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Wie groß ist ein Drache? |
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Seite 15 von 15
Einführung ausführlich - Wiederholung kurz und knapp
So
viel zu Offbg. 12,3. Nun noch ganz rasch zu Vers 9: Wieso haben wir μεγας dort nicht auch mit riesig wiedergegeben? Die Antwort ist simpel: Weil hier nicht mehr
die Beschreibung der äußeren Erscheinung im Vordergrund steht, sondern die
Identifizierung des Drachen. Er ist die Schlange der Urzeit, er ist der Teufel,
der Satan. Von der Beschreibung in Vers 3 muss daher nur das Nötigste
wiederholt werden, um für den Leser bzw. Hörer sicherzustellen, dass es sich um
dasselbe Wesen, um dieselbe Person handelt.
Wenn
eine neue Person eingeführt wird, ist eine detaillierte Schilderung ihres
Aussehens angebracht. Danach jedoch reicht ein knapper, identifizierender
Rückbezug. Jede Wiederholung der ausführlichen Beschreibung hat den Effekt
einer (unmotivierten) Markierung. Man weiß ja inzwischen, wie die Person
aussieht - wieso wird es dann nochmals gesagt? Der Leser sucht nach einem Grund
(den es nicht gibt), und ist irritiert. Man stelle sich vor, wie es wäre, wenn
Johannes bei jedem Vorkommen des Drachen
in Kap. 12 den ganzen Rattenschwanz (pardon: Drachenschwanz) der Verse 3 und 4
mitschleppen würde: der riesige,
feuerrote Drache, der 7 Köpfe und 10 Hörner hatte und auf jedem seiner 7 Köpfe
eine Krone trug. Es reicht, lieber Johannes, würden wir sagen, es reicht -
das alles hast du uns doch längst mitgeteilt.
Wieso
fügt Johannes überhaupt nochmals μεγας hinzu (nachdem er es in Vers 4b und in Vers 7 nicht getan hatte)?
Meines Erachtens vermutlich deshalb, weil es sich in Vers 9 um eine andere Art
von Aussage handelt. Bis dahin verfährt Johannes rein deskriptiv und narrativ:
Die Person wird eingeführt und beschrieben, und daraufhin wird geschildert, was
sie tut und erlebt. Das ist typisch für den "Wahrnehmungsmodus" der
Offenbarung - der Seher teilt uns in aller Regel einfach mit, was er
beobachtet. In Vers 9 hingegen macht Johannes etwas, was er eigentlich nur sehr
selten tut: Er wird für einen Augenblick zum Interpreten, d. h. er schildert
nicht nur, was er sieht, sondern er deutet eines der Symbole, gibt an, wer
hinter der Maske steckt. Vers 9a bildet sozusagen eine Hintergrundinformation.
Und darin - so scheint mir - ist der Grund zu suchen, weshalb diese Aussage
auch formal abgesetzt ist vom narrativen Umfeld und weshalb Johannes bewusst
über den berichtenden Teil hinweg an Vers 3 anknüpft.
Übrigens
könnte man diese Überlegungen noch weiterführen und auch an Vers 4b eine
kritische Anfrage richten: Wieso spricht Johannes dort nochmals ausdrücklich
vom Drachen (nicht nur in der NGÜ, sondern genauso auch im Griechischen!)?
Würde nicht ein deiktisches, ein zurückverweisendes Pronomen reichen? „Er
stellte sich vor die Frau hin" - wäre da irgend jemand unsicher, um wen es sich
bei Er handelt? Bestimmt nicht. Aber
in einem anderen Punkt wären wir unsicher: Wo hört die Beschreibung auf, und wo
beginnt die Handlung? Die nominale Nennung des Subjekts markiert einen
Einschnitt: Jetzt - so signalisiert Johannes - kommt es zu einem Wechsel in der
Darstellung. Bis dahin hat er gewissermaßen ein Diapositiv vorgeführt, ein statisches
Bild, auf dem die maßgebenden Figuren zu sehen waren, die Frau und der Drache.
Jetzt legt er ein Video ein - das Bild beginnt sich zu bewegen, die Gestalten
fangen an zu handeln, das Drama wird in Gang gesetzt. Die nochmalige
ausdrückliche Nennung des Drachen definiert also den Übergang von der
Beschreibung der Ausgangssituation zum Einsetzen der Handlung. (Damit wird auch
deutlich, dass das Herunterfegen der Sterne vom Himmel auf die Erde in Vers 4a
- obwohl es, formal gesehen, eine Handlung darstellt - statisch zu verstehen
ist, immer noch als Teil der Background-Schilderung. Das ist auch der Grund,
weshalb wir mitten im Vers einen Absatz eingefügt haben.)
So,
das war nun ein langer, intensiver Blick auf einen winzigen Ausschnitt aus dem,
was Sprache ist, und aus dem, was Übersetzen bedeutet. Übersetzen bedeutet, für
die sprachlichen Symbole des einen Textes die angemessenen sprachlichen Symbole
in der anderen Sprache zu finden, damit die außersprachliche Wirklichkeit, um
die es im Ausgangstext geht, auch im übersetzten Text so genau wie möglich
bezeichnet wird. Das ist auch unser Anliegen bei der Neuen Genfer Übersetzung.
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