|
Seite 3 von 5
Ein Beispiel aus der deutschen Sprache
Ich weiß, das war jetzt alles ein bisschen kompliziert, ein bisschen
viel Griechisch, ein bisschen viel Grammatik. Bevor wir von den sprachlichen
Überlegungen zu den inhaltlichen und praktischen übergehen, hier noch ein
Beispiel aus dem Deutschen, das nochmals verdeutlicht, was wir bis jetzt
herausgefunden haben.
Nehmen wir an, ein gewisser Ernst Hauser, langjähriger Mitarbeiter
in der Forschungsabteilung einer Firma, feiert ein Dienstjubiläum. Da könnte
sein Chef z. B. folgenden Toast auf ihn ausbringen: "Mein lieber Ernst!
Diese Ernsthaftigkeit, die schon in Deinem Namen zum Ausdruck kommt, hat Deiner
gesamten Tätigkeit bei uns ihren Stempel aufgedrückt. Immer konnte man sich auf
Dich verlassen, mit größter Gewissenhaftigkeit hast du alle Deine Aufträge
ausgeführt, Nachlässigkeit und Verspätung waren Fremdwörter für Dich ..."
Hier haben wir, genau wie in Matthaus 16,18, den Übergang von einem
Männernamen zu einer daran anknüpfenden Charakterisierung durch ein feminines
Substantiv (Ernst - Ernsthaftigkeit). Der formale Unterschied ist sogar
wesentlich größer als bei Πετρος/πετρα. Und doch ist völlig klar, daß zwischen
"Ernst" und "Ernsthaftigkeit" hier nicht der geringste Kontrast
beabsichtigt ist. Im Gegenteil, das zurückweisende "diese" greift
ausdrücklich die im Namen enthaltene Bedeutung auf und führt sie weiter aus.
Wäre ein inhaltlicher Gegensatz intendiert, müßte das mit sprachlichen Mitteln
sehr klar formuliert werden, etwa so: "Du heißt zwar Ernst; aber Deine
Arbeit bei uns hast Du nicht mit Ernst durchgeführt, sondern mit
Ernsthaftigkeit." Und natürlich käme dann bei den Hörern sofort die Frage
auf: Was ist denn der Unterschied zwischen "Ernst" und
"Ernsthaftigkeit"? Denn die beiden Bedeutungsfelder überschneiden
sich so weitgehend, daß man nicht an möglicherweise vorhandene Unterschiede
denkt, sondern die beiden Begriffe als deckungsgleich empfindet.
Hätte der "Chef" es sich und uns nicht leichter machen
können, indem er zweimal "Ernst" verwendete? "Mein lieber Ernst!
Dieser Ernst, der schon in Deinem Namen zum Ausdruck kommt ..." Sicher
ginge das. Aber der Chef nimmt (vielleicht ohne sich die Gründe dafür bewußt
überlegt zu haben) den Wechsel zu Recht vor. "Ernst" tendiert leicht
zu einer eher negativen Färbung ("streng","humorlos");
"Ernsthaftigkeit" dagegen wird ausschließlich positiv empfunden
("zuverlässig", "aufrichtig") und paßt daher noch besser,
um den Jubilar und seine Arbeit zu charakterisieren. Aber damit ist auch klar:
Der Redner möchte mit dem Wechsel keinesfalls auf ein vermeintliches Defizit
bei "Ernst" hinweisen, sondern im Gegenteil allen negativen
Nebentönen oder Hintergedanken einen Riegel vorschieben und ausschließlich das
Positive hervorheben. "Ernst" soll bei dem Toast als gleichbedeutend
mit "Ernsthaftigkeit" verstanden werden (und selbstverständlich
verstehen es die Zuhörer auch so).
Übrigens wird daran auch eine sprachliche Gesetzmäßigkeit deutlich, die
sogenannte Neutralisierung. Es gibt viele Wörter, deren Bedeutungen zwar nicht
völlig identisch sind, die sich aber doch teilweise überschneiden. Isoliert
betrachtet, haben z. B. "Bauer" und "Farmer" durchaus
unterschiedliche Bedeutungsaspekte, und es lassen sich Kontexte denken, wo
alles auf diese Unterschiede ankommt ("Wohlgemerkt, ich spreche von einem
Farmer, nicht von einem Bauer; was ich berichten werde, ereignete sich also in
Amerika"). Viel häufiger ist jedoch das andere der Fall: daß es keine
Rolle spielt, ob ich von Bauer spreche oder von Farmer, Landwirt oder Agronom.
Gemeint ist dann jedesmal dasselbe; die verschiedenen Begriffe bringen
lediglich unterschiedliche stilistische Register ins Spiel. In der Regel trifft
das genau dann zu, wenn jemand solche teilweise kongruenten Begriffe im selben
Sachzusammenhang verwendet. Ein geübter Redner/Schreiber wechselt dann aus
stilistischen Gründen von einem Begriff zum anderen, will damit aber gerade
nicht Unterschiede hervorheben, sondern im Gegenteil immer dasselbe ausdrücken
(und so verstehen ihn seine Hörer/Leser auch!).
Zum Beispiel kann ein Journalist die Rede eines Politikers
folgendermaßen zusammenfassen: "Herr A. wies auf die Bedeutung
von ... hin. Es sei unerläßlich, daß ..., erklärte er. Er sagte,
man müsse ... In solchen Fällen, so meinte er, gäbe es nur eine
Lösung ... Deshalb freue er sich über ..., hob er hervor. Er sei
überzeugt, daß es nichts Besseres gebe als ..." usw. Betrachtet man
die vom Berichterstatter gebrauchten Verben einzeln, dann stellt man rasch
fest, daß weite Teile ihres jeweiligen Bedeutungsfeldes sich stark voneinander
unterscheiden. "sagen" ist (je nach Zusammenhang!) etwas völlig
anderes als "hervorheben", "hinweisen" etwas anderes als
"erklären", "meinen" etwas anderes als "überzeugt
sein". Aber im angeführten Beispiel, wo alle diese Begriffe
nebeneinandergestellt sind, zählt nur noch der Teil ihres Bedeutungsspektrums,
den sie gemeinsam haben. Die Unterschiede heben sich gegenseitig auf; die
Begriffe "neutralisieren sich". Man könnte jeden durch jeden
ersetzen, ohne daß sich an der Gesamtaussage das Geringste ändern würde.
Probieren Sie es einmal aus!
Dieses Gesetz der Neutralisierung ist beim Sprechen (und Zuhören)
gewissermaßen allgegenwärtig. Wir berücksichtigen es ganz automatisch, wenn wir
säkulare Texte interpretieren. Aber sobald es an biblische Texte geht,
"vergessen" viele Christen ihr natürliches Sprachempfinden und
interpretieren Dinge hinein bzw. lesen Dinge heraus, die sie, wenn sie den Text
"normal" angehen würde, niemals darin finden würden.
Natürlich handelt es sich bei der Bibel um Offenbarung: Gott teilt uns
Dinge mit, die wir von uns aus nicht wissen. Insofern erwarten wir in der Bibel
zu Recht neue, unserem Denken fremde Inhalte. Aber damit wir diese Inhalte
verstehen, hat Gott sie uns in einer uns vertrauten Sprache mitgeteilt. Die
Bibel ist in natürlichen, irdischen Sprachen verfaßt; sie respektiert die
Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Und gerade damit baut sie uns Menschen eine
Brücke zu den Gedanken Gottes.
|