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Eine Religion fürs große Ganze
Gleichzeitig erreicht er
damit noch etwas. Paulus hat es ja mit philosophisch geschulten Leuten zu tun.
Diesen Denkern geht es immer ums Ganze. Irgendeine Einzelfrage plausibel klären
- das wäre für sie nicht genug. Sie wollen eine Deutung für alles, für die
Entstehung der Welt, für den Ablauf der Menschheitsgeschichte, für Sinn und
Zweck von allem Geschehen. Die griechische Götterwelt kann ihnen solch eine
umfassende Erklärung nicht liefern. Viele Philosophen haben sich daher ernüchtert
von den Göttern abgewandt. Hört einmal her, sagt Paulus, mein Gott ist die Antwort
auf eure Fragen. Der Gott, den ich euch verkünde, steht über allem und
durchdringt alles, ist Anfang und Ziel der Welt. Paulus stellt ihnen Gott als
den Schöpfer vor, als den Erhalter und Versorger, als den Herrscher, als den
Richter. Er schreitet mit ihnen die ganze Linie ab vom Anfang der Geschichte
bis zu ihrer Vollendung, den ganzen Kreis aller Länder und Völker, den ganzen
Herrschaftsbereich Gottes, seine ganze ewige Regierungszeit.
Ich glaube, es geht uns
heute gar nicht so viel anders als den Griechen damals. Wer anfängt, über sich
und diese Welt nachzudenken, der möchte Antworten auf grundlegende Fragen: Wer
bin ich? Woher komme ich? Wozu bin ich da? Was wird aus meinem Leben? Was wird
aus dieser Welt? Nach welchen Grundsätzen sollen wir handeln? Die allermeisten
Menschen haben keine Ahnung, daß die Bibel darauf sinnvolle, überzeugende
Antworten gibt. Für sie ist Christentum einfach ein Stück Religion für einen
bestimmten Winkel ihres Daseins, für besondere Zeiten und Anlässe. An
Weihnachten läßt man sich gern vom Christkind in eine selige Stimmung
versetzen. An Karfreitag sieht man sich den Mann am Kreuz an und denkt an
eigenes und fremdes Leid. Bei der Hochzeit freut man sich über den festlichen
Rahmen, den die Kirche bietet, und die erhebenden Worte, die der Pfarrer dazu
liefert. Und bei der Beerdigung ist man dankbar für die festgefügten Rituale,
die einem durch die schwierigen Augenblicke des Abschiednehmens helfen.
Religion als willkommene Zugabe in außergewöhnlichen Stunden. Aber Religion als
etwas, das das gesamte Leben umfaßt? Den Familienalltag, die Stunden im Büro
oder am Fließband, die Freizeit? Gott als jemand, der eine wirkliche Welt-Sicht
hat, dessen Taten sich über alle Völker und über die ganze
Menschheitsgeschichte hin erstrecken, dessen Worte in alle Bereiche des Daseins
hineinsprechen und alles neu gestalten wollen? Von solch einem Gott wissen die
wenigsten. Da hört Religion auf, ein triviales und letztlich überflüssiges
Anhängsel zu sein. Der christliche Glaube ist eine Basis, auf der wir das ganze
Leben aufbauen können, eine Aufgabe, die all unsere Tatkraft und Denkkraft in
Anspruch nimmt, herausfordernd, umwälzend und zutiefst befriedigend.
Eine solche Religion, einen
solchen Gott gibt es nur einmal, und das ist es, was Paulus damals den Athener
anbot und was wir Christen heutzutage unseren nichtchristlichen Mitmenschen
anbieten. Etwas anderes haben wir nicht; etwas Besseres haben wir nicht.
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