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Onesimus, Sklave des Philemon und Kind des Paulus
Schließlich
noch zur dritten Hauptperson, zu dem Sklaven Onesimus.
(a) Onesimus
gehört sozusagen zum Hausrat des Philemon. Sklaven waren nach römischem Recht Teil
des Besitzes; sie waren rechtlich gesehen nicht höher gestellt als ein Rind
oder ein Schaf oder als ein Tisch oder ein Schrank. Ihr Besitzer hatte sie
gekauft und konnte mit ihnen machen, was er wollte. Ihre Zeit und ihre Kraft
gehörten nicht ihnen selbst; darüber verfügte einzig und allein ihr Herr.
Sklaven hatten keinerlei Persönlichkeitsrechte.
(b) Nun
war es allerdings nicht so, dass Sklaven immer und überall wie der letzte Dreck
behandelt wurden. Im Lauf der Zeit hatte sich so etwas wie ein Gewohnheitsrecht
entwickelt: Sklaven durften heiraten, Sklaven konnten unter gewissen Umständen
sogar Besitz erwerben und ein eigenes Geschäft führen (natürlich immer unter
der Kontrolle dessen, der sie selbst besaß). Manche Sklaven waren hoch gebildet
und waren dann gelegentlich sogar z. B. als Erzieher oder als Ärzte tätig. (Die
römischen Kaiser führten ja ständig Kriege, hauptsächlich Eroberungskriege, und
alle Kriegsgefangenen waren automatisch Sklaven. Da war dann natürlich mancher Gelehrte
darunter, mancher Geschäftsinhaber, mancher Politiker; und wenn sie Glück
hatten, durften sie von ihrem Know-How auch als Sklaven Gebrauch machen.) Letztlich
hing alles davon ab, was für einen Herrn sie hatten. War ihr Herr ein guter
Mensch, ging es ihnen (den Umständen entsprechend) gut. War er ein schlechter
Mensch, ging es ihnen schlecht. „Zeige mir, wie du deine Sklaven behandelst,
und ich sage dir, was für einen Charakter du hast", hätte man damals wohl sagen
können. Wenn ein Sklave ganz großes Glück hatte und sich als Arbeitskraft
bewährte, konnte es sogar passieren, dass sein Herr ihn freiließ. Im Römischen
Reich gab es viele solche Freigelassene, die ihrem früheren Herrn oft sehr nahe
standen und für die ihr ehemaliger Sklavenhalter jetzt den Patron abgab, der
weiterhin für ihr Wohlergehen sorgte.
(c) Wie
sah das bei Onesimus aus? Onesimus hatte sicher einen guten Herrn; Philemon war
Christ, ein vielfach bewährter Christ. Aber Onesimus selbst war kein Christ.
Und offensichtlich war er auch kein guter Sklave. Der Name Onesimus bedeutet zwar „nützlich", aber die Person Onesimus war „unnütz", ein
Taugenichts von Sklave (s. Vers 11). Und als wäre das nicht genug, ließ sich
Onesimus auch noch etwas zuschulden kommen. In Vers 18 schreibt Paulus: „Und
sollte er dir irgendein Unrecht zugefügt haben oder dir etwas schulden, stell
es mir in Rechnung!" Onesimus schuldete seinem Herrn etwas. Vielleicht war er
zum Dieb geworden, hatte sich an Philemons Eigentum vergriffen und hatte
daraufhin die Flucht ergriffen. Vielleicht war er auch ganz einfach abgehauen
und schuldete seinem Herrn sich selbst, seine Arbeitskraft. Er hatte sich
sozusagen selbst gestohlen. Zahllose Sklaven versuchten damals, aus ihren
bedrückenden Verhältnissen zu fliehen. Die riesige Metropole Rom mit ihrer Subkultur
übte eine natürliche Anziehungskraft auf flüchtende Sklaven aus. Etwa ein
Drittel aller Einwohner dieser Millionenstadt waren Sklaven. Auch Onesimus floh
nach Rom. Irgendwie schlug er sich von der Türkei nach Italien durch, ein antiker
Bootsflüchtling sozusagen.
(d) Und
dort ist er Paulus begegnet, ausgerechnet Paulus! Unglaublich! Ein
untergetauchter Sklave trifft auf einen Gefangenen, der - an einen Soldaten
gefesselt - drei Jahre lang Hausarrest hat. Ehrlich gesagt, es fällt mir schwer
zu glauben, dass Onesimus rein zufällig auf Paulus stieß. Er konnte ihm ja
nicht beim Evangelisieren auf einem öffentlichen Platz begegnet sein; Paulus
durfte seine Wohnung nicht verlassen. Wenn Onesimus bis dahin nichts von ihm
wusste, wieso hätte er dann bei ihm angeklopft? Welche Hilfe hätte er von einem
Gefangenen erwarten können?
(e) Nein,
ich glaube, Onesimus hatte genau diese Adresse (oder besser gesagt: diesen
Namen) im Kopf, als er nach Rom floh. Woher wusste er von Paulus? Sie erinnern
sich - Paulus war vermutlich nie in Kolossä gewesen; er hat die dortige
Gemeinde nicht selbst gegründet. Onesimus kann ihm also nicht im Haus seines
Herrn begegnet sein. Aber ganz bestimmt hat Philemon von ihm geredet, und zwar
dankbar und voller Begeisterung, glücklich, diesen Mann kennengelernt zu haben.
Wer weiß, vielleicht hat der Geschäftsmann Philemon seinen Sklaven Onesimus
sogar mal auf eine Geschäftsreise mitgenommen, bei der er sich mit Paulus
getroffen hat, und Onesimus hat Paulus persönlich gesehen und gehört, hat
miterlebt, was für ein durch und durch integerer Mann das war, und hat
Vertrauen zu ihm gefasst. Nun, das ist Spekulation. Auf jeden Fall war ihm der
Name geläufig, und er wusste, dass sein Herr allergrößte Stücke auf Paulus
hielt. Wahrscheinlich wird sich Onesimus, als er weglief, gesagt haben: Ich
muss zu jemand, der mir raten kann, sonst bin ich verloren. Und wenn er so überlegte,
tauchte jedesmal das Bild von Paulus vor ihm auf. Ich muss zu Paulus. Der kennt
meinen Herrn; von dem lässt mein Herr sich etwas sagen; der kann mir am ehesten
aus der Patsche helfen.
(f) So
kam es, dass er schließlich bei Paulus landete. Und was geschah dann? Wie lange
Onesimus bei Paulus blieb, wissen wir nicht. Aber eins wissen wir: Er wurde
Christ. Paulus hat ihm den Weg zu Jesus gezeigt, und Onesimus hat den
entscheidenden Schritt gewagt, den Schritt vom Tod ins Leben. Vers 10: „Es geht
bei meiner Bitte um jemand, den ich als mein Kind betrachte, jemand, dessen
Vater ich geworden bin, weil ich ihn hier im Gefängnis zum Glauben an Christus
geführt habe."
Kleine
Bemerkung am Rande: Paulus hat offensichtlich missioniert, obwohl er gefangen
war. Nichts und niemand konnte ihn davon abhalten, seinen Auftrag zu erfüllen.
Und Onesimus ließ sich offensichtlich nicht davon abschrecken, dass Paulus
gefesselt war. Er fand die Botschaft von Jesus trotzdem total anziehend! Paulus
schreibt in 2. Timotheus 2, 9: „Weil ich diese Botschaft verkünde, habe ich
viel Schweres durchzumachen und bin jetzt sogar wie ein Verbrecher gefesselt.
Aber das Wort Gottes kann man nicht in Fesseln legen." Die Begegnung mit
Onesimus ist ein konkretes Beispiel für die Wahrheit dieser Wahrheit.
(g) Onesimus
wurde nicht nur Christ; er wurde ein einsatzfreudiger, zuverlässiger
Mitarbeiter von Paulus, und die beiden haben sich richtig lieb gewonnen (Verse
12+13). Am Ende war Onesimus geradezu unentbehrlich. Paulus schreibt: „Wenn es
nach mir ginge, hätte ich ihn am liebsten hier behalten." (Vers 13)
(h) Aber
es geht eben in diesem Fall nicht nach Paulus. Es geht nach dem Römischen
Gesetz. Und das kannte kein Pardon: Ein entlaufener Sklave musste zu seinem
Herrn zurück. Wer ihn deckte, versteckte oder sonstwie beschützte, machte sich
strafbar, gefährdete sein eigenes Leben. Es gab in der Antike professionelle
Fangkommandos, die davongelaufene Sklaven aufspürten und zu ihren Eigentümern
zurückbrachten. Und der Eigentümer konnte den Sklaven dann nach Belieben
bestrafen, konnte ihn weiterverkaufen oder sogar töten.
(i) Paulus
wird mit Onesimus darüber geredet haben: Du musst zu deinem Herrn zurück! - Ich
kann nicht! - Du musst! Willst du etwa auch mich in Gefahr bringen? - Aber ich
habe ihn doch bestohlen! Ich kann es nicht einmal zurückzahlen! - Trotzdem: Du
musst! Hör her: Ich habe sowieso vor, einen Brief an die Gemeinde in Kolossä zu
schreiben. Da setze ich halt noch einen Extra-Brief für deinen Herrn auf, ein
Bittschreiben zu deinen Gunsten. Den Brief an die Christen in Kolossä lasse ich
durch meinen Mitarbeiter Tychikus überbringen, und du begleitest ihn. Zu zweit reist
ihr sicher. (Kolosser 4, 7-9) Tychikus wird den Kolosserbrief an die Kolosser
aushändigen und den Philemonbrief an Philemon. Wir wollen Gott bitten, dass er deine Angelegenheit in die Hand
nimmt und Philemon barmherzig stimmt!
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