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Was bedeutet denn nun diese Aussage?
So, jetzt lassen wir die sprachlichen Überlegungen hinter uns und gehen
über zu praktischen Gesichtspunkten. Wie hat man sich das denn vorzustellen:
"Petrus, der Felsenmann, auf den Jesus seine Gemeinde baut"? Zunächst
möchte ich nochmals auf die Schlüssigkeit dieser Aussage hinweisen. Zum ersten
Mal stellt sich ein Jünger so offen auf Jesu Seite und bekennt sich zu ihm als
dem Messias und dem Sohn Gottes. In gewissem Sinn ist Petrus damit der erste
Christ. (Ich weiß, zum Christsein gehört der Glaube an den gekreuzigten und
auferstandenen Herrn und der Empfang des Heiligen Geistes. Aber zum damaligen
Zeitpunkt, vor Pfingsten und vor Kreuz und Auferstehung, war dieses Bekenntnis
der größte Schritt, den jemand tun konnte, um seine Zugehörigkeit zu Jesus zu
demonstrieren, und Petrus war der erste, der diesen Schritt machte. Hierin
liegt - wie ich schon sagte - sicher auch der Grund, wieso Jesus plötzlich und
zum allerersten Mal überhaupt auf die Gemeinde zu sprechen kommt (die es ja bis
dahin noch gar nicht gab). Er sieht in Petrus gewissermaßen das erste
Gemeindeglied; jetzt kann er offen vom künftigen Gemeindebau reden.
Und weil Petrus sich vor allen zur Einzigartigkeit von Jesus bekennt,
setzt Jesus ihn in eine einzigartige Stellung ein. Weil Petrus der erste ist,
der sich so klar auf seine Seite stellt, macht Jesus ihn zum ersten Stein, zu
einem tragenden Stück Fels, auf dem er die Gemeinde dann weiterbaut.
Wohlgemerkt: Nicht Simon bekommt das "Felsenamt", sondern
Petrus. Nicht auf dem alten Menschen kann Jesus aufbauen, sondern auf dem
erneuerten, auf dem, der sich zu Christus bekennt und sich an Christus hält.
Petrus wird nur in dem Maß "Felsenmann" sein, wie er sein eigenes
Leben auf den wahren Fels, Christus, stützt. Nicht eigene Verdienste haben
Petrus dieses besondere Amt eingebracht, sondern Gottes Gnade, die ihm den Sohn
Gottes offenbart hat.
An der Stelle haken wieder manche ein. Petrus als Fels, auf den die
Gemeinde aufgebaut wird? Da stimmt doch etwas nicht, das widerspricht doch
klaren biblischen Aussagen. In 1. Korinther 3,11 heißt es: „Das Fundament ist
bereits gelegt, und niemand kann je ein anderes legen. Dieses Fundament ist
Jesus Christus." Wer ist denn nun das Fundament der Gemeinde - Jesus oder
Petrus?
Ich meine, wir müssen acht geben, daß wir biblische Aussagen nicht
gegeneinander ausspielen. Natürlich ist Christus das Fundament, das durch kein
anderes ersetzt werden kann. Diese Aussage stammt von Paulus; sie steht im 1.
Korintherbrief. Aber derselbe Paulus schreibt in einem anderen Brief folgendes:
„Ihr seid in den Bau eingefügt, dessen Fundament die Apostel und Propheten
bilden, und der Eckstein in diesem Fundament ist Christus." (Epheser 2,20;
vergleiche Offenbarung 21,14: „Das Fundament der Stadtmauer bestand aus zwölf
Grundsteinen, auf denen zwölf Namen standen - die Namen der zwölf Apostel des
Lammes"). Im Griechischen steht für "Fundament" an beiden Stellen
dasselbe Wort (qemelioV, themelios). Was stimmt denn nun? Ist
Christus das Fundament, oder sind es die Apostel und Propheten? Beides stimmt.
Schaut man auf die übernatürliche Seite, dann ist Christus das Fundament. Einen
grundlegenderen Grund gibt es nicht. Schaut man aber auf die menschliche Seite
(und das Haus der Gemeinde Jesu baut sich nun mal aus Menschen auf, aus
"lebendigen Steinen" - 1. Petrus 2,5), dann waren die Jünger Jesu die
ersten Gemeindeglieder, eben das "Fundament der Apostel", und
innerhalb dieses menschlichen Fundaments war Petrus der allererste.
Also: Das Fundament ist einmal Christus, und einmal sind es die Apostel
und Propheten. Man kann es auch noch aus einem anderen Blickwinkel ansehen:
Christus ist einmal das Fundament, und einmal ist er der Eckstein, der
wichtigste Stein innerhalb des Fundaments. Das führt zu einer weiteren
Beobachtung. Wir haben es bei all diesen Ausdrücken mit Bildern zu tun.
"Eckstein", "Fels" und "Fundament" sind
Vergleiche. Vergleiche betonen einen Aspekt, den sie mit der bezeichneten
Wirklichkeit gemeinsam haben, sie sind nicht die Wirklichkeit
selbst, auf die sie hinweisen. Jesus ist nicht buchstäblich ein Felsblock;
Petrus ist nicht wortwörtlich ein großer Stein. Das bedeutet aber auch,
daß dieselben Metaphern für verschiedene Dinge verwendet werden können.
- Gott/Jesus
wird im Alten und Neuen Testament verschiedentlich als "Löwe" bezeichnet.
„Einer hat den Sieg errungen - der Löwe aus dem Stamm Juda, der Sproß, der
aus dem Wurzelstock Davids hervorwuchs. Er ist würdig, das Buch mit den
sieben Siegeln zu öffnen." (Offenbarung 5,5). Der Löwe aus Juda - das ist
Jesus. Damit ist dieses Bild aber nicht zwingend für Gott reserviert. Auch
Gottes Gegenspieler, der Satan, wird ein "Löwe" genannt! „Seid
wachsam und nüchtern! Euer Feind, der Teufel, schleicht um die Herde wie
ein hungriger Löwe. Er wartet nur darauf, daß er jemand von euch
verschlingen kann." (1. Petrus 5,8)
- Oder:
„Sauerteig" ist häufig ein Bild für etwas Schlechtes. Paulus redet in 1.
Korinther 5,8 von dem „Sauerteig der Bosheit und der Schlechtigkeit", den
wir aus unserem Leben entfernen sollen. Aber der Sauerteig kann auch ein
Bild für die alles durchdringende Kraft von Gottes Reich sein: „Mit dem
Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig ..." (Matthäus 13,33).
- Oder: Einmal
nennt Jesus sich selbst "das Licht der Welt" (Johannes 8,12),
ein anderes Mal erklärt er seine Jünger zum "Licht der Welt"
(Matthäus 5,14).
Von daher überrascht es nun auch keineswegs, wenn einmal Jesus und ein
anderes Mal die Apostel als Fundament der Gemeinde bezeichnet werden oder wenn
einmal Petrus "Fels" genannt wird und ein andermal Jesus.
Um beide Aussagen miteinander in Einklang zu bringen, denke ich gern an
1. Korinther 11,1, wo Paulus die Korinther auffordert, seinem Beispiel zu
folgen. Darf ein Mensch denn andere Menschen zu so etwas aufrufen? Müßte er sie
nicht bitten, dem Beispiel von Jesus zu folgen? Doch, und das tut Paulus
auch, denn er fährt fort: "...so wie ich dem Beispiel folge, das Christus
uns gegeben hat." Nur in dem Maß, in dem Paulus dem Beispiel Jesu folgt,
sollen die Korinther dem Beispiel des Apostels folgen.
Interessant, nicht? Da möchte jemand, daß die Menschen in ihm ein
Vorbild sehen, ihn nachahmen. Was tut er? Ganz klar: Er stellt sich vor die
anderen hin: Alle mal hersehen, alle mal herhören. Ich zeig euch, wie's gemacht
wird. Und natürlich steht dieser eine jetzt im Mittelpunkt; alles dreht sich um
ihn. Und wenn er nicht ganz doll aufpasst, fängt er an, sich etwas auf sein
vorbildliches Leben einzubilden. - Paulus geht anders vor. Er dreht sich nicht
zu denen, die ihn nachahmen sollen; er kehrt ihnen den Rücken zu! Er
konzentriert sich ganz darauf, Jesus nachzuahmen. Und während er das tut,
kommen hinter seinem Rücken immer mehr Menschen zusammen, schließen sich ihm an
und ahmen ihn nach - oder vielmehr: ahmen zusammen mit ihm Jesus nach. Ein
wunderbares Rezept gegen Selbstherrlichkeit und Größenwahn von Leuten, die im
Rampenlicht stehen und andere führen sollen.
„Folgt meinem Beispiel, so wie ich dem Beispiel folge, das Christus uns
gegeben hat." Der wahre Zielpunkt für unsere Orientierung ist Jesus. Aber auf
dieser Erde wird Jesus repräsentiert durch seine Boten. Es wäre fatal für die
Gemeinde, wenn ihre Verkündiger sagen müßten: Seht nicht auf uns, wir sind
leider Lügner und Diebe und Ehebrecher; seht von uns weg auf Jesus! Paulus
jedenfalls ist ganz anders vorgegangen. Seht auf mich, sagt er, so wie ich auf
Jesus sehe.
In 1. Timotheus 3,15 steht etwas, was mich immer wieder erstaunt: „Ich
schreibe dir diesen Brief, damit du weißt, wie diejenigen sich verhalten
sollen, die zum Haus Gottes gehören,
zur Gemeinde des lebendigen Gottes,
die der Stützpfeiler und das Bollwerk der Wahrheit ist." Wer ist das Bollwerk
der Wahrheit? Das Evangelium? Die apostolische Lehre? So würden wir es
erwarten. Aber Paulus sagt etwas anderes; er erklärt die Gemeinde zum
Bollwerk der Wahrheit! Solange nicht konkrete Menschen die biblische Wahrheit
konkret verwirklichen, bleibt alles Theorie. Was nützt das Reden von
Wiedergeburt, wenn es keine Wiedergeborenen gibt? Was nützt das Reden von
Glaubensvorbildern, wenn alle es ablehnen, Glaubensvorbilder zu sein? Was nützt
das Reden von geistlicher Leiterschaft, wenn keiner bereit ist, ein Fels für
andere zu werden?
Noch ganz kurz zu den praktischen Auswirkungen dieses einzigartigen
Auftrags an Petrus. Was bedeutete es konkret, Felsenmann zu sein? War Petrus
den anderen Aposteln charakterlich überlegen? Wohl kaum. Wie hat sich diese
Ankündigung erfüllt?
Ich denke, die Vorrangstellung von Petrus ist vor allem geschichtlich
zu verstehen. Petrus war, historisch gesehen, der erste Stein im Bauwerk der
Gemeinde, und darum übertrug Jesus ihm als erstem die Leitung der Gemeinde.
- Das äußerte
sich konkret z. B. so, daß Jesus ihn für die anderen Jünger verantwortlich
machte: "Stärke den Glauben deiner Brüder!" (Lukas 22,32)
"Sorge für meine Schafe!" (Johannes 21,17).
- Das äußerte
sich darin, daß Petrus der erste Jünger war, dem Jesus nach seiner Auferstehung
erschien (1. Korinther 15,5: „Als der Auferstandene hat sich Jesus
zunächst Petrus gezeigt und dann dem ganzen Kreis der Zwölf.").
- Das äußerte
sich darin, daß Petrus der erste war, der sowohl den Juden als auch den
Nichtjuden das Evangelium verkündete - den Juden am Pfingstfest in
Jerusalem (Apo-stelgeschichte 2) und den Nichtjuden in Cäsarea im Haus des
römischen Offiziers Kornelius (Apostelgeschichte 10). In unserer
Ausgangsstelle sagt Jesus zu Petrus: „Ich werde dir die Schlüssel des
Himmelreichs geben." (Matthäus 16,19a) Wahrscheinlich ist genau das
gemeint: Petrus hat Juden und Nichtjuden als erster das Evangelium verkündet
und hat ihnen damit gewissermaßen den Himmel aufgeschlossen.
[Abbildung „Vier Apostel" von Albrecht Dürer]
[Hier sehen Sie das berühmte
Gemälde „Vier Apostel" von Albrecht Dürer, einem Zeitgenossen und Anhänger
Martin Luthers. Erraten Sie, welcher von den vieren Petrus ist? Dürer hat den
Aposteln keine Namensschildchen verpaßt, und trotzdem weiß man genau, wer wer
ist. Petrus ist auf dem linken Bildteil der rechte, der mit dem Schlüssel! Er
hat das "Schlüssel-amt". Er verwaltete die Schlüssel zum
Himmelreich.]
- In Matthäus
16,19b sagt Jesus noch etwas zu Petrus: „Was du auf der Erde bindest, das
wird im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde löst, das wird im Himmel
gelöst sein." Es ist umstritten, was mit den beiden Ausdrücken „binden"
und „lösen" gemeint ist. Wahrscheinlich hat es mit Sünde und Vergebung zu
tun. Die Apostel verkündeten das Evangelium. Wenn jemand diese Botschaft
im Glauben annahm, wurde er gewissermaßen von seiner Sünde gelöst,
befreit. Die Apostel konnten ihm die Vergebung zusprechen. Zum allerersten
Mal geschah das an Pfingsten. Wer hielt die Pfingstpredigt? Petrus. Und
was sagt er am Ende seiner Predigt? „Kehrt um, und jeder von euch lasse
sich auf den Namen von Christus taufen! Dann wird Gott
euch eure Sünden vergeben, und ihr werdet seine Gabe, den Heiligen Geist,
bekommen." (Apg. 2,38). Petrus war der erste, der „löste", und damit auch
der erste, der „band" - nämlich alle diejenigen, die nicht bereit waren,
ihr Leben Jesus anzuvertrauen. (Vergleiche Johannes 20,23: „Wem ihr die
Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie nicht vergebt, dem sind
sie nicht vergeben.")
- Petrus war
der erste Leiter der ersten örtlichen Gemeinde. Von Jerusalem als Muttergemeinde
gingen die ersten Missionare aus; alle jüdischen und nichtjüdischen Gemeinden
hatten hier ihre Wurzeln. Historisch läßt sich in einem gewissen Sinn
alles auf Petrus zurückführen: "Auf diesen Felsen werde ich meine
Gemeinde bauen."
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