|
Seite 8 von 9
... bis zur Verfolgung
Übrigens: Ist Ihnen
aufgefallen, wie ehrlich Jesus mit seinen Jüngern ist? Er möchte doch, dass sie
zu ihm halten und für ihn eintreten, aber er verschweigt ihnen nicht, dass das
kein Zuckerschlecken wird. Ihr meint, alle werden mit fliegenden Fahnen zu euch
überlaufen, wenn ihr ihnen das Evangelium verkündet? Da habt ihr euch
geschnitten. Widerstand werdet ihr erleben und Ablehnung, Hass und Verfolgung.
„Menschen werden ihre nächsten Angehörigen dem Henker ausliefern: der Bruder
den Bruder und der Vater sein Kind; und auch Kinder werden sich gegen ihre
Eltern stellen und sie töten lassen. Um meines Namens willen werdet ihr von
allen Menschen gehasst werden. Wer aber bis ans Ende standhaft bleibt, wird
gerettet." (Matthäus 10,21f)
Ihr werdet nicht auf allgemeine Zustimmung stoßen, es wird nicht zur großen
Verbrüderung aller Menschen kommen, nein, ihr werdet erleben, wie meine
Botschaft Kontroversen auslöst, Entfremdung, Spaltungen, Unfrieden. Dem Frieden
geht das Schwert voraus.
Christen haben durch alle
Jahrhunderte hin und in unserer modernen Zeit mehr als je zuvor Ablehnung
erfahren. Sie müssen den Verlust des Arbeitsplatzes ertragen, Verstoßung und
Enterbung durch die Familie, Ächtung durch die Gesellschaft und schließlich den
Märtyrertod. Wir hier im ehemals christlichen Abendland stellen eine ganz
untypische, glückliche Ausnahme dar.
Aus der Zeit der
Christenverfolgung in den ersten Jahrhunderten der Gemeinde von Jesus gibt es
zahlreiche sogenannte „Märtyrerakten". Ein besonders bewegender Bericht ist der
über die Hinrichtung von Perpetua in Karthago, 203 n. Chr. Es ist erschütternd
zu lesen, wie ihr Vater versucht, ihre Standfestigkeit zu brechen, und es
zeigt, wie die natürliche Liebe eines Kindes zu seinen Eltern eine noch größere
Anfechtung bedeuten kann als die Todesfurcht.
„Als ... mein Vater in
seiner Liebe nicht aufhörte, mir zuzureden, um mich zum Abfall zu bringen, da
sagte ich: ‚Siehst du dieses Gefäß hier, ein Krüglein oder was es ist?' Er
antwortete: ‚Ich sehe es.' Darauf sagte ich: ‚Kann man es wohl anders nennen,
als was es ist?' Und er sagte: ‚Nein.' - ‚So kann ich mich auch nicht anders
nennen, als was ich bin, eine Christin.' ... Nach einigen Tagen ging das Gerücht,
wir sollten verhört werden. Es kam aber aus der Stadt mein Vater, ganz vom Gram
verzehrt; er stieg zu mir hinauf, um mich zu Fall zu bringen. Er sagte:
‚Tochter, erbarme dich meiner grauen Haare, erbarme dich deines Vaters, wenn du
mich noch für wert hältst, dein Vater zu heißen! Wenn ich dich mit diesen
Händen zu solcher Blüte des Alters aufgezogen habe, so gib mich nicht dem
Spotte der Menschen preis! Blicke auf dein Brüder, blicke auf deine Mutter,
blicke auf dein Kind, das nach deinem Tode nicht wird fortleben können! Beuge
deinen Sinn, richte uns nicht alle zugrunde ...' Das sage er in seiner
väterlichen Liebe. Er küsste mir die Hände, warf sich zu meinen Füßen nieder
und nannte mich unter Tränen nicht mehr Tochter, sondern Frau. Mich schmerzte
das Schicksal meines Vaters, dass er allein von meiner ganzen Familie sich über
meine Leiden nicht freuen würde.' (H. D. Stöver, Christenverfolgung im
Römischen Reich, Düsseldorf 1982, Seiten 152f)
Übrigens: Jesus hat die
Ablehnung durch die Familie nicht nur seinen Jüngern angekündigt; er hat sie am
eigenen Leib erlebt. „Seine eigenen Brüder glaubten nicht an ihn", heißt es in
Johannes 7,5. In Matthäus 13,57 sagt Jesus: „Ein Prophet gilt nirgends so wenig
wie in seiner Heimatstadt und in seiner eigenen Familie." Und in Markus 3,20f wird berichtet, dass
seine Angehörigen einmal versuchten, ihn mit Gewalt nach Hause zu holen, weil
sie überzeugt waren, dass er den Verstand verloren hatte! Ist das nicht beinahe
unbegreiflich? Der edelste, glaubwürdigste, liebevollste Mensch, den es je
gegeben hat, wird von seinen eigenen Verwandten für verrückt erklärt? Wir
denken immer: Ach, wenn Jesus doch persönlich hier wäre! Dann wären alle
bestimmt in Nullkommanichts überzeugte Christen. Ich wäre mir da nicht so
sicher. Die Brüder und Schwestern von Jesus hatten alle Möglichkeiten, ihn zu
beobachten, sich von seiner Autorität und Aufrichtigkeit zu überzeugen - und
doch lehnten sie ihn ab.
|