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Der Blick über die
Wolkendecke
Ich
bin ja Mitarbeiter an einem Bibelübersetzungsprojekt, der sogenannten Neuen
Genfer Übersetzung. Das Neue Testament als Ganzes ist leider noch nicht
abgeschlossen, aber das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung,
haben wir bereits übersetzt. (Wir halten uns eben nicht immer an die
vorgegebene Reihenfolge.) Und dabei ist mir etwas aufgegangen. Was ist
eigentlich die Absicht dieses Buches? Viele lesen die Offenbarung wie einen
SBB-Fahrplan. Sie blättern darin herum, sie vergleichen, sie zählen, sie
rechnen, und jeder hofft, den Fahrplan der Endzeit zu entziffern. Ich glaube
nicht, daß die Offenbarung dazu geschrieben wurde. Ihr Zweck ist ein anderer:
Stärkung des Glaubens in Bedrängnis.
Die
Christen damals lebten in größten Herausforderungen, ihr Glaube wurde von allen
Seiten attackiert, die erste Welle der Verfolgung durch den römischen Kaiser
war bereits über sie hinwegrollt. Die Christen sind ein verschwindend kleines
Häuflein, und der Kaiser ist der Herr der Welt. Immer dunklere Wolken brauen
sich über der Gemeinde zusammen. Einige wandern ins Gefängnis, andere direkt
aufs Schaffott; der Apostel Johannes wird auf eine kleine Mittelmeerinsel
verbannt - Patmos -, sozusagen in eine Sträflingskolonie. Und dort läßt Jesus
ihn - stellvertretend für alle Christen und mit dem Auftrag, es allen
weiterzusagen - einen langen Blick hinter die Kulissen werfen, genauer: über
die Wolken. Jesus öffnet sozusagen die Wolkendecke an einer Stelle, und was
Johannes da zu sehen bekommt, soll allen hier unten Mut machen, durchzuhalten
und ihr Vertrauen auf Gott nicht aufzugeben.
Der Blick über die Wolken
rückt Proportionen zurecht
stellt Machtverhältnisse klar
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Die Offenbarung zeigt Gott und
das Lamm auf seinem Thron. Sie zeigt, wie Gott alle Fäden in der Hand hält.
Sie zeigt, wie er alles - auch die gegnerischen Mächte - so lenkt, daß sich
seine Pläne erfüllen. Sie zeigt, wie im Himmel jetzt schon ein Loblied nach dem
anderen angestimmt wird zu Gottes Ehre. Hier unten kämpfen der Drache und das
Tier und der falsche Prophet gegen die Gemeinde Jesu. Hier unten sitzt die
große Hure, die mächtige Stadt Babylon, auf ihrem Thron, und alle Herrscher
dieser Welt liegen ihr zu Füßen; die Geschäftsleute reißen sich um ihre Gunst,
und den Christen geht es an den Kragen. Aber blättern Sie diese schlimmen
Beschreibungen mal durch: Immer wieder werden sie plötzlich unterbrochen, und
Johannes sieht den Thron Gottes, und ein Chor steht darum herum und stimmt
einen Lobgesang an. „Gott, du hast gesiegt. Gott, dir gehört alle Macht. Gott,
du bist der König über alle Völker." Und wohlgemerkt: Diese Triumphgesänge dort
oben werden angestimmt, während hier unten noch gekämpft und gestorben wird.
Aber Christus hat eben bereits gesiegt; durch seinen Tod am Kreuz und durch
seine Auferstehung hat er den Grundstein für den Sieg gelegt. Immer wieder wird
in der Offenbarung gleichsam ein Fenster zum Himmel aufgestoßen, und Johannes
darf sehen, wer wirklich König ist. Die Proportionen werden zurechtgerückt, die
Machtverhältnisse klargestellt. Solange wir nur die Mächte dieser irdischen
Welt kennen, sieht es wirklich düster aus: Gewalt, Unrecht, Lüge, Selbstsucht,
dazu ein kurzes und oftmals armseliges Leben, dazu (im Fall der Christen) Anfeindungen
und Todesdrohungen. So viele Angriffe von allen Seiten! So viele Feinde! Da
könnte man wirklich den Mut zum Leben verlieren! Aus der unteren, der irdischen
Perspektive sind diese Mächte unüberwindbar, sie füllen alles aus. Aber im
Glauben öffnet sich uns die obere, die himmlische Perspektive: Gott ist für
uns. Gott liebt uns. Wer kann uns da noch etwas anhaben? Einer gegen alle, und
der Eine ist stärker als alle; mit dem Einen sind wir die Gewinner, mit Gott
auf unserer Seite tragen wir einen überwältigenden Sieg davon.
Unsere
Schlechtwetterreaktion: Glauben und Vertrauen
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Im Limmattal, wo wir wohnen, beginnt
jetzt wieder die Nebelzeit, die Morgennebel-, Mittagsnebel- und Abendnebelzeit.
Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber es gibt doch immer wieder längere
Abschnitte, wo die Sonne einfach nicht durchbrechen will. Vor ein paar Jahren haben
wir den gesamten Januar über (mit Ausnahme von 2 oder 3 Nachmittagen) unter
einer Nebeldecke gehaust - nicht gerade stimulierend! Man kriegt mit der Zeit
so seine Zweifel, ob es die Sonne und einen strahlend blauen Himmel überhaupt
noch gibt. Aber zum Glück vernahmen wir jeden Morgen aus dem Radio die
beruhigende Nachricht: Über dem Hochnebel sonnig und warm! Mit unserer Stellung
als Christen ist es ganz ähnlich. Hier auf der Erde sind wir umringt von
Mächten, die den Ton angeben - einen gottlosen Ton -, und die sich gebärden,
als ginge wirklich nichts über ihre Meinung und ihre Leistungen. Und diese
Mächte sind allesamt stärker als wir. Kein Christ dürfte es mit eigenen Kräften
wagen, gegen sie vorzugehen. Aber dann vernehmen wir - nicht aus dem Radio, dafür
aus der Bibel - , daß es über den Mächten dieser Welt noch eine andere Macht
gibt: Gott, und das ist unsere gute Nachricht. Zu diesem Gott gehören wir, und
er hält sich zu uns. Unsere Schlechtwetterreaktion ist der Glaube. Im Glauben
öffnen wir das Fenster zum Himmel, zu Gottes besserer Welt. Weil wir Gott
vertrauen, lassen wir uns vom Bösen nicht unterkriegen, sondern überwinden
das Böse. Ja, die Bibel beschreibt es manchmal geradezu so, als wären wir schon
über der Wolkendecke und könnten das ganze bedrängende Geschehen von oben betrachten.
Christen sind, sagt sie, durch Gott „versetzt in das Reich, in dem sein geliebter
Sohn regiert." (Kolosser 1, 13)
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