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Lukas 4, 16-27
Predigt
Andreas Symank
Wissen Sie, was ein Dragoman
ist? Hier vorne steht einer. Dragoman, ein arabisches Wort - so wird im Nahen
Osten der Dolmetscher genannt, der Übersetzer. Mein Metier ist das Übersetzen,
und die Texte, die ich übersetze, haben mit dem Nahen Osten zu tun und stammen
aus dem Nahen Osten. Es sind die vielen großartigen Bücher des Alten und Neuen
Testaments. Ich bin Mitarbeiter an einem Bibelübersetzungsprojekt, der Neuen
Genfer Übersetzung.
Das letzte Buch, das ich
übersetzt habe, ist die Apostelgeschichte gewesen. (Inzwischen habe ich mit dem
1. Korintherbrief begonnen.) Wenn man sich so lange mit einem Buch beschäftigt,
macht man sich die verschiedensten Gedanken dazu. Eine solche Überlegung war:
Was für eine Rolle spielen eigentlich die Frauen in der Apostelgeschichte? Die
Apostelgeschichte ist von Lukas verfaßt. Wie denkt Lukas über die Frauen?
Tauchen sie in seinem Geschichtswerk überhaupt auf? Sind sie Mauerblümchen, die
in der nahöstlichen Männerwelt ein Schattendasein fristen?
Wenn man die Rolle der Frau
in der Apostelgeschichte untersuchen möchte, scheint es mir besonders wichtig,
daran zu denken, daß die Apostelgeschichte eigentlich nur die Hälfte von dem
ist, was Lukas geschrieben hat, die zweite Hälfte. Die erste Hälfte ist das
Lukas-Evangelium, und beide Bände zusammen bilden ein zusammenhängendes,
fortlaufendes Geschichtswerk über Christus und die ersten Christen.
Die Punkte, die Lukas in der
Apostelgeschichte wichtig sind, sind ihm natürlich auch schon in seinem
Evangelium wichtig. Seine Einstellung zum Thema Frau ist im ersten Teil seines
Werkes dieselbe wie im zweiten. Und weil so vieles dazu schon im Evangelium
deutlich wird, ist es hilfreich, dort zu beginnen. Und wahrscheinlich kommen
wir heute auch gar nicht über das Evangelium hinaus.
Eine kleine Bemerkung noch
vorweg: Es ist erst einige Wochen her, da hat unser Prediger, Herr Birnstiel,
eine Predigtreihe über das Thema Mann und Frau gehalten. Wenn ich dieses Thema
heute nochmals aufgreife, ist das reiner Zufall und geschieht ganz sicher
nicht, um an dieser Predigtreihe, die ich als sehr hilfreich empfunden habe,
irgend etwas zu kritisieren oder zu verbessern. Sehen Sie es einfach als Ergänzung
an - so, wie man dieselbe Sache von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten
kann. Wir haben vier Evangelien, nicht nur eines. Aber das heißt noch lange
nicht, daß sich diese vier widersprechen, im Gegenteil: Sie ergänzen sich; sie
zeigen uns Jesus unter vier verschiedenen Aspekten. Entsprechend möchte ich das
Thema Frau heute aus einem speziellen Blickwinkel untersuchen - dem von Lukas.
Es gibt - ziemlich am Anfang
des Lukas-Evangeliums - ein Ereignis, das geradezu programmatisch ist für
alles, was dann folgt. Ich denke an Lukas 4,16-21: der erste öffentliche
Auftritt Jesu, über den Lukas ausführlich berichtet. Es ist Sabbat. Jesus
befindet sich in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret. Er steht auf, um aus
der Heiligen Schrift vorzulesen, und man reicht ihm die Buchrolle des Propheten
Jesaja. Er rollt sie auf und beginnt zu lesen:
„Der Geist des Herrn
ruht auf mir,
denn der Herr hat
mich gesalbt.
Er hat mich gesandt
mit dem Auftrag,
den Armen gute
Botschaft zu bringen,
den Gefangenen zu
verkünden, daß sie frei sein sollen,
und den Blinden, daß
sie sehen werden,
den Unterdrückten
die Freiheit zu bringen
und ein Jahr der
Gnade des Herrn auszurufen."
Jesus liest aus dem
Propheten Jesaja vor. Er liest von einem geheimnisvollen „Ich", den Gott in die Welt gesandt hat. Dann rollt er die
Buchrolle zusammen, setzt sich (ein Zeichen, daß er den Text jetzt auslegen
wird) und sagt: Dieser „Ich" - das bin ich. Ich bin der, den Gott gesandt hat. Es ist mein Auftrag, den Armen
eine gute Botschaft zu bringen, die Gefangenen aus dem Gefängnis zu führen, den
Blinden das Augenlicht wiederzugeben, die Unterdrückten in die Freiheit zu
führen und euch allen zu verkünden, daß Gott
euch seine Gnade anbietet.
Und in der Folge nennt Jesus
zwei alttestamentliche Beispiele, wo Menschen in Not geholfen wurde - die Witwe
in Sarepta im Gebiet von Sidon, die durch Elia vor dem Hungertod gerettet
wurde, und den syrischen Feldherrn Naaman, der durch Elisa von seinem Aussatz
befreit wurde. Haben Sie es beachtet? Das erste Beispiel spricht von einer
Frau, einer Witwe.
Das ist übrigens nicht das
einzige Mal, daß Lukas auf Witwen zu sprechen kommt. Die Witwen waren in der
damaligen Gesellschaft eine besonders benachteiligte Gruppe, und immer wieder
zeigt Lukas, wie Jesus sich in auffallender Weise um sie gekümmert hat,
mindestens siebenmal in seinem Geschichtswerk.
[Die alte Prophetin Hanna im
Tempel von Jerusalem (2,36-38), die Frau in Nain, deren einziger Sohn gestorben
war (7,11-17), die hartnäckige Bittstellerin im Gleichnis von der Witwe und vom
Richter (18,1-8), die Witwen, deren Besitz, wie Jesus sagt, die religiösen
Anführer des Volkes „verschlingen" (20,47),
die bettelarme Frau, die ihr letztes Geld, zwei kleine Kupfermünzen, in
den Opferkasten im Tempel legt (21,1-4), die Witwen in der Jerusalemer
Gemeinde, für die eigens sieben besonders vertrauenswürdige Männer als Diakone
angestellt werden, damit sie bei der täglichen Versorgung mit Lebensmitteln
nicht zu kurz kamen (Apg 6), die vielen Witwen in Joppe, für die Tabita Kleider
und Mäntel nähte (Apg 9).]
Also: Lukas nennt das
Programm, das Jesus für seinen eigenen Dienst aufgestellt hat, und macht
deutlich, daß benachteiligte Frauen zu den Gefangenen gehören, die Jesus in die
Freiheit führen will.
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