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Anknüpfen und Abholen
Da ist zunächst einmal der
Einstieg. Die Sache mit dem Altar, auf den eingraviert ist: „Für einen
unbekannten Gott". Ich kann mir so richtig vorstellen, wie Paulus, als er durch
die Straßen von Athen ging und all die Götterstatuen sah, sich überlegte: Wie
kann ich diese irregeführten Leute bloß erreichen? Lospoltern? „Ihr
Götzendiener, mit euren widerlichen Machwerken beleidigt ihr Gott!"? Da würden
sofort die Rolläden runtergehen! Nein, ich muß einen Anknüpfungspunkt finden, irgend
etwas Positives in diesem ganzen okkulten Chaos. Und dann stieß er auf diesen
Altar: „Für einen unbekannten Gott". Das ist es! „Ihr spürt selbst, daß euch
noch etwas fehlt. Ihr gebt zu, daß neben euren tausend Göttern noch ein anderer
Gott sein muß, den ihr verehren solltet. Ich kenne diesen Gott. Wollt ihr von
ihm hören?" Daß Paulus seine Rede so
beginnt, ist nicht nur Taktik und Diplomatie (als wollte er sich bei ihnen
einschmeicheln). Es ist vor allem ein Ausdruck für die tiefe Liebe, die er zu
seinen Zuhörern hat, für sein Erbarmen mit ihnen. Er knüpft bei etwas an, was
er in ihrer Lebenswelt gefunden hat, und gibt dem einen positiven Dreh, weil er
sie für Jesus gewinnen möchte.
Als nächstes fallen die
Zitate von griechischen Dichtern auf: „In ihm leben wir, bestehen wir und sind
wir." „Er ist es, von dem wir abstammen." Wenn Paulus in einer jüdischen Synagoge
sprach, zitierte er das Alte Testament. Richtig so, denken wir. So ist es
bibeltreu. Aber heidnische Denker zitieren, um ein christliches Argument zu
untermauern? Darf man das überhaupt?
Vermischt man da nicht Heiliges mit Unheiligem? Das wäre ja, als würde ich zur
Begründung meiner Aussagen Goethe und Schiller anführen. Nun, vor Juden das Alte Testament zu zitieren,
ist sinnvoll. Die Hörer wissen, daß das Alte Testament Gottes Wort ist; für sie
hat es absolute Autorität. Für die Athener besaß das Alte Testament überhaupt
keine Autorität. Sie haben von diesem Buch noch nicht einmal gehört. Ihre
Dichter hingegen kennen sie. Wenn Paulus auf eine Aussage von ihnen verweist,
hat das für sie Gewicht. Es macht seine eigenen Aussagen glaubwürdiger. Und
darauf kommt es ja letztlich an.
Im Grunde genommen ahmt
Paulus hier nur im kleinen nach, was Gott im großen Stil vorgemacht hat: Er hat
sich uns Menschen offenbart, indem er unsere
Sprache benutzte, unsere Begriffe, unsere Vorstellungen. Er hat uns in unserer
Denkwelt abgeholt und hat uns mit Hilfe von unserer Sprache seine so ganz
anderen Gedanken beigebracht. Genauso macht es Paulus vor dem Areopag. Er heißt
die Vorstellungen der griechischen Dichter nicht gut. Ihm ist natürlich bewußt,
daß diese Verse nicht vom wahren Gott sprechen, sondern von dem Pseudogott
Zeus. Aber das hält ihn nicht davon ab, an diesen Aussagen anzuknüpfen, um von
dort aus eine Tür zu öffnen für die ganz andere und so viel bessere Welt des
Evangeliums.
Und noch etwas fällt auf.
Bei jüdischen Zuhörern beginnt Paulus in der Regel immer gleich mit
alttestamentlichen Voraussagen auf den Messias, und er zeigt, daß diese sich in
Jesus Christus erfüllt haben. Die heidnischen Athener würden bei diesem
Verfahren nur Bahnhof verstehen. Bei ihnen muß Paulus viel weiter ausholen, muß
ganz an den Anfang der Bibel zurück und erst einmal von der Existenz des einen
allmächtigen Gottes sprechen, von der Erschaffung und Erhaltung der Welt durch
diesen Gott. Auch darin paßt sich Paulus der Situation seiner Zuhörer an.
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