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Vertauschung der Rollen!
Es gibt bei der
Berichterstattung von Lukas noch einen dritten Aspekt, und der ist von allen
wohl der auffälligste und überraschendste: Immer wieder kommt es zu einer
Vertauschung der Rollen! Frauen übernehmen die Verantwortung, Frauen treten als
Zeugen auf, Frauen sind ein Vorbild für die Männer! Das mag uns
selbstverständlich vorkommen, aber für die damalige Zeit und besonders für die
fromme jüdische Welt war das geradezu undenkbar.
Gehen wir nochmals rasch
einige der Stellen durch, wo Lukas in derselben Begebenheit oder in zwei
aufeinanderfolgenden Begebenheiten von einem Mann und einer Frau berichtet.
Kapitel 1: Der Engel Gabriel
kündigt sowohl dem Zacharias als auch der Maria an, daß sie je einen Sohn
bekommen werden. Zacharias glaubt das dem Engel zunächst nicht (und wird dafür
mit zeitweiligem Stummsein bestraft). Maria hingegen ist von vorneherein offen
und bereit für das Wunder (obwohl es für sie viel schwerer ist, damit fertig zu
werden - sie ist noch unverheiratet, hat noch nie mit einem Mann geschlafen und
wird jetzt in den Verdacht des vorehelichen Verkehrs oder, schlimmer noch, der
Untreue gegenüber ihrem Verlobten Josef geraten; der verheiratete und kinderlos
alt gewordene Zacharias dagegen kommt bei dem Wunder sehr gut weg - er steht als
einer da, der auch noch im hohen Alter potent ist!). Und trotzdem hat Zacharias
viel mehr Vorbehalte. Er hinterfragt das Ob, Maria nur das Wie. Er bezweifelt,
ob es überhaupt geschehen kann, sie weiß nicht, wie das Ganze zustande kommen
soll. Maria bittet um eine Erklärung, Zacharias fordert einen Beweis. (Übrigens
kommt Zacharias auch beim Vergleich mit seiner Frau Elisabeth schlechter weg:
Die glaubensstarke Person ist eindeutig sie, nicht er.)
Kapitel 2: Die Rolle von
Maria bei Jesu Geburt ist unvergleichlich viel wichtiger als die von Josef.
Josef ist ein vorbildlicher Charakter, ein richtiger Ehrenmann. Aber im
Mittelpunkt steht seine Frau, die Jungfrau Maria. Josef hat das Kind nicht
gezeugt; sie bringt es zur Welt. Immer wieder ist es Maria allein, die
etwas unternimmt oder über deren Empfindungen etwas berichtet wird: „Maria
prägte sich alle diese Dinge ein und dachte immer wieder darüber nach" (2,19);
(2,48b); „Seine Mutter behielt alle diese Dinge im Gedächtnis" (2,51b).
Beinahe schockierend ist der
Rollentausch in Kapitel 7,36ff: Der fromme Simon und die Frau mit dem
anrüchigen Lebensstil. Dabei beginnt alles wie gewohnt, wie erwartet. Da ist
ein Pharisäer, ein Angehöriger der moralischen Elite des Landes, und er ist so
großzügig, daß er Jesus zusammen mit anderen Gästen (sicher auch mit seinen
Jüngern) zu einem Essen einlädt: vorbildlich! Und da ist eine Frau, die für
ihren unmoralischen Lebenswandel bekannt ist - alles andere als vorbildlich. Na
ja, so sind Frauen eben (häufig): Verführerinnen, die ehrbare Männer in Gefahr
bringen. Unvermittelt taucht sie in dieser erlauchten Gesellschaft auf, wirft
sich vor Jesus zu Boden, bricht in Tränen aus und salbt ihm die Füße mit einem
kostbaren Öl. Mensch, Jesus, denkt der Pharisäer, wenn du wüßtest, was das für
eine Person ist, würdest du dich niemals von ihr berühren lassen! Aber dann
steht plötzlich alles auf dem Kopf. Jesus klagt den Pharisäer an und hält ihm
die sündige Frau als Vorbild vor Augen: Du hast mir die Füße nicht gewaschen,
wie sich das gehört - sie hat es getan. Du hast mir keinen Begrüßungskuß
gegeben - sie hat meine Füße geküßt. Du hast meinen Kopf nicht einmal mit gewöhnlichem
Öl gesalbt - sie hat meine Füße gesalbt, noch dazu mit einem ganz besonders
kostbaren Öl. Und Jesus sagt noch mehr: Die Liebe, die sie mir erwiesen hat,
ist der Beweis dafür, daß ihre Sünden vergeben sind. Geh in Frieden, sagt er zu
der Frau; dein Glaube hat dich gerettet. Die Sünderin glaubt, ist rein, ist
gerettet. Und Simon? Von ihm wird nichts dergleichen gesagt. Die
Ex-Prostituierte als Vorbild für den Musterfrommen! Unerhört! Schockierend!
Diese Begebenheit erinnert
an eine Stelle, die allerdings nicht im Lukas-Evangelium steht, eine Stelle aus
der Bergpredigt, Matthäus 5,27f. Dort sagt Jesus: „Ihr wißt, daß es heißt: Du
sollst nicht die Ehe brechen! Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick
ansieht, hat damit in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen."
Das Stereotyp in einer
Männer-orientierten Gesellschaft war (und ist es im Grunde genommen bis heute
geblieben): Die Frau ist die Verführerin, der Agressor, von ihr geht die
Versuchung zur sexuellen Sünde aus. Entsprechend wurde die Frau damals von den
Rabbinern (und wird sie heute in frommen Kreisen) ermahnt und zurechtgewiesen:
Ja nicht zu viel an die Öffentlichkeit, ja keine unanständige Kleidung, ja kein
herausforderndes Verhalten! Der Frau wird die ganze Verantwortung zugeschoben;
sie ist schuld, wenn der Mann vor ihren Reizen kapituliert. Aber Jesus dreht
die Sache um: Der Mann ist verantwortlich, der Mann trägt die
Schuld. Der Mann ist nicht der Schwache angesichts einer aufdringlichen Frau;
er ist der Agressor. Nicht die Frau geht mit ihrer Verführungskraft auf ihn zu,
sondern er geht mit seinen gierigen Blicken auf sie zu. Wenn es zum Ehebruch
kommt, hat nicht sie ihn verführt, sondern er sie. Jesus macht den Mann
verantwortlich und nimmt die Frau in Schutz. In gewissem Sinn bestätigt Jesus
damit die Führerschaft des Mannes. Er fordert den Mann heraus: Übernimm soziale
Verantwortung, schütze deine eigene Frau, deine eigene Familie, schütze die
fremde Frau, die andere Familie. Sorge für einen offenen, entspannten Umgang
von Mann und Frau miteinander! Und gleichzeitig befreit Jesus damit die Frau
aus der finsteren Ecke, in die eine Männergesellschaft sie immer wieder drängt
und wo sie entweder gar nicht in Erscheinung treten darf oder nur als Sexobjekt
wahrgenommen wird.
Wie sagt Jesus in der
Bergpredigt unmittelbar nach der zitierten Ehebruch-Stelle? „Wenn dein rechtes
Auge dich zur Sünde verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!" (Matthäus
5,29) Er hätte ja auch sagen können: „Dann befiehl der Frau, sich zu verhüllen,
mehr und immer mehr!" Meine Familie und ich sind im Februar in Ostafrika
gewesen, in Djibouti. Schon auf dem Flug dorthin und dann auch im Land selbst
begegneten wir zahlreichen moslemischen Pilgern, die nach Mekka unterwegs
waren. Die Männer zeigten stolz ihre braungebrannte, dicht behaarte Brust. Aber
von den Frauen war schlicht und einfach nichts zu sehen, nichts außer einer
Masse schwarzer Stoff. Einigen gestattete man immerhin noch einen Sehschlitz,
anderen hatte man nicht mal das gelassen: schwarz eingehüllt vom Scheitel bis
zur Sohle. Ist das die Lösung? Jesus sieht es anders. Jesus setzt nicht bei der
Frau an, sondern beim Mann. Und vor allem: Jesus setzt tiefer an. Er Ehebruch
beginnt im Herzen, sagt er. Und die Bekämpfung des Ehebruchs muß daher
ebenfalls im Herzen beginnen, durch eine Erneuerung der Gedanken und
Empfindungen. Diese Erneuerung bietet er uns allen an, den Männern und den
Frauen.
Auch an Johannes 8,2-11
mußte ich in diesem Zusammenhang denken. Eine Ehebrecherin wird zu Christus
geschleppt. Auf frischer Tat ertappt! Alle Blicke richten sich auf die Frau.
Alle Anklagen zielen wie Speere auf die Frau. Sie hat eine todeswürdige Sünde
begangen; sie muß gesteinigt werden. Jesus dreht den Spieß um, richtet seinen
Blick auf die Ankläger: Wo ist der Ehebrecher? Zu einem Ehebruch gehören doch
zwei, gehört doch auch ein Mann. Wo ist der Ehebrecher? Womöglich in euren
Reihen? „Wer von euch ohne Sünde ist, der soll den ersten Stein auf sie
werfen!" Dann bückt sich Jesus und schreibt etwas auf die Erde. Und wie er sich
wieder aufrichtet, sind sie alle weg. Einer nach dem anderen hat den Hut
genommen und hat sich verdünnisiert. Die Ankläger mußten kapitulieren - vor
ihrem schlechten Gewissen, vor Jesu Wahrhaftigkeit, vor Jesu Vollmacht! „Hat
dich keiner verurteilt?" - „Nein, Herr, keiner." - „Dann verurteile ich dich
auch nicht; du darfst gehen. Sündige von jetzt an nicht mehr!"
Am allerauffälligsten ist
der Rollentausch bei den Auferstehungsberichten, Lukas 24. Es sind Frauen, die
das leere Grab entdecken. Es sind Frauen, denen die Engel erscheinen. Es sind
Frauen, die als erste glauben, daß Jesus tatsächlich auferstanden und wieder
lebendig ist. Es sind Frauen, denen die Engel den Auftrag geben, diese
Supermeldung den Aposteln zu bringen. Die Männer tauchen zunächst gar nicht
auf. Sie brauchen ein viel längeren Anlauf, bis sie begreifen und glauben können,
was wirklich geschehen ist. Und das sind ja nicht irgendwelche Männer, das sind
die Zwölf, die 3 Jahre lang mit Jesus unterwegs gewesen waren. Mehrfach waren
sie Augenzeugen einer Totenauferweckung gewesen, hatten Jesu Macht über den Tod
miterlebt. Dreimal hatten sie seine Ankündigung gehört, daß er zwar sterben,
dann aber wieder lebendig werden würde! Aber dann, als es wirklich eintraf,
standen sie auf der Leitung, auf was für einer langen Leitung! Die Frauen waren
viel schneller. Was für eine Aufwertung der Frau! Frauen sind würdig, direkte
Anweisungen Gottes zu bekommen. Frauen
sind würdig, seine Botschaft weiterzusagen - sogar an die Apostel! Frauen sind
würdig, als vertrauenswürdige Zeuginnen auszusagen (gegen jüdisches Recht; nach
jüdischem Recht konnten nur Männer Zeugen sein).
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