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4. Lektion: Wie Jesus als Seelsorger handelt
„Mein Sohn, dir sind
deine Sünden vergeben!" Dabei handelt es sich auch um eine zutiefst
seelsorgerliche Anrede, ein Gespräch wie unter vier Augen. Der Gelähmte hat
Dinge getan, die nicht in Ordnung sind, und er weiß das. (Dass seine Schuld mit
seiner Krankheit zu tun hat, sagt die Bibel nicht. Auch als Gesunder könnte er
ein belastetes Gewissen haben.) Seine Krankheit plagt ihn, aber seine Sünde
plagt ihn noch mehr. Vielleicht war er, als er sich mit seinen Freunden auf den
Weg zu Jesus machte, völlig auf seine Heilung fixiert. Aber jetzt, wo er
endlich am Ziel ist, Auge in Auge mit Jesus, da geht es ihm wohl so, wie es
Petrus einmal gegangen ist, als er Jesus begegnete. Petrus hatte sich vor Jesus
auf die Knie geworfen und gesagt: „Herr, geht fort von mir! Ich bin ein
sündiger Mensch." (Lukas 5,8) Der Gelähmte sieht den vor sich, der nie eine
Sünde begangen hat und der daher eine Autorität besitzt wie kein anderer
Mensch. Und da ist ihm plötzlich bewusst, dass er noch an einer anderen Stelle
seines Lebens Heilung braucht, nicht nur an seinen gelähmten Beinen. „Du
brauchst dich nicht zu fürchten, mein Sohn", sagt Jesus zu ihm (nach dem
Bericht im Matthäus-Evangelium, Kapitel 9,2). „Deine Sünden sind dir vergeben."
„Deine Sünden sind
dir vergeben" - das heißt übrigens nicht, dass sie ihm irgendwann früher einmal
vergeben wurden. Nein, das heißt: Jetzt, in diesem Augenblick werden sie ihm
vergeben. Jesus selbst vergibt ihm. Jesus heilt ihn in seinem Innersten.
Heilung auf Raten - und das Beste, das Wichtigste kommt zuerst!
Jesus als
Seelsorger:
-
feinfühlig und behutsam
-
kein Wort zu wenig, kein Wort zu viel.
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Stellt Jesus diesen Mann damit eigentlich nicht
bloß? Ist das nicht diskriminierend, vor der ganzen Menge von seiner Sünde zu
sprechen? Ich stelle mir vor, ich wäre damals dabei gewesen, und plötzlich
hätte sich Jesus zu mir gewandt und hätte laut gesagt: Andreas, dir sind deine
Sünden vergeben! Wie peinlich! Jetzt wissen alle, dass ich dunkle Flecken in
meinem Leben habe! Die anderen hielten mich doch immer für einen Mann mit
blütenweißer Weste, und jetzt zerreißt Jesus diesen frommen Schein. Ist das
noch korrekt? Geht er da nicht zu weit? Ich denke, Jesus ist haargenau richtig
weit gegangen - keinen Schritt zu wenig, keinen Schritt zu viel. Ja, er spricht
von der Sünde dieses Mannes. Aber er nennt keine Einzelheiten. Er fordert kein
detailliertes Schuldbekenntnis. Er führt kein Beichtgespräch, das nicht für
fremde Ohren bestimmt wäre und bei dem doch alle mithören würden. Was alle gehört
haben, ist lediglich dieser eine Satz, mit dem Licht auf das Dunkel im Leben
des Mannes fällt. Und jeder in diesem Raum muss erschrecken und sich fragen:
Was würde Jesus zu mir sagen? Sieht er auch mir bis auf den Grund des
Herzens? Kennt er auch meine Vergangenheit, meine Schattenseiten? Und mancher
denkt vielleicht: Wenn er doch auch mir vergeben würde! Ich hab Heilung genauso
nötig wie dieser Gelähmte!
Noch etwas müssen
wir beachten: Jesus hat dem Mann keine Vorwürfe gemacht. Er hat nicht gesagt:
„Du hast gesündigt!" Wenn ein Kranker zu einem Arzt kommt, stellt dieser als
erstes eine Diagnose. Er erfasst und beschreibt das Krankheitsbild so genau wie
möglich. Erst danach sucht er nach einer geeigneten Therapie. Aber der Arzt Jesus
bringt sozusagen die Diagnose bei der Therapie unter. Nicht erst: Du bist ein
Sünder!, und dann: Mal sehen, was sich dagegen machen lässt. Nein, Jesus
spricht sofort von der Therapie („Dir sind deine Sünden vergeben!"), und man
begreift eigentlich erst im Rückblick, worin die eigentliche Krankheit des
Mannes bestand (in seiner Sünde). So feinfühlig ist Jesus, so behutsam geht er
vor. Ein einziger Satz, und jedes einzelne Wort war nötig, um dem Mann zu
helfen, und kein einziges Wort war zuviel angesichts der vielen Zuhörer und
Zuschauer.
Was wäre, wenn ein paar
Tage später jemand zu dem Geheilten gesagt hätte: „He du, ich wusste gar nicht,
dass du mal was Unrechtes getan hast!"? - „Doch, doch", könnte der Geheilte
antworten. „Jesus hatte völlig recht. Aber vergiss nicht, was er über meine
Sünden gesagt hat: Sie sind mir vergeben! Und daran gibt es nichts zu rütteln.
So sicher, wie er mich von meiner Lähmung befreit hat, so sicher hat er mich
auch von all meiner Schuld befreit."
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