|
Seite 5 von 9
Was heisst denn: Ich bringe das Schwert?
Zurück zu unserem
Rätselwort. Wenn Jesus sagt: „Ich bringe das Schwert", dann meint er nicht
Waffengewalt und Krieg. Wer ihm etwas anderes unterstellt, unterstellt ihm
etwas Falsches. Die Kreuzritter konnten sich nicht auf diese Aussage berufen;
der Islam hat nicht das Recht, das als Argument gegen Jesus anzuführen. Das
Christentum ist keine kriegerische Religion. Jesus ist kein Feldherr, er ist
der Prince of Peace, der Friedensfürst.
So haben es auch die
christlichen Märtyrer aller Jahrhunderte gesehen. Heute gibt es ja in
verschiedenen Religionen zahlreiche selbsternannte Märtyrer, die in
Wirklichkeit schlicht und einfach Terroristen sind - bis an die Zähne
bewaffnete Selbstmordattentäter. Sie nehmen ihren Tod ganz bewusst in Kauf, um
denen, die sie für Feinde halten, Schaden zuzufügen. Kein christlicher Märtyrer
hätte je so etwas getan. Andere mit in den Tod reißen, um den Feind zu
bekämpfen - eine fürchterliche Perversion des Märtyrergedankens. Nein, die
Märtyrer unter den ersten Christen und in allen späteren Generationen starben,
damit andere leben können, oder sie starben, weil sie überzeugt waren, dass die
Treue zu Gott mehr wert ist sogar
als das Leben. Aber zum Schwert zu greifen, um Frieden zu schaffen? Auf diese
Idee wäre nie einer gekommen.
Aber was hat Jesus dann
gemeint, wenn er sagte: „Ich bringe das Schwert"? Um das herauszufinden, müssen
wir ihm noch ein bisschen länger zuhören. Er hat nämlich weitergeredet, und für
uns heißt das: weiterlesen in Matthäus: „Ich bin gekommen, um den Sohn mit
seinem Vater zu entzweien, die Tochter mit ihrer Mutter und die
Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; die eigenen Angehörigen werden zu
Feinden." (Matthäus 10,35.36)
Daran wird zunächst einmal
deutlich: Frieden ist ein sozialer Begriff. Frieden hat damit zu tun, wie ich
mit den anderen Personen in meinem Umfeld auskomme. Frieden ist ein Beziehungswort;
es beschreibt, wie es um eine Beziehung steht. Zerrüttete Beziehungen bedeuten
Unfrieden; harmonische Beziehungen bedeuten Frieden. Wenn zwei zerstrittene
Parteien sich versöhnen, entsteht Frieden.

Wenn Jesus also vom Schwert
redet, denkt er an Entzweiung - nicht Entzweiung zwischen Völkern, sondern
Entzweiung zwischen einzelnen Menschen.
Dieselbe Rede Jesu
ist auch im Lukas-Evangelium überliefert. Manchmal ist es sehr nützlich,
nachzuschlagen und zu vergleichen. In Lukas 12,51 heißt es: „Meint ihr, ich sei
gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden,
sondern Entzweiung." Sehen Sie, wie nützlich das ist? Hier steht statt Schwert
Entzweiung. Mit einem Federstrich ist der Mythos beseitigt, Jesus sei gekommen,
um Kriege gegen feindliche Völker zu führen!
Es geht um Entzweiung.
Menschen, die sich bis dahin gut verstanden haben, werden sich fremd. Dicke
Freunde werden erbitterte Feinde. Jesus wählt ein besonders krasses Beispiel:
die Familie. Hier haben wir ihn wieder: Jesus, den Provokateur. Die Familie -
das ist doch der Kern und das Fundament jeder Gesellschaft. Die Familie ist
sakrosankt - bei uns im Westen vielleicht nicht mehr unbedingt, aber dafür umso
mehr im Nahen Osten. Wenn irgendwo Frieden herrschen muss, dann in der Familie.
Hier haben wir die engsten und wichtigsten Beziehungen, die es auf der Erde
gibt. Treibe einen Keil zwischen Mann und Frau, treibe einen Keil zwischen
Eltern und Kinder, und du zerstörst die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens.
Nie würde es in der nahöstlichen Kultur ein Sohn wagen, gegen seinen Vater zu
rebellieren. Der Vater ist der Hausherr; was er sagt, wird gemacht.
Und was sagt Jesus? „Ich bin
gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien!" Wie bitte? Das soll der
Messias sein, ein Entzweier statt ein Versöhner? Man hört die Leute förmlich
nach Luft schnappen vor Empörung. „Ich bin gekommen, um die Tochter mit ihrer
Mutter zu entzweien und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter." Na ja,
das mit der Schwiegermutter und der Schwiegertochter könnten manche noch
nachvollziehen - oder warum gibt es sonst so viele bitterböse Witze über diese
Beziehung? (Mir selbst fällt es allerdings ziemlich schwer, mich da
reinzuversetzen; ich habe die besten Schwiegereltern, die man sich denken kann,
und meine Eltern hätten sich keine liebenwürdigere, tüchtigere und klügere
Schwiegertochter wünschen können. - Vorgestern war Valentinstag; da darf man
ruhig mal ein kleines Kompliment machen.) Aber es soll ja Familien geben, wo es
gerade bei den Schwieger-Beziehungen noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Na
ja. Aber dass Jesus die Gräben noch vertieft, statt sie zuzuschütten - das ist
unerhört. Wie meint er das nur?
|