|
Seite 3 von 15
Ein Mega-Drache
In
Vers 3 finden wir unser mega: δρακων μεγας = ein riesiger Drache. (Das -ς ist eine geschlechtsspezifische Endung und muss
Sie nicht weiter stören. μεγας - μεγαλη - μεγα: großer Mann, große Frau, großes Kind). δρακων bedeutet natürlich „Drache"; das deutsche Wort geht auf das griechische
zurück. (Sie sehen: Griechisch ist gar nicht so schwer!)
Übrigens
taucht der δρακων μεγας in
Vers 9 gleich noch einmal auf. Zweimal kommt dieser Ausdruck also in unserem
Abschnitt vor. Und zwei Fragen verbinden sich damit:
1.
Wieso weichen wir in Vers 3 von der lexikalischen Angabe groß ab und geben das Adjektiv mit riesig wieder? Ist diese Abweichung linguistisch gerechtfertigt?
Scheinbar haben wir hier eine Anleihe bei der Jugendsprache gemacht: ein Megadrache. Scheinbar greifen wir zu
einer Übertreibung. Nun, ich kann Sie beruhigen: Von dramatisierenden Effekten
haben wir in der Offenbarung möglichst sparsamen Gebrauch gemacht. Johannes
selbst, der Autor, übt in dieser Hinsicht, so scheint mir, große Zurückhaltung,
und ich empfinde das (verglichen mit anderen zeitgenössischen Apokalypsen - z.
B. dem äthiopischen Buch Henoch, der Himmelfahrt des Mose, dem Vierten Esrabuch, dem Testament der Zwölf Patriarchen, alle in
der Zeit von ca. 200 v. Chr. bis 100 n. Chr. entstanden) als wohltuend. Aber
gerade deshalb scheint die Frage um so mehr berechtigt: Haben wir hier nicht
doch für einmal übertrieben?
2.
Wieso greifen wir in Vers 9 auf die "normale" Wíedergabe zurück (der große Drache)? Wieso sind wir so
inkonsequent und geben den Begriff - wenn wir schon von der üblichen Formulierung
abweichen - nicht an beiden Stellen gleich wieder? (Dieser zweite Punkt wird
schnell beantwortet sein.)
Sie
sehen, es geht nicht um eine tiefgründige theologische Frage, bewusst nicht.
Ich wollte für einmal jede gewichtige theologische Diskussionen ausklammern und
mich ganz auf den sprachlichen Aspekt konzentrieren. (Darum werden Sie heute
abend von mir auch keine Auskunft bekommen über die Identität der Frauengestalt
und über die zeitliche Einordnung des Geschehens, das Johannes sieht. Wer der Drache
ist, sagt er uns ja in Vers 9 selbst: der Satan; und das Kind ist Jesus
Christus, wie Vers 5 deutlich macht. Aber alles andere bleibt offen, was zu den
verschiedensten Deutungen geführt hat. Wie gesagt - mein Vortrag wird Ihnen dazu
keine Lösung offerieren).
|