|
Seite 11 von 11
... und im Blick auf Gottes Volk
Die andere Frage, die sich
mit der Bekehrung des Kornelius zum ersten Mal ganz massiv stellt: Wo ist denn
jetzt das Volk Gottes zu finden? Bisher war Israel das erwählte Volk. Und
sämtliche Christen waren gleichzeitig Juden. Scheinbar gab es da kein Problem.
Aber seit Kornelius gibt es mit einem Mal Leute, die sind keine Juden und sind
trotzdem vollwertige Christen und also auch vollwertige Mitglieder des Volkes
Gottes - Römer, Griechen, Araber, Germanen, Helveter, Chinesen, Japaner,
Indianer, Afrikaner. Plötzlich ist Christ nicht mehr automatisch gleich Jude.
Plötzlich ist Volk Gottes nicht mehr automatisch gleich Volk Israel. Aber wie
sieht denn dieses neugestaltete Volk Gottes jetzt aus? Wo ist es zu suchen? Die
Antwort, so revolutionär sie den ersten jüdischen Christen vorkommen mußte, ist
ganz einfach: Das Volk Gottes ist ab jetzt ein Volk aus vielen Völkern. Jesus
hat, um das zu veranschaulichen, von einer Schafherde gesprochen. „Ich bin der
gute Hirte", sagt er in Johannes 10. „Ich kenne meine Schafe, und meine Schafe
kennen mich ... Ich habe auch noch Schafe, die nicht aus diesem Stall sind
(nämlich aus Israel). Auch sie muß ich herführen; sie werden auf meine Stimme
hören, und alle werden eine Herde
unter einem Hirten sein" (Johannes
10,14.16). Eine Herde mit Schafen aus verschiedenen Ställen; ein Volk aus vielen Völkern. Paulus
verwendet im Römerbrief ebenfalls ein Bild; er vergleicht Israel mit einem
Ölbaum. „Einige Zweige hat Gott ausgebrochen", sagt er - nämlich die Juden, die
nicht an Jesus glauben wollten. Dafür hat Gott „Zweige von einem wilden Ölbaum
eingepfropft" (Römer 11,17) - nämlich die Nichtjuden, die bereit waren, ihr
Leben Jesus zu unterstellen. Ein Ölbaum mit Zweigen verschiedenster Herkunft; ein Volk aus vielen Völkern.
Gott hat das von langer Hand
vorbereitet. Es stimmt, in alttestamentlicher Zeit hat er ein Volk erwählt. Für die Israeliten war das das letzte Wort, der
Schlußstein in Gottes Plan. Ihre Erwählung machte sie stolz. Ihre Erwählung
führte dazu, daß sie sich von allen anderen Völkern abgrenzten. Dabei hatte
Gott sich die Konzentration auf ein Volk
nur als Zwischenstation gedacht, als Sprungbrett für einen viel umfassenderen
Plan: alle Völker zu erreichen. Schließlich sind alle Menschen Gottes Geschöpfe; alle
sind ihm gleich lieb und gleich wichtig. Und wenn man das Alte Testament
aufmerksam liest, entdeckt man viele verstreute Hinweise auf dieses größere
Ziel. Es ist, als hätte Gott - verzeihen Sie das kriegerische Bild - eine Zündschnur
gelegt. Immer wieder gibt er einen Hinweis auf sein weltumspannendes Ziel,
immer weiter frißt sich das Feuer an der Schnur. Das geht los bei Abraham, zu
dem Gott sagt: „Durch dich sollen alle Völker der Erde gesegnet werden" (1.
Mose 12,3). Und weiter frißt sich das Feuer, bis zu Jesaja, der ankündigt: „Der
Herr wird die Erde segnen mit den Worten: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk!
Gesegnet ist Assyrien, das ich geschaffen habe! Gesegnet ist Israel, mein Eigentum!"
(19,25). Und dann kommt der Missionsbefehl von Jesus; jetzt ist das Feuer schon
ganz nah beim Dynamit angelangt: „Geht zu allen Völkern und macht die Menschen
zu meinen Jüngern!" (Matthäus 28,19). Und dann endlich, hier, im Haus des Kornelius,
bringt Petrus den Sprengsatz zum Explodieren. Jetzt ist der entscheidende
Schritt gemacht; jetzt sind die einengenden Fesseln endgültig weggesprengt.
Jetzt ist der Weg freigesprengt für eine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden.
Dem entspricht haargenau,
was Johannes im letzten Buch der Bibel schildert: „Ich sah eine riesige
Menschenmenge aus allen Stämmen und Völkern, Menschen aller Sprachen und Kulturen;
es waren so viele, daß niemand sie zählen konnte. In weiße Gewänder gehüllt,
standen sie vor dem Thron Gottes und vor dem Lamm" (Offenbarung 7,9). (Das
Tuch, das Petrus in seiner Vision gesehen hat, das Tuch vom Himmel mit den
reinen und unreinen Tieren, ist letztlich nichts anderes als ein Bild für die
Gemeinde Jesu, die Gemeinde aus Juden und Nichtjuden.)
Johannes sieht voraus, daß
es einmal so kommen wird. Aber damals, als Petrus die Einladung von Kornelius
annahm, ahnten wohl die wenigsten, was für eine Lawine er damit lostrat. Sie
hielten es vielleicht eher für eine Ausnahme, einen Einzelfall. Schließlich
waren bis dahin 99,9 Prozent aller Christen Juden. Wer so dachte, hatte sich
ganz schön getäuscht! Indem Petrus die Tür zu Kornelius‘ Haus öffnete, stieß er
ein Scheunentor auf, durch das die Heiden nur so hereinströmten. Innerhalb
weniger Jahre gab es im ganzen Mittelmeerraum zahlreiche christliche Gemeinden,
und überall waren die Nichtjuden in der Mehrzahl. Ja, es ging nur wenige
Jahrzehnte, da hatte sich das Zahlenverhältnis völlig auf den Kopf gestellt.
Für uns ist selbstverständlich, daß es in der Schweiz Christen gibt und in
Deutschland und England und Amerika; Christen in Israel dagegen sind die große
Ausnahme (aber zum Glück gibt es auch davon neuerdings mehr und mehr).
Ein Volk aus vielen Völkern
- ist das nicht großartig? Daß es dazu kam, verdanken wir der Begebenheit, die
Lukas uns in Apostelgeschichte 10 berichtet. Ich glaube, ich weiß auch, warum
Lukas das so ausführlich schildert - nicht nur, weil er begriffen hatte, was
für ein Sprengsatz da gezündet wurde, sondern auch, weil er ganz persönlich
betroffen war. Lukas war kein Jude! Von allen Schreibern des Neuen Testaments
ist Lukas der einzige Nichtjude! Dieser Begebenheit verdankt er alles, die
Vergebung seiner Schuld, sein neues Leben, seine Hoffnung, seinen Frieden.
Immer wieder wird er sich gesagt haben: Was wäre aus mir geworden, wenn
Kornelius Petrus nicht zu sich eingeladen hätte? Was wäre aus mir geworden,
wenn Gott Petrus nicht geschubst hätte, wieder und wieder? Was wäre aus mir
geworden, wenn Petrus schließlich nicht bereit gewesen wäre, über den Graben
und über seinen eigenen Schatten zu springen und über die Schwelle von
Kornelius‘ Haus zu treten? Ein kleiner Schritt für diesen einen Menschen; ein
großer, revolutionärer Schritt für die Gemeinde Jesu und für die ganze
Menschheit. Gott sei Dank, daß Petrus ihn gemacht hat!
|