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Das übersehene Detail
Als ich mich in den letzten
Monaten berufshalber für längere Zeit mit der Apostelgeschichte befaßte, merkte
ich plötzlich, daß es da ein wichtiges Detail gibt, das man gewöhnlich schlicht
und einfach übersieht. Eigentlich ist es kein Detail, sondern ein bestimmtes
Merkmal, und man übersieht es nicht, weil es so klein wäre, sondern im
Gegenteil, weil es das ganze Buch füllt und sich wie ein roter Faden durch alle
Seiten zieht. Manchmal geht es mir so, wenn ich auf der Straßenkarte oder im
Atlas ein Land oder eine Gegend suche. Emmental, Emmental - wo steckt du nur?
Ich sehe Bern, ich sehe Burgdorf, ich sehe Langnau - irgendwo muß hier doch das
Emmental sein! Plötzlich habe ich es entdeckt: Die Buchstaben sind so groß und
so weit auseinandergerückt, daß ich sie glatt übersehen hatte! Sie ziehen sich die ganze Emme entlang:
E-M-M-E-N-T-A-L .
Das Charakteristikum, das
mir aufgefallen ist: Bei der Apostelgeschichte handelt es sich um ein Buch, in
dem vor allem geredet wird, genauer: in dem gepredigt wird, noch genauer: in
dem die Botschaft von Jesus Christus verkündet wird. Wir denken immer zuerst an
die Taten der Apostel, aber
eigentlich müßten uns die Predigten der
Apostel auffallen! Man könnte die Apostelgeschichte mit Fug und Recht als eine
Art Predigtband bezeichnen, eine Sammlung von Musterpredigten, verbunden durch
Zwischentexte, die Auskunft über Anlaß und Auswirkungen der Predigten geben.
Allein 8 Reden von Petrus, 9 von Paulus, 2 von Jakobus, eine (besonders lange)
von Stephanus, dazu viele kürzere Redestücke, außerdem in einem fort
Bemerkungen wie: „Sie bezeugten die Auferstehung von Jesus; sie verkündeten die
Botschaft Gottes; sie versuchten ihre Zuhörer von der Wahrheit des Evangeliums
zu überzeugen; sie unterwiesen die Menschen im Glauben." Am Anfang der
Apostelgeschichte steht der Auftrag von Jesus: „Ihr sollt meine Zeugen sein -
in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und überall sonst auf der Welt, selbst
in den entferntesten Gegenden der Erde" (1,8). In gewissen Sinn ein
Welteroberungsprogramm. Der letzte Vers der Apostelgeschichte liefert sozusagen
die Vollzugsmeldung: „Paulus verkündete den Menschen in Rom zwei volle Jahre
lang die Botschaft vom Reich Gottes und lehrte sie alles über Jesus Christus,
den Herrn" (28,31). Noch nicht die ganze Welt ist erobert, aber immerhin der
Nabel der damaligen Welt, das Zentrum des Römischen Reiches, die Metropole Rom!
Lukas, der Verfasser der
Apostelgeschichte, berichtet in diesem Buch von der Entstehung der christlichen
Gemeinde und von den Anfängen ihrer weltweiten Ausbreitung. Lukas ist wie ein
gewissenhafter, sorgfältiger Historiker vorgegangen: Er hat gründliche
Recherchen betrieben, hat Augen- und Ohrenzeugen befragt, hat schriftliches
Material gesammelt (vielleicht auch Zusammenfassungen oder sogar stenographische
Mitschriften und Protokolle der Reden, die er nicht selbst hören konnte -
sowohl die Griechen als auch die Römer kannten bereits eine Kurzschrift; sie
hatten sie entwickelt, um die Reden ihrer großen Rhetoriker mitschreiben zu
können!). Darüber hinaus hat Lukas (wie ein moderner Top-Journalist) die
Brennpunkte des Geschehens aufgesucht und mehrere Jahre lang die führenden
Leute begleitet. Und dann hat er seinen Bericht geschrieben.
Es gibt aus der Antike noch
viele andere historische Berichte. Die griechischen und römischen Historiker
schilderten den Werdegang Griechenlands, den Aufstieg Roms. Auch in ihren
Werken kommen Reden vor, sogar lange Reden. Aber im Mittelpunkt ihrer
Darstellungen stehen doch ganz andere Dinge: politische Machenschaften,
Schlachten, Kriege, militärische Eroberungen. Das waren die Mittel, mit denen
sich die Herrscher Respekt verschafften, mit denen sich ihre Reiche ausbreiteten.
Man hat diese Werke mit dem
Bericht von Lukas verglichen. Das Resultat verblüfft. Prozentual ist der
Reden-Anteil in der Apostelgeschichte weit mehr als doppelt so groß wie z. B.
in den Annalen des Tacitus oder in der Historia von Herodot, mehr als viermal
so groß wie im Jüdischen Krieg von Josephus, achtmal so hoch wie im
Geschichtswerk von Thucydides und sechzehnmal so hoch wie in der Geschichte des
Polybius. Von den ca. 1000 Versen der Apostelgeschichte sind nicht weniger als
etwa 365 Rede-Material, also ein gutes Drittel.
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