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Eine vielfach unterteilte
Skala
Genug
davon. Wir haben jetzt immer so getan, als gebe es auf der Skala der
Größenverhältnisse nur das Gegensatzpaar groß-klein.
Aber eigentlich sind das nur 2 von theoretisch unendlich vielen Unterteilungen
und Bezeichnungen: mikroskopisch klein,
winzig, klitzeklein, klein, normal, groß, hünenhaft, baumlang, riesig. Wir
sehen: groß ist ein Relationsbegriff.
Er bildet ein Element aus einem ganzen Spektrum von Begriffen, die sich
auf die relative Größe einer Sache beziehen, nicht auf ihre absolute Größe.
Alle diese Begriffe miteinander decken das gesamte Spektrum ab, jeder
Einzelbegriff einen mehr oder weniger umfangreichen Teil der Skala. Die
Begriffe auf dieser Skala bewegen sich von einem Mittelwert aus - normal - nach unten und nach oben,
diminutiv und augmentativ, vom Zwerg bis zum Riesen. Man könnte die Extrempositionen
der Skala festschreiben, könnte die Außenwerte zu absoluten Größen erklären, zu
Fixwerten: kleiner geht es nicht, größer geht es nicht. Aber alle
Zwischenpositionen sind relativ größer bzw. relativ kleiner, je nachdem, ob man
nach oben oder nach unten hin vergleicht.
Ein
Beispiel: die Zeugnisnoten. Alle Noten zusammen füllen ein referentielles
Kontinuum aus; die Einzelnoten sind je nach Differenzierungsgrad mehr oder
weniger gewichtig. In Deutschland und in der Schweiz haben wir eine 6er-Skala
(6 Unterteilungen); folglich ist gut relativ
stark eingegrenzt. Theoretisch vorstellbar wäre auch eine 2-Teilung (gut - schlecht / nicht gut) mit der
Folge, dass gut einen viel höheren
Stellenwert bekommt, eine größeres Gewicht bzw. eine völlig anders geartete
Bedeutung: Kein Gut zu haben wäre bei
der 6er-Skala kein Beinbruch, im 2er-System wäre es der Untergang! In
Frankreich hat man sogar 20 Abstufungen. Da macht es natürlich keinen großen
Unterschied, ob man ein Gut hat -
wenn es diese Bezeichnung überhaupt gibt - oder eine benachbarte Note. Übrigens
besteht zwischen dem deutschen und dem Schweizer Notensystem doch ein
Unterschied (abgesehen davon, dass die Deutschen von 1 bis 6 zählen und die
Schweizer von 6 bis 1): In der Schweiz gibt es 3 Noten überm Strich und 3
darunter, in Deutschland 4 überm Strich und 2 drunter. Bei beiden Skalen ist Gut die zweite Note von oben, und doch
ist Gut nicht gleich Gut: In der Schweiz umfasst es ein
Drittel des positiven Bereichs, in Deutschland nur ein Viertel! Von daher
könnte man sagen: Das schweizerische Gut ist
gewichtiger, weil es auch einen Teil des deutschen Befriedigend abdeckt; das deutsche Gut ist sozusagen nach oben gerutscht. Und deshalb - seien Sie mir
nicht böse - könnte man auch sagen: Das deutsche Gut besser ist als das schweizerische. Auf jeden Fall ist klar: Je
höher die Differenzierung, desto geringer der Umfang des einzelnen Begriffs.
Welchen
Umfang ein solcher antonymischer Begriff abdeckt, hängt von der Gesamtzahl der
Begriffe ab, die verwendet werden können. Und das wiederum ist zunächst einmal
von den lexikalischen Möglichkeiten abhängig (welche Vokabeln zu dem diskutierten
Wortfeld stellt die betreffende Sprache zur Verfügung?). Außerdem kann das
Wortfeld durch das Sprachverhalten der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe
eingeschränkt sein (Soziolekt) bzw. das Sprachverhalten des einzelnen
Sprachteilhabers widerspiegeln (Idiolekt). Und schließlich sind auch die
Literaturgattung und ähnliche Faktoren zu berücksichtigen (in der Poesie wird
z. B. eher ein gehobenes und leicht antiquiertes Wortregister gebraucht, in
einem Sachbuch fachsprachliche Ausdrücke, in einem Roman umgangssprachliche
Wendungen).
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