegekommen, sind aber doch zumeist
willkürlich und auf jeden Fall konventionell [auf Übereinkunft beruhend] (im
Gegensatz zu natürlichen Symbolen, z. B. Rauch als Anzeichen für Feuer).
Beispiel (von der
außersprachlichen Wirklichkeit her kommend):
[außersprachliche Bezugsgröße] weibliches
Hausrind
[sprachliches Symbol] Kuh (dt.), cow (engl.), vache (frz.)
Beispiel (vom Symbol her kommend):
KIND je nach Sprache
- Kind (dt.)
- Art; freundlich (engl.)
Häufig stößt man
auf die naive Annahme, beim Erlernen der Symbole einer anderen Sprachgemeinschaft
müssten nur die Symbole ausgetauscht werden, die Bedeutungen würden sich einigermaßen
decken. (Das führt zu sogenannten "Wörterbuchübersetzungen": Wort für
Wort schlägt man im Wörterbuch nach und ersetzt es durch die dort angegebene
Bedeutung. Überall, wo im griechischen Text mega steht, gibt man das im
Deutschen mit groß wieder.) Wäre jene
Annahme richtig, dann könnte man eine andere Sprache lediglich mit Lexikon und
Grammatik lernen - dass das nicht funktioniert, merkt jeder Schüler, der zum
erstenmal ins Ausland kommt und sich dort mit der Sprache zurechtfinden muss,
die er in der Schule so fleißig und so erfolgreich gebüffelt hat.
Meist schätzen wir
die Auswirkungen des Turmbaus von Babel zu gering ein; wir haben das Ausmaß
dieser Katastrophe nicht begriffen. Als Gott die Sprachen verwirrte, hat er
gründliche Arbeit geleistet. Er hat nicht nur die einzelnen Symbole
ausgetauscht, sondern jede Sprache (z. T.
völlig) anders programmiert und konzipiert. Alles ist
durcheinandergeraten. Die Zuordnung der Symbole zu dem Bezeichneten ist
einzelsprachlich völlig verschieden; die Wortfelder sind auf unterschiedlichste
Weise organisiert, die Sätze immer wieder anders strukturiert. Das gilt selbst
bei nahe verwandten Sprachen. Darauf weist schon Martin Luthers berühmtes Diktum
in seinem Sendbrief vom Dolmetschen hin:
„Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll
Deutsch reden ... sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der
Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das
Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn
und merken, dass man deutsch mit ihnen redet."
Beispiel:
kind (engl.)
im Deutschen je nach Zusammenhang
- Art
- freundlich
Im Englischen 1 Symbol für zwei ganz verschiedene Dinge; im Deutschen
dafür je ein eigenes Symbol.
Beispiel:
frz. Le président
mange - La vache mange
dt. Der Präsident isst - Die Kuh frisst
Wo das Französische 1 Symbol hat, verwendet das Deutsche 2.
Der Sachverhalt ist
jedesmal derselbe (Nahrungsaufnahme). Trotzdem symbolisieren essen und
fressen nicht dieselbe Bedeutung. Man
kann das auf einfache Weise testen, indem man die beiden Ausdrücke vertauscht:
Der Präsident frisst
bezeichnet denselben Vorgang, ändert aber seine Bedeutung, kennzeichnet ihn als
negativ ("tierähnlich" - so etwas tut ein anständiger Mensch nicht).
Die Kuh isst: ist zwar
nicht bedeutungsverändernd, wirkt aber deplaziert und wird als sprachliche Fehlleistung
empfunden (mit komischem Effekt).
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