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Wie groß ist ein Drache? |
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Seite 11 von 15
Fragen, die alles offen
lassen
(e)
Zurück zu unserem Ausgangssatz: Das Haus
ist groß. Machen wir daraus doch einmal eine Frage. Angenommen, Sie wollen
die Größe eines Hauses in Erfahrung bringen. Was würden Sie fragen? Wie groß ist das Haus? Aber
merkwürdigerweise nicht: Wie klein ist
das Haus? Theoretisch könnten wir doch auch so fragen, solange wir
noch nicht wissen, wie das betreffende Haus beschaffen ist. Aber so fragen wir
nicht, und das ist auch gar nicht nötig. Offensichtlich setzt die Frage Wie groß ist es? nicht voraus, dass das
Objekt, dem die Nachforschung gilt, eher groß als klein klassifiziert wird,
sondern ist völlig offen oder (wie man in der Fachsprache sagt) unmarkiert, was
die Erwartungen des Fragestellers anbelangt. Die Frage Wie groß ist das Haus? sagt also nichts anderes als: Ist das Haus groß oder klein? Ist es eher
größer oder eher kleiner? Das liegt eben genau an dem Umstand, von dem
bisher die Rede war: Antonyme machen - qualitativ gesehen - keine absoluten
Angaben. Sie sind - ob es ausgesprochen wird oder implizit bleibt - immer
gradiert, d. h. sie können die ganze Bandbreite aller tatsächlichen Größen
abdecken. Deshalb zielt die Frage Wie
groß ist das Haus? in beide Richtungen, und die Antwort kann sowohl sein: Es ist groß als auch: Es ist klein.
Ein
anderes Beispiel: Wie alt ist er? Genauso
wird auch gefragt, wenn es sich um ein gerade erst geborenes Baby handelt -
also nicht: Wie jung ist es?,
sondern: Wie alt ist es?
Die
Frage führt in das Gespräch gewissermaßen einen stillschweigend vorausgesetzten
Maßstab ein, der von den Partnern als verbindlich anerkannt wird (eine
Übereinkunft über das, was groß bzw. alt ist), und stellt die Forderung, dass
das betreffende Objekt sozusagen anhand dieses Maßstabes gemessen wird. Die
erste Messung (die erste Antwort) erfolgt dichotomisch (in zwei Richtungen
gegabelt) mittels eher groß als klein oder
eher klein als groß (nämlich in Bezug
auf diese Norm). Wem die Beschreibung nach dieser ersten Stufe nicht
ausreichend genau ist, der kann immer noch eine weitere, diesmal eine markierte
Frage stellen: Wie groß ist das
Haus? oder Wie klein ist es? (beachten
Sie den Akzent bzw. die Intonation zur Unterscheidung von der unmarkierten
Frage). Hinter der markierten Frage steht bereits die Voraussetzung, dass das
Objekt, um das es geht, mehr an dem einen Ende des Maßstabs als an dem anderen
lokalisiert worden ist; mit ihr wird die nähere Festlegung des genauen Punktes
auf dem Maßstab gesucht, und zwar in bezug auf die verbindliche Größennorm.
Dieser
neutralisierende, den Gegensatz aufhebende Gebrauch eines Antonyms findet sich
übrigens nicht nur bei den Adjektiven (Eigenschaftswörtern), sondern z. B. auch
bei den Substantiven (Hauptwörtern): Wir messen die Größe, Höhe, Breite, Länge des Schrankes, nicht die Kleinheit, Niedrigkeit, Schmalheit,
Kürze - selbst wenn es sich um ein minikleines Möbelstück handelt.
Sowohl
beim Messen als auch bei der Frage greifen wir also immer nur auf den einen Pol
des Antonymenpaares zurück. Wir fragen: Wie
groß ist das Haus?, nie: Wie klein
ist es? (obwohl damit im Grunde genau dasselbe erfragt würde). Es scheint
so - das nebenbei bemerkt; jetzt machen wir beinahe einen Ausflug in die
Sprachphilosophie -, als wäre für unser Empfinden das eine Antonym von
positiver, das andere von negativer Polarität (wobei der positive Begriff den
Ausgangspunkt unseres Denkens bildet). Wir gehen gewissermaßen von einer
Normgröße aus und fragen von diesem positiven Pol aus nach der tatsächlichen
Größe. Wir gehen von einem gewissen Alter aus und fragen von dort aus nach der
absoluten Jahreszahl. Deshalb sagen wir normalerweise auch, dass kleine Dinge
von geringer Größe sind, und nicht, dass große Dinge von geringer Kleinheit
sind. Und im allgemeinen wird das unmarkierte Antonym (z. B. groß) beim Komparativ für die positive
Seite gebraucht, also für das, was als mehr
als, aber nicht für das, was als weniger
als die Norm empfunden wird.
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