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III. Wege zur
Konfliktbewältigung
Natürlich
können wir nun nicht alles im Detail ansehen; dafür reicht ein Sonntagmorgen einfach
nicht aus. Ich möchte Sie aber doch wenigstens auf ein paar wichtige Dinge
hinweisen. Wie löst Paulus den Konflikt? Wie bringt er den Sklaven und den
Herrn auf eine Weise zusammen, die beide zufrieden stellt und beiden gerecht
wird?
(a) Eine
erste Beobachtung: Paulus stellt sich auf eine
Stufe mit Philemon. Ist Ihnen bei der Einleitung des Briefes etwas aufgefallen?
Oder anders gefragt: Haben Sie etwas vermisst? Fehlt da nicht was? Manchmal ist
das, was nicht dasteht, wichtiger als das, was dasteht. „Paulus, Apostel von Jesus
Christus!" So stellt sich Paulus sonst in seinen Briefen fast durchweg vor.
Apostel, Abgesandter von Jesus Christus - das ist sein Beruf, das gibt ihm
seine Autorität, das ermächtigt ihn, maßgebliche Lehre zu vermitteln, und
erlaubt ihm, verbindliche Anweisungen zu erteilen. Und hier? „Apostel Jesu
Christi"? Fehlanzeige. Paulus verzichtet ganz bewusst auf einen großen
Auftritt. Er kommt dem Philemon nicht von oben herab; er begegnet ihm auf
Augenhöhe. O ja, er könnte ihm einfach befehlen, aber er tut es nicht. (Verse
8+9: „Aus diesem Grund möchte ich dich nun um etwas bitten. Ich könnte dir zwar
auch befehlen, das zu tun, was ich für angemessen halte; unter Berufung auf
Christus hätte ich die volle Freiheit
dazu. Doch um der Liebe willen werde ich nur eine Bitte äußern." Vers 14: „Doch
ohne deine Zustimmung wollte ich keine Entscheidung treffen; schließlich sollst
du das, was gut ist, nicht gezwungenermaßen
tun, sondern aus freien Stücken." Vers 21: „Ich habe dir das alles im Vertrauen
auf deine Einwilligung geschrieben, und ich bin sicher, du wirst sogar noch
mehr tun als das, worum ich dich bitte.") Damit liefert er Philemon ein ganz
konkretes Verhaltensmuster. Sieh mal, ich könnte als dein Herr auftreten, als
dein Aufseher. Das wäre mein apostolisches Recht. Aber ich tue es nicht. Du
könntest als Herr des Onesimus auftreten, als sein Gebieter. Tu es nicht.
Verzichte für einmal auf dein gutes Recht.
Übrigens:
Auch wenn Paulus ein paar Stufen heruntersteigt - Speichel lecken und am Boden
kriechen ist seine Sache nicht. Vers 9 wird manchmal so verstanden. Wörtlich
heißt es dort: „Ich bitte dich als ein solcher, wie ich es bin: Paulus, der
Alte, und jetzt auch noch ein Gefangener von Jesus Christus." Das klingt, als
würde Paulus um Mitleid betteln: Philemon, einem so alten Mann kannst du doch
keine Bitte abschlagen, noch dazu, wo ich jetzt im Gefängnis sitze! Nimm
Rücksicht auf meine schwache Konstitution, mein hohes Alter, mein elendes Los
als Gefangener! Aber so meint Paulus das ziemlich sicher nicht. Wenn er sich
„alt" nennt, weist er auf seine Erfahrung hin - er ist älter als Philemon und
daher zählt sein Wort mehr. Wenn er sich „Gefangener Jesu Christi" nennt, weist
er auf seine Glaubwürdigkeit hin: Er hat sich in seinem Dienst für Jesus bewährt.
Er ist so konsequent für ihn eingetreten, dass er dafür sogar leiden muss. Das
adelt ihn; da gibt ihm zwar kein juristisches, wohl aber ein moralisches Recht
gegenüber Philemon.
(b) Eine
zweite Beobachtung: Ehe Paulus sein Anliegen vorbringt, sorgt er dafür, dass
Philemon positiv gestimmt ist. Er lobt ihn. Er dankt ihm. Er drückt seine
Freude über den tatkräftigen Glauben von Philemon aus. So vielen hast du
geholfen! So viele hast du ermutigt! Und so viel hast du dadurch für dich
selbst dazugelernt! Das sind nicht Schmeicheleien. Paulus schmiert Philemon hier
nicht Honig um den Mund. Er zählt Fakten auf. Aber eben - er zählt sie auf. Er
fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern macht sich die Mühe, sich erst
einmal an all das Gute zu erinnern, was über Philemon zu sagen ist. Und er sagt
es nicht nur anderen, er sagt es ihm ins Gesicht. Philemon wird sich gefreut
haben, als er das las. So hoch schätzt Paulus mich ein! So gut denkt er von
mir! Und wie das so ist: Wenn man gelobt wird, ist man viel eher bereit, dem
anderen einen Gefallen zu tun! Das kennen wir nur zu gut von uns selbst, und
bei Philemon war das nicht anders.
(c) Eine
dritte Beobachtung: Paulus führt den Problemkind Onesimus so positiv wie
möglich ein. Konkret heißt das: Er nennt ihn zunächst einmal gar nicht beim
Namen. Wenn er das gemacht hätte - gleich oben beim Briefkopf: „Betreff:
Onesimus", dann wären bei Philemon sofort sämtliche Rollläden
heruntergegegangen, und er hätte den Brief empört zurückgereicht: Onesimus? Der
soll mir bloß nicht mehr unter die Augen treten! Nein, Paulus ist nicht so instinktlos,
dass er als erstes das rote Tuch „Onesimus" vor Philemons Augen schwenkt. Er führt
den Sklaven anonym ein. Er führt ihn auch nicht als Sklaven ein. „Ich bitte
dich für jemand, den ich als mein Kind betrachte; ich bitte dich für einen
Mitchristen." Also nicht: Ich bitte dich für einen weggelaufenen Sklaven, für einen
Dieb. Sondern: „für mein Kind", „für einen Mitchristen". O ja, wird Philemon denken,
dem helf ich doch gern! Einem Christen, noch da-zu einem, der genau wie ich
durch Paulus zu Jesus gefunden hat! Außerdem ist seine Neugier geweckt: Nun sag
schon, Paulus: Um wen handelt es sich denn? Und erst jetzt, nachdem Paulus die
Konfliktperson in möglichst günstiges Licht getaucht hat, nennt er sie beim Namen:
Onesimus. - Onesimus?? Aber bevor Philemon auch nur nach Luft schnappen kann,
fügt Paulus hinzu: Ich weiß, ich weiß - Onesimus war dir früher zu nichts
nütze, das glatte Gegenteil von dem, was sein Name bedeutet („der Nützliche").
Aber das hat sich geändert; inzwischen macht er seinem Namen alle Ehre. Er war
mir von großem Nutzen, und auch dir kann er noch sehr nützlich werden (Vers 11).
Übrigens:
Das Wortspiel mit Onesimus' Namen greift Paulus nochmals auf, in Vers 20. Und
diesmal wendet er es auf Philemon an! „Lieber Bruder, lass mich ein Nutznießer deiner Liebe sein!" Jetzt ist plötzlich Philemon gefordert! Bisher ging es um die
Frage: Ist Onesimus nützlich oder nicht? Abgehakt, sagt Paulus; Onesimus hat
sich mir als ein wahrer Onesimus erwiesen, als ein äußerst nützlicher
Mitarbeiter. Und du, Philemon, bist du auch ein Onesimus, bist du mir ebenfalls
von Nutzen? Merken wir? Mit einem Mal ist die Frage nicht mehr, ob der Sklave
seinen Herrn zufrieden stellt, sondern ob der Herr an seinen Sklaven heranreicht!
Der Herr muss sich an seinem Sklaven messen lassen! Aber Paulus verpackt die
Herausforderung so dezent und feinfühlig in ein Wortspiel, dass Philemon sich nicht
bloßgestellt vorkommen muss. Er wird die Anspielung und die Aufforderung
begriffen haben.
(d) Die
entscheidende Aussage kommt in den Versen 15 und 16: „Wer weiß? Vielleicht ist
er deshalb eine kurze Zeit von dir getrennt gewesen, weil du ihn nun für immer
bei dir haben sollst - nicht mehr als einen Sklaven, sondern als etwas weit
Besseres: als einen geliebten Bruder." Philemon, überleg einmal. Was hast Du
verloren? Einen Sklaven. Was hast du gewonnen? Einen Bruder! Dein Sklave glaubt
jetzt an denselben Herrn wie du! Ihm ist seine Schuld vergeben - wie dir! Er ist
mit dem Heiligen Geist erfüllt - wie du! Er hat die feste Hoffnung auf ewiges
Leben - wie du! Ihr seid jetzt Brüder! Ob da nicht Gott dahinter steckt?
Natürlich war es nicht recht, dass Onesimus dir Geld geklaut hat. Natürlich
hätte er nicht weglaufen dürfen. Aber wir rechnen doch beide damit, dass Gott krumme
Wege gerade biegen kann, dass er auch mit dem schlimmsten Sünder zurechtkommt. In
gewissem Sinn hat Gott nicht nur mich, sondern auch dich dazu gebraucht, dass
Onesimus zum Glauben kam - von deiner Seite zwar völlig ungewollt und
ungeplant, aber er hat dich gebraucht! Dein Sklave ist ein wandelnder
Anschauungsunterricht für das, was Gott zustande bringt. Ärgere dich nicht über
das Alte; das ist vergangen. Freu dich über das Neue; das ist eure Gegenwart
und eure Zukunft.
Wieder
eine kleine Zwischenbemerkung: „Vielleicht ist er deshalb eine kurze Zeit von
dir getrennt gewesen, weil du ihn nun für immer bei dir haben sollst", schreibt
Paulus. „für immer" heißt wörtlich: „auf ewig". Und das stimmt buchstäblich:
Philemon wird Onesimus nicht mehr los! Hier auf der Erde könnte er ihn
fortschicken, aber spätestens im Himmel wird er ihm wieder begegnen. Philemon,
im Himmel wirst du auf Onesimus zugehen und ihn umarmen. Warum tust du es dann
nicht schon hier und heute? Oder willst du etwa, dass er dort als Zeuge gegen
dich auftreten muss, gegen deine Unversöhnlichkeit und Hartherzigkeit? Denk
dran: Christen sehen sich nie zum letzten Mal. Du hast Onesimus von jetzt an
für immer und ewig bei dir!
(e) Der
Sklave als Bruder - das ist der Schlüssel zur Überwindung des Konflikts. Wie löst
das Neue Testament die Sklavenfrage? Es setzt innen an, nicht außen. Das war damals
und ist bis heute der einzige Erfolg versprechende Weg.
Wer
das Neue Testament liest, stellt zu seinem Erstaunen (und vielleicht sogar zu
seinem Entsetzen) fest, dass das Sklaventum offensichtlich hingenommen wird.
„Ihr Sklaven, gehorcht euren Herren!" „Ihr Herren, behandelt eure Sklaven
gerecht!" Aber kein Wort davon, dass Sklaverei eigentlich gar nicht sein
dürfte! Kein Aufruf, sie abzuschaffen! Ist das nicht empörend? Aber mal
andersherum gefragt: Wie hätte das auch funktionieren sollen, das mit dem
Versuch, die Sklaverei abzuschaffen? Wir stellen uns das zu einfach vor. Wir
gehen von westlichen demokratischen Verhältnissen aus. In der Schweiz kann man
ein Volksbegehren lancieren, und wenn genügend Leute dafür stimmen, kommt die
Sache vors Parlament. Solch ein Instrumentarium gab es damals nicht - auch
nicht in der hochgelobten Demokratie der griechischen Städte. Wer dort
abstimmen durfte, waren nur die freien Bürger, nicht die Sklaven. Und die
freien Bürger hätten niemals einer Änderung des Sklavenstatus zugestimmt.
Man
stelle sich vor, Paulus hätte es von außen versucht, mit der Brechstange
sozusagen, hätte die bürgerliche Schicht in den griechischen und römischen
Städten aufgefordert: Im Namen Jesu Christi - gebt eure Sklaven frei! Was ihr
tut, ist Unrecht! Damit hätte er mit einem Schlag alle freien Bürger gegen sich
gehabt. Denn erstens hatten die eine Heidenangst vor Sklavenaufständen,
zweitens konnten sie sich ein Leben ohne Sklaven gar nicht vorstellen, und
drittens hätten sie überhaupt nicht begriffen, was daran so verkehrt sein soll.
Sklaven gehörten nun mal zum Dasein wie Frau und Kind und Haus und Hof; sie
gehörten dazu, solange sie zurückdenken konnten. Die Bürger hätten im Evangelium
nicht eine gute Nachricht gesehen,
sondern eine bedrohliche, die ihre ganze Wirtschaftsordnung auf den Kopf stellte,
die ihr soziales Gefüge in Unordnung brachte, ihr Staatswesen zerstörte.
Oder
man stelle sich vor, Paulus hätte die Sklaven aufgestachelt: Im Namen Jesu
Christi - befreit euch! Schüttelt das Joch ab, das eure Herren euch auferlegt
haben! Damit hätte er einen Sklavenaufstand angezettelt, und das wäre böse ausgegangen.
Immer wieder hat es solche Aufstände gegeben (man denke nur an den berühmtesten
von ihnen, den Spartakus-Aufstand), und immer sind sie kläglich gescheitert.
Und das schlimmste, wenn Paulus es auf diese Weise versucht hätte: Mit der
Rebellion wäre dann auch das Evangelium untergegangen.
Paulus
wollte dem Evangelium Gehör verschaffen; das war sein Auftrag. Und das Evangelium
zielt nicht in erster Linie auf eine Änderung der Gesellschaftsordnung, sondern
darauf, dass Menschen sich in allen denkbaren Lebensumständen von Christus
bestimmen lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Paulus alle anderen
Konfliktherde so gut wie möglich umgehen. Im Evangelium geht es darum, Jesus
Christus als den Sohn Gottes und den einzigen Retter anzuerkennen; es geht um
Vergebung der Schuld und um ewiges Leben - das war Konfliktstoff genug. Hätte
Paulus sich als Sozialrevolutionär versucht, dann wäre das Evangelium zu einer
innerweltlichen Botschaft verkommen und wäre mit Paulus untergegangen.
Das
heißt nun aber nicht, dass die Botschaft von Jesus Christus im
zwischenmenschlichen Be-reich alles beim alten lässt. Ganz im Gegenteil. Aber
die Umwälzungen kommen von innen her, nicht von außen. Erst wer seine Beziehung
zu Gott ins reine gebracht hat, kann dann auch seine Beziehung zu den
Mitmenschen ändern. Erst wer Gottes Liebe persönlich erfahren hat, kann sie
dann auch an andere weitergeben. Immer wieder weist Paulus in seinen Briefen
auf diesen Zusammenhang hin. „Nehmt einander an, so wie Christus euch
angenommen hat." „Vergebt einander, so wie Christus euch vergeben hat."
(Vergleiche Epheser 4, 32; Kolosser 3, 13 u. a.). Was Christus für uns getan
hat, ist die Voraussetzung für das, was wir für andere tun.
Genau
dieses Rezept wendet Paulus nun auf Philemon an. Er sagt nicht: „Lass Onesimus
frei!" Das wäre von außen her aufgezwungen; außerdem hätte er, juristisch
gesehen, gar kein Recht, das zu fordern. Er sagt: „Nimm ihn als Bruder auf!
Nimm ihn so auf, wie du mich aufnehmen würdest!" Nach dem Maßstab der damaligen
Gesellschaft war Paulus ein freier Mann und Onesimus ein Sklave; die beiden lebten
auf zwei völlig unterschiedlichen Ebenen, und man konnte und durfte sie nicht
gleich behandeln. Aber auf der neuen, höheren Ebene, die Jesus Christus
eingeführt hat, ist Paulus ein Kind
Gottes, und Onesimus ist ein Kind Gottes.
Und deshalb muss man die beiden gleich behandeln. Im 1. Korintherbrief geht Paulus
sogar noch weiter, dreht den Spieß um, formuliert provozierend und beinahe
überspitzt: „Ein Sklave, der Christus gehört, ist ein freier Mensch; Christus
hat ihn befreit. Und ein Herr, der Christus gehört, ist ein Sklave, ein Sklave
Jesu Christi." (1. Korinther 7, 22).
Den
Grund für diesen neuen Maßstab hat Jesus Christus selbst gelegt. Was hat er gelehrt?
„Einer ist euer Meister, und ihr alle seid Brüder." (Matthäus 23, 8) Und ein
paar Verse später: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein." (Matthäus 23,
11) Das hat Jesus gelehrt, und das
hat Jesus gelebt: „Er stand vom Tisch
auf, zog sein Obergewand aus und band sich ein leinenes Tuch um. Dann goss er
Wasser in eine Waschschüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und
mit dem Tuch abzutrocknen, das er sich umgebunden hatte." (Johannes 13, 4+5).
Anderen die Füße waschen war Sklavenarbeit. Jesus, der Herr, hat sich zum
Sklaven gemacht. „Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich
bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe,
sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben,
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe." (Johannes 13, 13-15)
Die Lehre und das Leben von Jesus haben den Grundstein gelegt für die
Überwindung der Sklaverei. Leider hat es lange gedauert, bis die Christenheit
damit Ernst machte, viel zu lange - bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Aber immerhin,
es waren Christen, die für das gesetzliche Verbot des Sklavenhandels und die
endgültige Abschaffung der Sklaverei zumindest in der westlichen Welt sorgten, allen
voran der englische Methodist William Wilberforce.
(f) Noch
ein letzter Aspekt, der für die Lösung des Konflikts von Bedeutung ist: Die
Rolle der Gemeinde. Der Philemonbrief ist ein Privatschreiben, habe ich gesagt,
ein ganz und gar persönlicher Brief. Was darin stand, war für Philemon bestimmt;
Philemon war in keiner Weise verpflichtet, den Brief seiner Hausgemeinde
vorzulesen.
Aber:
Paulus bestellt Grüße an verschiedene Leute aus der Hausgemeinde - an eine
Christin namens Aphia, an einen Christen mit Namen Archippus und überhaupt an
die ganze Gemeinde, die in Philemons Haus zusammenkommt. Diese Grüße muss
Philemon natürlich ausrichten. Und schon ist es vorbei mit der absoluten
Geheimhaltung. Ah, du hast einen Brief von Paulus bekommen? Was schreibt er dir
denn? Soll Philemon einfach schweigen? Die Leute kriegen ja mit, dass Onesimus
wieder aufgetaucht ist. Er besucht jetzt sogar die Hausgemeinde und erzählt,
wie er zum Glauben an Jesus gekommen ist: in Rom, durch Paulus, in dessen
Gefängnis! Wer eins und eins zusammenzählen kann (und das konnten die Leute
damals so gut wie wir heute), der wird wissen, dass Paulus dem Philemon etwas
zu Onesimus geschrieben hat. Aber was
hat er ihm wohl geraten? Alle warten gespannt darauf, wie Philemon mit seinem
untreuen Sklaven verfahren wird. Wird er ein Exempel statuieren und ihn auspeitschen
lassen? Wird er ihn womöglich verkaufen? Eins ist klar: Philemon kann seine
Entscheidung nicht unabhängig von der Gemeinde und unbeobachtet von den
Mitchristen treffen. Das macht Paulus ihm klar, indem er Grüße an die
Geschwister bestellt. Philemon, du lebst als Christ nicht nur in deinen eigenen
vier Wänden; du bist eingebunden in eine Familie von Brüdern und Schwestern,
und ihr seid füreinander verantwortlich.
Noch
auf eine andere Weise macht Paulus ihm diese Einbindung in die Gemeinde klar:
Er lässt ihn von verschiedenen Mitarbeitern grüßen - von Timotheus, von Markus,
Aristarch, Demas und Lukas. Das bedeutet doch: Diese Brüder wissen Bescheid.
Sie kennen vielleicht nicht alle Details von meinem Brief, aber sie wissen,
dass ich Dir in der Causa Onesimus geschrieben habe. Sie alle interessieren
sich brennend dafür, wie du mit Onesimus verfährst. Du bist nicht nur mir
Rechenschaft schuldig, sondern auch ihnen.
Paulus
bringt sogar sich selbst sozusagen als Gemeindemitglied ins Spiel: Er kündigt
seinen Besuch an und bittet Philemon um ein Gästezimmer (Vers 22). Ganz schön
schlau, nicht? Wenn Philemon sich in Sachen Onesimus querstellt, wie soll er
Paulus dann unter die Augen treten? Was wäre das für eine frostige Atmosphäre
zwischen Gastgeber und Gast! Indem Paulus sich für einen Besuch anmeldet, sorgt
er schon mal im Vorfeld für gut Wetter.
Und
ganz am Schluss dieses Briefes rückt die Gemeinde noch einmal ins Blickfeld:
„Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit
jedem einzelnen von euch!" (Vers 25). Philemon, ich wünsche dir Gottes Gnade - dir und allen, die zu deiner
Hausgemeinde gehören. Auch Onesimus gehört jetzt dazu. Du kannst die Gnade Gottes nicht für dich allein haben. Sie ist für euch
alle da; in ihrer ganzen Fülle werdet ihr sie nur gemeinsam erleben.
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