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An einem Tag wie jeder andere
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Sehen
wir uns zunächst nochmals die Geschichte als solche an. Sie beginnt völlig normal
und völlig harmlos. Jeder Zuhörer hat das, was Jesus da erzählt, so oder
ähnlich schon mal miterlebt. Jesus knüpft bei seinen Bildergeschichten immer
mitten im prallen Leben an. Die Leute können sich mit dem Personal, dem
Szenarium identifizieren, können sich den Handlungsablauf vorstellen. So
gelingt es Jesus, sie gewissermaßen mit auf die Reise nehmen - und irgendwann,
manchmal unmerklich, manchmal mit einem Donnerschlag, befinden sie sich gar
nicht mehr in ihrer vertrauten Welt, sondern mitten drin im Reich Gottes, und
alles geht ganz anders zu, als sie es gewohnt sind.
Hier
befinden wir uns also auf dem Marktplatz eines Städtchens irgendwo in Israel.
Auf dem Marktplatz kann man alles haben - nicht nur Obst und Gemüse, sondern
auch Arbeitskräfte. Es ist früh am Morgen, so zwischen 5 und 6 Uhr, die Sonne
geht gerade auf. Einige Tagelöhner stehen bereits da und warten darauf, dass
jemand ihnen für diesen Tag Arbeit gibt. [Tagelöhner waren in gewissem Sinn die
Ärmsten der Armen in der damaligen Gesellschaft. Selbst ein Sklave hatte es in
der Regel noch besser: Er gehörte zwar wie ein Tisch oder ein Maultier zum Hab
und Gut irgendeines reichen Mannes, der mehr oder weniger freundlich mit ihm
umsprang; aber dafür hatte er sein Auskommen und seine Unterkunft. Der
Tagelöhner hingegen lebte buchstäblich von der Hand in den Mund. Wenn ihm an
dem betreffenden Tag jemand eine Arbeit gab, bekam er am Abend den Lohn
ausbezahlt - in der Regel einen Denar -, und das reichte dann gerade so, um
sich und seiner Familie etwas zu essen zu kaufen. Fand er keine Arbeit, mussten
Frau und Kinder und er selbst hungrig zu Bett gehen. Irgendwelche sozialen
Netze, die ihn in einem solchen Fall hätten auffangen können, gab es damals
noch keine.]
Plötzlich
taucht noch ein Frühaufsteher auf: ein reicher Grundbesitzer. (Die Reichen
machen sich also keineswegs immer ein bequemes Leben - das denken ja die Armen
oft von ihnen. Umgekehrt sind aber auch die Armen nicht immer faule Säcke - das
denken ja die Reichen oft von ihnen. Die Armen in unserer Geschichte sind jedenfalls
genauso früh auf den Beinen wie der Reiche.) Der Gutsbesitzer sucht Arbeiter
für seinen Weinberg. Wahrscheinlich ist an die Zeit der Weinlese zu denken,
September oder Oktober. Das würde auch gut erklären, weshalb der Gutbesitzer im
Lauf des Tages immer wieder auftaucht, um weitere Arbeiter anzuheuern. Die Trauben
müssen schnell geerntet werden, ehe die Regenfälle einsetzen und alles zunichte
machen.
Um
die dritte Stunde (wie es wörtlich heißt) lässt er sich wieder auf dem
Marktplatz blicken, dann um die sechste, dann um neunte und schließlich um die
elfte. Gerechnet wurde von Sonnenaufgang an - sehr simpel und sehr effizient.
(Eine Rolex für den Gutsbesitzer oder eine Swatch für die Tagelöhner gab es
damals noch nicht.) Die Sonne geht um sechs auf - null Uhr nullnull sozusagen.
Die dritte Stunde ist dann neun Uhr (man müsste genauer sagen: die Zeitspanne
etwa von acht bis neun), wenn die Sonne auf halbe Höhe am Himmel steht. Steht
sie im Zenit, ist Mittag - zwölf Uhr bei uns, die sechste Stunde nach damaliger
Zählung. Wenn die Sonne wieder auf die halbe Höhe gesunken ist, haben wir die
neunte Stunde - nachmittags um drei -, und beim Sonnenuntergang um sechs sind
nicht weniger als zwölf Stunden vergangen: ein langer Arbeitstag! (Die Arbeitspausen
lasse ich der Einfachheit halber aus dem Spiel.)
Immer
wieder hält der Besitzer des Weinbergs nach weiteren Arbeitern Ausschau. Und jedesmal
findet er welche, die bereit sind, mit ihm zu kommen. (Warum sie nicht gleich
beim ersten Mal angestellt wurden, wird nicht gesagt und tut auch nichts zur
Sache; vielleicht hatten sie erst woanders nach Arbeit gesucht. Auf jeden Fall
machen sie nicht den Eindruck von Menschen, die sich so lange wie möglich vor
der Arbeit drücken!) Mit den ersten hat der Gutsherr den üblichen Tageslohn
vereinbart - einen Denar. Sie waren einverstanden, waren glücklich, zumindest
für diesen Tag ihr täglich Brot zu haben, und gingen an die Arbeit. Denen, die
später eingestellt werden, nennt er keine konkrete Zahl mehr; er sagt
lediglich: „Ich werde euch geben, was recht ist" - also, so müssen sie
annehmen, den entsprechenden Bruchteil des vollen Tageslohnes.
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