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... steht plötzlich alles Kopf
Es
wird Mittag, es wird Nachmittag, die letzte Stunde bricht an, und schließlich
ist der Zeitpunkt da, wo alle ihren Lohn ausgezahlt bekommen. „Wenn jemand um
Tageslohn für euch arbeitet, dann zahlt ihm seinen Lohn noch am selben Tag
aus", heißt es im Gesetz des Mose (3. Mose 19, 13). Und jetzt, mit einem Mal,
läuft alles anders ab als üblich. Üblich wäre, dass der Lohn gestaffelt ist, je
nach Arbeitszeit. Doch hier bekommen alle, vom ersten bis zum letzten,
denselben vollen Lohn, einen Denar. Üblich wäre zudem, dass die ersten als erste
an der Reihe sind (sie waren schließlich sowieso schon den ganzen Tag auf den Beinen).
Doch hier erhalten die Letzten ihren Lohn als erste, und die Ersten müssen
warten bis zum Schluss.
Wenn
wir herausfinden wollen, was Jesus uns mit seinen Geschichten beibringen
möchte, müssen wir genau auf die Stellen achten, wo's nicht mehr rund läuft, wo
die Ereignisse sozusagen gegen den Strich gebürstet sind. In unserem Fall sind
das also diese beiden Punkte: (a) dass alle den gleichen Lohn bekommen und (b)
dass die Ersten ihren Lohn als letzte kriegen.
Wo wären wir, wenn Gott nicht
wäre?
Sehen
wir uns diese beiden Auffälligkeiten der Reihe nach an. Zuerst die Sache mit
dem Einheitslohn. Auffällig daran ist nicht, dass die Ersten einen Denar
bekommen; das war ja so abgemacht; da ging alles mit rechten Dingen zu.
Auffällig ist, dass die Späteren mehr kriegen, als sie erwarten konnten, und je
später sie mit der Arbeit im Weinberg angefangen haben, desto größerer wird das
Missverhältnis zwischen Leistung und Lohn. In gewissem Sinn bekommen die von
der letzten Stunde zwölfmal soviel wie die Ersten! Warum tut der Gutsbesitzer
das? Er sagt es selbst: „Weil ich so gütig bin!" (Vers 15) Er sieht diese armen
Kerle vor sich stehen. Er stellt sich vor, wie sie nach Hause kommen, mit einem
zwölftel Denar (einem Pondion - so hieß diese Winzig-Münze). Wie sollen sie
damit all die hungrigen Mäuler stopfen? Er hat Erbarmen mit ihnen. Und er gibt
ihnen so viel, als hätten sie den ganzen Tag für ihn gearbeitet. Damit sie
wenigstens heute richtig satt werden.
So
ist Gott. (Vergessen wir nicht: Es geht in diesem Gleichnis ums Himmelreich;
der Besitzer des Weinbergs ist Gott!) Das will uns Jesus lehren: Mein Vater ist
gütig. Wenn mein Vater euch für etwas belohnt, dann rechnet er nicht nach
Heller und Pfennig ab, nein, er schüttet euch einen ganzen Geldsack in den
Schoß. So großzügig geht es im Reich meines Vaters zu. Wo er herrscht, herrscht
Überfluss.
Wenn
Gott ein Pfennigfuchser wäre, ein Rappenspalter - du liebe Zeit, da wäre es
schlecht um uns alle bestellt! Wenn Gott uns wirklich genau das geben würde,
was wir verdient hätten - ja, wo wären wir denn da? So viele Jahre unseres
Lebens haben wir vergeudet, ohne überhaupt nach Gott zu fragen. Wollen wir,
dass er uns das angemessen anrechnet? So oft haben wir ihn mit unserem Tun
beleidigt. Wollen wir, dass er uns das heimzahlt? Wollen wir Gott ernsthaft
eine Leistungsabrechnung vorlegen und auf unseren Lohn pochen? Der Lohn könnte
nur darin bestehen, dass Gott uns für immer von sich stoßen müsste.
Aber
zum Glück (zu unserem Glück!) rechnet
Gott anders. Zu unserem Glück ist sein Lohn kein Leistungslohn, sondern ein
Gnadenlohn. Er hat sich bereits rückhaltlos für uns eingesetzt, als wir noch
seine Feinde waren. „Gott beweist uns seine Liebe dadurch, dass Christus für
uns starb, als wir noch Sünder waren." (Römer 5, 8). Und jetzt, wo wir seine
Kinder sind, lässt er weiterhin Gnade vor Recht ergehen. Ich weiß, wir alle haben
unsere Vorzeige-Frömmigkeit: Dass wir am Sonntag mit schöner Regelmäßigkeit im
Weißen Saal aufkreuzen. Dass wir uns in der Bibel doch ein gutes Stück besser
auskennen als dieser Neuling, der in der Kleingruppe immer wie wild in der
Bibel blättert, weil er noch nicht mal weiß, dass die Evangelien im Neuen
Testament stehen. Dass wir als treue Beter keine Gebetsstunde verpassen. Dass
wir der Missionarsfamilie in Polynesien pünktlich an jedem Monatsersten einen
Hunderter überweisen. Darauf sind wir stolz, dafür möge Gott uns, bitteschön,
ordentlich belohnen. Aber wer eine Vorzeigeseite hat, der hat auch eine
Damit-halte-ich-lieber-hinterm-Berg-Seite. Es gibt so vieles, auf das wir alles
andere als stolz sind. So viele Nachlässigkeiten, so viele Versäumnisse, so
viel Gleichgültigkeit. Wir sind heilfroh, dass die anderen in der Gemeinde
davon nichts mitkriegen (hoffen wir wenigstens!). Nun, Gott kriegt alles mit.
Gott umgibt uns von allen Seiten. Für ihn ist unsere Rückseite nicht weniger zugänglicher
als unsere Vorderseite. Und es gibt nichts, was sich hinter seinem Rücken abspielen
könnte. Er kennt unseren Einsatz für ihn. Aber er kennt auch die Zeiten der
Trägheit, wo wir es mit dem Glauben nicht so genau nehmen, wo wir uns lieber
von ihm fernhalten als seine Nähe suchen. Soll Gott das alles wirklich korrekt
und gerecht gegeneinander aufrechnen? Meint ein einziger, er könne dann noch
vor ihm bestehen? Wir können von Glück sagen, dass Gott so gütig ist. Er zahlt
uns zwölffach, hundertfach, tausendfach mehr, als wir mit unserem bisschen
Frömmigkeit beanspruchen könnten.
Noch
ein Nach-Gedanke zum Einheitslohn. Einheitslohn bedeutet immer auch
Nivellierung. Alle stehen auf derselben Stufe. Unterschiede spielen keine Rolle
mehr. Vor dem Kreuz sind tatsächlich alle gleich: der Reiche und der Arme, der
Kluge und der Dumme, der Fromme und der Gottlose. „Nivellierung" hat meistens
einen negativen Beigeschmack: Das Herausragende wird eingeebnet, das Besondere
wird Gewöhnlich, man findet sich ganz bescheiden auf dem kleinsten gemeinsamen
Nenner wieder. Aber die von Gott inszenierte Nivellierung wirkt sich positiv
aus, nicht negativ. Das macht sie so toll. Wir werden nicht herabgestuft, wir
werden aufgewertet. Es ist nicht so, dass Jesus allen alles wegnimmt, uns also
auf die tiefste Stufe herunterzerrt. Nein, alle bekommen alles; Jesus hebt uns
auf die denkbar höchste Stufe hoch. Nivellierung auf allerhöchstem Niveau. So
ist Gott. So gut, so gütig.
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