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V. Taktik ist kein Tabu
Eins
ist bei dem Ganzen auch klar geworden, und das möchte ich als kleinen Nachtrag
und damit als Schlussgedanken noch anfügen: Strategie und Taktik sind für
Christen nicht tabu! Im Gegenteil. Strategisches Denken und taktisches Geschick
sind ein Teil der Weisheit, die Gott uns geben möchte. Paulus geht doch ganz
schön raffiniert vor, finden Sie nicht auch? Er nimmt sich ganz zurück und bringt
sich doch ständig in Erinnerung. Er verzichtet auf alles Drohen und Befehlen
und äußert seine Wünsche doch so geschickt, dass Philemon fast keine andere
Wahl bleibt, als sie ihm zu erfüllen. Er lobt Philemon so überschwenglich für
seine Hilfsbereitschaft, dass der am Ende eigentlich nicht anders kann, als
auch gegenüber Onesimus hilfsbereit zu sein. Er schreibt scheinbar ganz
verschwiegen und privat und bringt doch die Gemeinde ins Spiel als Zeugen für
das, was Philemon tun wird. Er dosiert den Druck, den er mit seinen Bitten
ausübt, so fein, dass Philemon, wenn er nachgibt, nicht das Gesicht verliert,
sondern mit Würde und großherzig antworten kann.
Übrigens
denke ich, dass wir den Brief verkehrt lesen, wenn wir das alles nur als Raffinesse
deuten. Was darin ebenfalls und eigentlich vor allem anderen zum Ausdruck
kommt, ist Vertrauen. Paulus vertraut Philemon, weil er ihn als bewährten
Mitarbeiter kennt; Paulus vertraut darauf, dass er im Sinn Gottes handeln wird.
Und deshalb - nicht nur aus taktischen Gründen - nimmt er das gute Ergebnis,
die richtige Entscheidung schon vorweg: „Ich habe dir das alles im Vertrauen
auf deine Einwilligung geschrieben." (Vers 21).
Wir
Christen sind oft viel zu tollpatschig, zu naiv, geradezu sträflich
leichtsinnig, wenn es um Konfliktlösung geht. Wir benehmen uns wie der Elefant
im Porzellanladen und zerschlagen massenweise unnötig Geschirr. Manche Christen
lehnen es geradewegs ab, psychologisch geschickt vorzugehen. Das ist
Menschenwerk, sagen sie; das überlassen wir Gott.
Der Heilige Geist wird uns schon helfen, das Richtige zu sagen! Sicher will der
Heilige Geist helfen - aber warum soll er nicht schon im Vorfeld dabei sein,
wenn ich mir Gedanken mache, wie ich das Gespräch führen könnte? „Die Wahrheit
muss geradeheraus gesagt werden!" Wirklich? Freuen wir uns denn, wenn man uns die Wahrheit geradeheraus sagt? Hätten
wir es nicht lieber, die Wahrheit wäre in rosarotes Seidenpapier eingewickelt,
wenn man sie uns präsentiert? Paulus jedenfalls hat es so gemacht. Er hat unheimlich
viel rosarotes Seidenpapier verwendet und ist unglaublich geschickt vorgegangen,
um Philemon dorthin zu bringen, wo er ihn haben wollte. Und doch ist das Ganze
keine böswillige Trickserei. Paulus schrieb aus Liebe zu Onesimus, dem er
unbedingt zu einem glücklicheren Dasein verhelfen wollte. Paulus schrieb aus
Liebe zu Philemon, den er zu einem noch glaubwürdigeren Christen machen wollte.
Und - last but not least - Paulus schrieb aus Liebe zu Jesus, dessen
fantastischer, umwälzender Botschaft er überall und auf allen Ebenen zum
Durchbruch verhelfen wollte. Wenn wir so handeln - in Liebe zu Jesus und in
Liebe zu unseren Mitmenschen -, dann handeln wir richtig. Und wir stellen uns
damit in eine Reihe mit Paulus, mit Onesimus, mit Philemon und mit allen anderen
Christen jener ersten Stunde, die ein so glaubwürdiges Christsein gelebt haben.
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