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Matthäus 16, 18-19
Predigt
Andreas Symank
Welches ist wohl das
meistgelesene Bibelwort? Schwer zu sagen, aber ich habe eine Vermutung. Es gibt
einen heißen Anwärter auf Platz Nr. 1. Mein Kandidat ist die berühmte Ankündigung,
die Jesus einem seiner Jünger gemacht hat: „Du bist Petrus [Petrus heißt Fels],
und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen." (Matthäus 16,18) Wie
komme ich gerade auf diesen Vers?
[Abbildung der Innenseite
der Kuppel vom Petersdom in Rom]
Was Sie hier sehen, ist ein
Blick in die Kuppel vom Petersdom, der größten Kirche der Christenheit, erbaut
u. a. von dem großen Renaissance-Bildhauer Michelangelo. Millionen Besucher
sind schon unter dieser Kuppel hergegangen und haben die Worte gelesen, die im
Innenumgang der Kuppel in riesigen Goldlettern glänzen: Tu es Petrus, et super
hanc petram aedificabo ecclesiam meam ... Et tibi dabo claves regni caelorum
[nach der Vulgata, der Übersetzung des großen Bibelgelehrten Hieronymus, die
dieser Ende 4. / Anfang 5. Jahrhundert in einem Kloster in Betlehem anfertigte
und die über tausend Jahre später, auf dem Konzil von Trient, 1546, zur allein
maßgeblichen Bibel der Katholischen Kirche erklärt wurde].
An sich ist es ja
begrüßenswert, wenn in einer Kirche ein Bibelvers steht. Aber ein bisschen
befremdet es schon, daß hier ausgerechnet eine Aussage gewählt ist, die von
einem Menschen spricht. Hätten die Erbauer nicht besser ein Wort ausgesucht,
das Jesus Christus in den Mittelpunkt stellt? Zum Beispiel das Petrusbekenntnis
aus Matthäus 16,16: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Was die Aussage über Petrus so brisant
macht, ist natürlich der Anspruch, der sich dahinter verbirgt: Die Katholische
Kirche setzt Petrus mit dem Papst gleich und die Gemeinde mit ihrer eigenen
Organisation. Der Vers ist also sehr bewusst ausgewählt: Er soll den
Machtanspruch der Katholischen Kirche begründen. Aber begründet er ihn
wirklich?
Wie auch immer: Wir haben es
hier vielleicht mit der bekanntesten Aussage der ganzen Bibel zu tun, auf jeden
Fall mit einer Aussage, die so weitreichende Konsequenzen hatte wie kaum eine
andere.
[Deswegen gibt es auch so
viele „Petrusse" im ehemals christlichen Abendland! Seit jenem ersten Petrus
war „Petrus" einer der beliebtesten Namen, den christliche Eltern für ihre
Sprösslinge wählten: Peter (deutsch), Peter (englisch), Pierre (französisch),
Pietro/Piero (italienisch), Pedro/Perez (spanisch), Piet/Peet (niederländisch),
Pär (schwedisch), Per/Peer (norwegisch/dänisch), Pjotr (russisch), Boutros
(arabisch). Einige solche Petrusse haben wir auch hier unter uns sitzen.]
Das berühmte Wort steht in
einem berühmten Zusammenhang. Es ist sicher gut, einmal den ganzen Abschnitt zu
lesen: Matthäus 16,13-20.
13Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam,
fragte er seine Jünger: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?" - 14„Manche
halten dich für Johannes den Täufer", antworteten sie, „manche für Elia und
manche für Jeremia oder einen der anderen Propheten." - 15„Und ihr",
fragte er, „für wen haltet ihr mich?" 16Simon Petrus antwortete: „Du
bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!"
17Darauf sagte Jesus zu ihm: „Glücklich bist du zu
preisen, Simon, Sohn des Jona; denn nicht menschliche Klugheit hat dir das
offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18Deshalb sagte ich dir
jetzt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen,
und das Totenreich mit seiner ganzen Macht wird nicht stärker sein als sie. 19Ich
werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf der Erde bindest,
das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf der Erde löst, das wird im
Himmel gelöst sein." 20Dann schärfte Jesus den Jüngern ein, niemand
zu sagen, daß er der Messias sei.
Die Sache mit dem Felsenmann
Petrus ist nicht das einzige, was an diesem Text auffällt. Eigentlich finden
wir hier gleich 3 Besonderheiten, 3 einzigartige Dinge.
(a) Zum ersten Mal spricht
ein Mensch aus, wer Jesus ist: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen
Gottes!"
(b) Zum ersten Mal spricht
Jesus von der Gemeinde.
(c) Und eben: Petrus bekommt
eine einzigartige Aufgabe.
Es ist kein Zufall, daß
diese 3 Besonderheiten hier alle auf einmal auftauchen. Die 3 Dinge haben
unmittelbar miteinander zu tun.
Zum ersten Mal spricht ein
Mensch es aus: Jesus ist der Sohn Gottes!
„Für wen halten mich die Leute?" fragt Jesus. - „Für Johannes den Täufer, für
Elia, für Jeremia." - „Und ihr - für wen
haltet ihr mich?" Man spürt förmlich, wie Jesus den Atem anhält. Was werden
seine Jünger antworten? Sehen sie in ihm auch nur einen Propheten, einen
Wundertäter, einen Vorboten von noch größeren Ereignissen? Da ergreift Petrus
das Wort: „Du bist der Messias; du bist der Sohn des lebendigen Gottes!" - Was muß Jesus sich da gefreut haben! Sie
haben es erkannt! Einer wagt es offen auszusprechen!
Als Jesus die zwölf Jünger
zu seinen Begleitern machte, hat er ihnen ja nicht einfach gesagt, wer er ist.
„Darf ich vorstellen - ich bin der Sohn Gottes,
der Messias!" Er befahl den Zwölf lediglich, sich ihm anzuschließen: „Folgt mir
nach!" Und in den 3 Jahren, die sie dann mit Jesus unterwegs waren, hatten sie
Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Sie sahen seine Wundertaten, sie hörten seine
Worte, sie beobachteten seinen Umgang mit anderen Menschen, sie erlebten, wie
er mit Gott sprach. Und jetzt wagt
es Jesus, einen Rechenschaftsbericht zu fordern, sozusagen einen
Rechenschaftsbericht von sich selbst: Hat mein Dienst an den Zwölf und am
israelitischen Volk zu etwas geführt? Haben sie erkannt, wer ich wirklich bin?
Oder waren die Jahre des unermüdlichen Einsatzes umsonst? „Du bist der Messias,
der Sohn des lebendigen Gottes!" Wie
glücklich muß Jesus über dieses Bekenntnis von Petrus gewesen sein! Der Anfang
ist gemacht. Jetzt sind die Weichen gestellt für den Beginn der neutestamentlichen
Gemeinde. „Ich werde meine Gemeinde bauen." Und weil Petrus der erste war, der
sich so klar und so direkt zu ihm bekannte, macht er ihm eine besondere Zusage:
„Auf dich, Petrus, werde ich meine Gemeinde bauen." So hängen also diese drei
einzigartigen Dinge in unserem Text zusammen. So kam es, daß Petrus zum
Felsenmann wurde.
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