|
Seite 8 von 8
Nachtrag: Zwei Sorten Liebe?
Für
die Bibelexperten unter uns (und davon gibt es eine ganze Menge!) hier noch
eine kleine Nachbemerkung. Vielleicht haben Sie mal irgendwo gehört oder
gelesen, dass in diesem Abschnitt zwei verschiedene Wörter für lieben stehen und dass das hoch
bedeutsam sei. Ich kann Ihnen versichern, da ist nichts dran. Das heißt, das
mit den zwei verschiedenen Ausdrücken stimmt, aber nicht das mit den zwei
verschiedenen Bedeutungen. Die beiden Wörter bedeuten in diesem Zusammenhang genau
dasselbe. Es ist ungefähr so, wie wenn ich im Deutschen abwechselnd sage: „Er
liebt mich, er hat mich lieb, er liebt mich, er hat mich lieb." Keiner von uns
käme auf die Idee, man wollte damit zwei unterschiedliche Gedanken ausdrücken. Man
würde den Wort-Wechsel vielleicht nicht einmal bemerken! Oder haben Sie ihn
bemerkt, als zu Anfang der Bibeltext vorgelesen wurde? Meine Frau hat ihn nach
der Neuen Genfer Übersetzung gelesen, und dort wird ganz konsequent zwischen
„lieben" und „lieb haben" unterschieden. Ist es Ihnen nicht aufgefallen? Nein? Macht
nichts; es soll nämlich gar nicht auffallen.
Die
beiden griechischen Zeitwörter lauten übrigens agapan und philein. Sie stellen,
so wird behauptet, zwei verschiedene Ebenen von Liebe dar. Das eine sei die höhere,
die göttliche Liebe, das andere die niedrigere, die menschliche,
freundschaftliche Liebe. In manchen neutestamentlichen Büchern und an manchen
Bibelstellen mag diese Unterscheidung zutreffen. Aber Johannes gebraucht die
beiden Wörter in seinem Evangelium offensichtlich deckungsgleich und wechselt
lediglich aus stilistischen Gründen vom einen zum anderen, nicht aus
inhaltlichen. Sehen wir uns einmal verschiedene „Liebes-Beziehungen" an:
Gottes Liebe zu Menschen:
-
„So sehr hat Gott die Welt geliebt ..." (3, 16): agapan
-
„Er selbst, der Vater, hat euch lieb" (16, 27a):
philein
Gottes Liebe zu seinem Sohn Jesus:
-
„Der Sohn liebt den Vater" (3, 35): agapan
-
„Der Sohn hat den Vater lieb" (5, 20): philein
Jesu Liebe zu Menschen:
-
„Jesus hatte Martha und ihre Schwester und auch Lazarus sehr lieb" (11, 5):
agapan
-
„Seht, wie lieb er ihn gehabt hat!" (11, 36): philein
Jesu Liebe zu Johannes:
-
„Der Jünger, den Jesus besonders liebte" (13, 23): agapan
-
„Der Jünger, den Jesus besonders lieb gehabt hatte" (20, 2): philein
Die Liebe von Menschen zu Jesus:
-
„Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben" (8,
42): agapan
-
„Ihr liebt mich und glaubt daran, dass ich von Gott
gekommen bin" (16, 27b): philein
Jede
Unterscheidung wäre hier künstlich. Johannes liebt einfach die Abwechslung.
Übrigens wechselt er auch sonst noch auffallend oft in den paar Versen von
Kapitel 21, die der Predigt zugrunde liegen. Er verwendet zwei verschiedene
Ausdrücke dafür, dass Jesus um seine Liebe zu ihm weiß (eidenai und ginoskein),
zwei verschiedene Ausdrücke für das Hüten der Schafe (boskein und poimainein)
und zwei bis drei verschiedene Ausdrücke für die Schafe (arnia, probata und probatia
- je nach Lesart in den griechischen Manuskripten). Niemand käme auf die Idee,
daraus sachliche Unterschiede zu konstruieren; das wären wirklich konstruierte,
künstliche Unterschiede!
Im
übrigen ist es auch keineswegs zwingend so, dass agapan immer von der
göttlichen Liebe spricht. Das mit der göttlichen Liebe steckt nicht im Wort
selbst, sondern hängt vom jeweiligen Zusammenhang ab. agapan kann auch eine
sehr irdische, ungöttliche Liebe bezeichnen. Paulus klagt einmal über einen
Christen namens Demas und sagt: „Demas hat mich verlassen, weil er diese Welt
wieder lieb gewonnen hat!" (2. Timotheus 4, 10). Hier steht agapan! agapan
steht sogar dort, wo Amnon sich so in seine vermeintliche Liebe zu seiner
Schwester Tamar hineinsteigert, dass er sie vergewaltigt (2. Samuel 13,
Septuaginta)! Hier bezeichnet agapan das genaue Gegenteil von göttlicher Liebe!
Also nochmals: Entscheidend für die Bedeutung eines Wortes ist der jeweilige
Zusammenhang; und in Johannes 21, beim Gespräch von Jesus und Petrus, bedeuten
agapan und philein offensichtlich dasselbe.
Aber
nehmen wir mal an, agapan und philein würden hier tatsächlich eine höhere und
eine niedrigere Art der Liebe bezeichnen, und setzen die entsprechenden Wörter
in den Dialog zwischen Jesus und Petrus ein. (Der Tatbestand ist folgender: Bei
seinen ersten beiden Fragen verwendet Jesus agapan, bei der dritten philein.
Petrus hingegen spricht jedes Mal von philein.) Wir werden sofort merken, dass
das Gespräch in dieser Form keinen richtigen Sinn mehr ergibt.
(Vers
15a) Als sie gegessen hatten, sagte Jesus
zu Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mit göttlicher Liebe
mehr als irgendein anderer hier?" Petrus gab ihm zur Antwort: „Ja, Herr, du
weißt, dass ich dich mit menschlicher Liebe liebe." Petrus traut sich demnach
nicht, seine Liebe zu Jesus als eine göttliche zu bezeichnen; er spricht lieber
bescheiden von einer menschlichen Liebe. Aber genau an der Stelle stoßen wir
auf die erste Ungereimtheit: Petrus dürfte die Frage von Jesus nicht mit einem
Ja bestätigen, sondern müsste sie verneinen oder doch zumindest abschwächen.
(Vers
15b) Darauf sagte Jesus zu ihm: „Sorge
für meine Lämmer!" Wieder eine Ungereimtheit: Wenn Petrus Jesus nicht in
der Weise liebt, wie Jesus es haben möchte, wieso vertraut Jesus ihm dann seine
Herde an? Ehe Petrus wieder in sein Amt eingesetzt werden kann, müsste er die
Antwort geben, die Jesus von ihm erwartet.
(Vers
16) Jesus fragte ihn ein zweites Mal:
„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?" Petrus antwortete: „Ja, Herr, du
weißt, dass ich dich lieb habe." Da sagte Jesus zu ihm: „Hüte meine Schafe!" Auch
hier wieder derselbe unpassende Gesprächsverlauf.
Am
schwierigsten wird es in Vers 17. Man muss - um dem Ganzen einen Sinn
abzugewinnen - die Wendung „ein drittes Mal" mit „beim dritten Mal" übersetzen.
(Vers
17) Beim dritten Mal fragte ihn Jesus:
„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mit menschlicher Liebe?" Petrus wurde
traurig, weil Jesus ihn beim dritten Mal fragte: „Liebst du mich mit
menschlicher Liebe?" - „Herr, du weißt alles", erwiderte er. „Du weißt, dass
ich dich mit menschlicher Liebe liebe." Darauf sagte Jesus zu ihm: „Sorge für
meine Schafe! Jesus passt demnach seine Frage dem an, was Petrus beteuert;
er verlangt keine göttliche Liebe mehr, sondern nur noch menschliche. Und das
ist es dann angeblich, was Petrus so traurig macht: dass Jesus sogar seine
menschliche Liebe in Zweifel zieht! Aber das würde im Umkehrschluss bedeuten:
Hätte Jesus auch beim dritten Mal nach göttlicher Liebe gefragt, wäre Petrus
nicht traurig geworden! Und es bedeutet, dass jede Anspielung auf die
dreimalige Verleugnung wegfällt. Denn diese Anspielung beruht ja eben darauf,
dass Jesus dreimal dasselbe fragt, so wie Petrus dreimal dasselbe tat. Und das
ist natürlich auch der wahre Grund, weshalb Petrus traurig wird: Spätestens
beim dritten Mal kann er nicht mehr leugnen, dass Jesus ihn an seine
Verleugnung erinnert, und muss sich eingestehen, dass Jesus vollkommen recht hat,
wenn er seine Liebe so radikal in Frage stellt.
Und
noch ein letzter kleiner Hinweis: Das Gespräch zwischen Jesus und Petrus wurde
mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Aramäisch geführt. Und im Aramäischen gibt es
nicht zwei solche Verben, die eine höhere und eine niedrigere Form von Liebe
bezeichnen würden. Auch das bestätigt nochmals: Als Johannes die Begebenheit in
Griechisch niederschrieb, wählte er die verschiedenen Ausdrücke nicht, um
unterschiedliche Inhalte zu vermitteln, sondern einfach aus Freude an
stilistischer Abwechslung.
|