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Wer bei Gott Karriere macht ...
und wer nicht
Erste
werden Letzte, und Letzte werden Erste. Lassen Sie mich zum Schluss einfach
noch ein paar Beispiele nennen, wo genau das eingetreten ist.
Beispiel Nr. 1
Von
den Zuhörern Jesu habe ich bereits geredet. Die Ersten, die Frommen, pochten
auf ihre Leistungen, ärgerten sich über Gottes Großzügigkeit und verbauten sich
damit selbst den Zugang zu Gottes Lohn, zum ewigen Leben. Die Letzten dagegen,
die Zolleinnehmer und Prostituierten, die verachteten Galiläer, die
ungebildeten Fischer und Hirten griffen gierig nach diesem Strohhalm der
zwölften Stunde, dem letzten Angebot sozusagen, doch noch etwas aus ihrem Leben
zu machen. Sie gehörten zu den Christen der ersten Stunde - und es dauerte lange,
bis auch der eine oder andere Fromme sich zu Jesus bekannte. Erste wurden
Letzte, und Letzte wurden Erste. Wie sagte Jesus ein Kapitel später zu den
führenden Priestern und den Ältesten des jüdischen Volkes, zu lauter Ersten
also? „Ich versichere euch: Die Zolleinnehmer und die Huren kommen eher ins
Reich Gottes als ihr." (Matthäus 21, 31)
Beispiel Nr. 2
Unmittelbar
vor unserem Gleichnis, in Kapitel 19, berichtet Matthäus von einem reichen
Mann, der zu Jesus kam und wissen wollte, wie er das ewige Leben bekommen
könnte. Der Mann hatte von klein auf alle Gebote gehalten, er hatte sich immer
an alle frommen Regeln gehalten. Ganz zweifellos war dieser Mann ein Erster.
Aber als Jesus ihm dann seine Hilfe anbot, lehnte er ab. Er war zu stolz. Er
war zu reich. Traurig ging er weg - mit einem Mal ein Letzter.
Beispiel Nr. 3
Kaum
ist der Reiche weg, sagt Petrus zu Jesus (Matthäus 19, 27): „Du weißt, wir
haben alles zurückgelassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür
bekommen?" Daraufhin kündigt Jesus seinen Jünger eine Belohnung an, die alle
Grenzen sprengt, die mit vernünftigem, gerechtem Lohn überhaupt nichts mehr zu
tun hat, die so gigantisch ist, dass man sie nur noch als pure Gnade bezeichnen
kann: „Ich sage euch: Wenn der Menschensohn in der zukünftigen Welt auf dem
Thron seiner Herrlichkeit sitzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid,
auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der
um meines Namens willen Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder
Äcker zurücklässt, wird alles hundertfach wiederbekommen und wird das ewige
Leben erhalten." (Verse 28 und 29) Und dann fügt Jesus etwas an, was wie eine
leise Mahnung an Petrus klingt: „Aber viele, die jetzt die Ersten sind, werden dann
die Letzten sein, und viele, die jetzt die Letzten sind, werden dann die Ersten
sein." (Vers 30)
Es
ist, als wollte Jesus Petrus und die anderen Jünger davor schützen, in ein
falsches Denken zu geraten. Petrus, du warst einer von diesen Letzten, ein Fischer
aus Galiläa, in den Augen der jüdischen Frommen ein religiöser Taugenichts. Und
jetzt plötzlich bist du einer von den Ersten! Lass dir das nur ja nicht zu
Kopfe steigen! Es werden sich mir noch viele andere anschließen, die nicht so
lange für mich gearbeitet haben wie du. Dann prahle bloß nicht mit deinem
Einsatz und deiner Hingabe! Nein, freu dich mit, dass Gottes Haus groß genug
ist auch für sie und dass Gottes Güte groß genug ist, um auch mit ihrer Schuld
fertig zu werden - genau wie mit deiner.
Beispiel Nr. 3a
Viele
von uns sind schon lange Christen, gehören schon lange zu dieser Gemeinde und
arbeiten schon seit Jahren treu und zuverlässig mit. Aber gerade wir sind in
Gefahr! In der ersten Stunde im Weinberg ist man noch so richtig dankbar, dass man
überhaupt eine Aufgabe hat und dafür sogar noch einen Lohn kriegt. Man freut
sich über Gottes Güte. Aber nach und nach - je länger man arbeitet und je mehr
Stunden man sich abmüht - schleicht sich wieder der alte Stolz ein, die alte
Selbstgefälligkeit: Hier, in dieser Gemeinde, hier bin ich wer. Hier kann man
nicht auf mich verzichten. Hier gehöre ich zu den Stützpfeilern, ohne die alles
zusammenkracht. Ich bin für Gott auf jeden Fall viel wichtiger als irgend so
ein Besucher, der nur ab und zu reingeschneit kommt und der sich hier noch
keinerlei Privilegien erarbeitet hat! Und hast du's nicht gesehen lebt man
nicht mehr von Gottes Güte, sondern von der eigenen frommen Statur. Und hast
du's nicht bemerkt wird man von Gott höchstpersönlich nach hinten gereicht -
von den Ersten zu den Letzten - und musst Gottes Urteil hören: Fang du nochmals
ganz von vorne an; lern wieder das ABC der Gnade Gottes und das Einmaleins seiner
Gerechtigkeit.
Beispiel Nr. 4
Wir
merken: Erster und Letzter - das sind keine festgeschriebenen Positionen. Das
kann ständig wechseln. Der Pharisäer, dieser fromme Mann, betet: „Ich danke
dir, Gott, dass ich nicht so bin wie jener Zolleinnehmer dort!" (Lukas 18, 11)
Und mit diesem Pharisäerdenken landet er prompt auf dem letzten Platz. Aber der
Zolleinnehmer könnte sich genauso was einbilden: „Ich danke dir, Gott, dass ich
kein Pharsiäer bin! Ich danke dir, dass ich in meinem Leben so viel Verkehrtes
gemacht habe, denn das hat mich auf den letzten Platz abrutschen lasssen. Und
deshalb darf ich jetzt damit rechnen, bei Dir Erster zu sein!" Aber hallo,
würde Jesus sagen, wenn du das so siehst, dann bleib du mal schön auf dem
allerletzten Platz.
Das Beispiel par excellence
Ein
weiteres Beispiel, eigentlich das Paradebeispiel schlechthin: der sog. Schächer
am Kreuz (Lukas 23, 39-43). Ein Mann nicht nur der letzten Stunde, sondern der
letzten Minute! Buchstäblich in letzter Sekunde kriegt dieser Verbrecher die
Kurve, begreift, dass Jesus der König und Retter ist und übergibt ihm sein
Leben und seine Zukunft. Und wie reagiert Jesus? „Heute noch wirst du mit mir
im Paradies sein!" Ein Allerletzter wird Allererster! Er kommt genauso ins
Paradies wie der, der sich ein Leben lang treu für Christus eingesetzt hat.
Beispiel Nr. 6
Noch
ein Beispiel: Nachdem Jesus gestorben und auferstanden war, schickte er den
Apostel Paulus als seinen Botschafter auf Tournee ins ganze Römische Reich. Wie
ging Paulus dabei vor? In jeder Stadt, in die er kam, suchte er als erstes die
jüdische Synagoge auf und versuchte dort, das Evangelium zu verkünden. Das war
ein ehernes Prinzip seiner Missionsstrategie: Zuerst die Juden, danach die
anderen Völker. Und was musste er erleben? Die Juden lehnten seine Botschaft ab
(Ausnahmen bestätigten die Regel). Und was durfte
er erleben? Die Griechen und Römer öffneten sich scharenweise für das
Evangelium; sie konnten sich gar nicht satthören an dieser guten Nachricht,
dass die Gnade des Gottes Israels jetzt auch für sie da war. Die Letzten wurden
die Ersten.
Aber
handkehrum warnt Paulus diese Senkrechtstarter auch wieder. Im Römerbrief (Kapitel
11) vergleicht er die Gemeinde Gottes mit einem Ölbaum. Die Juden waren die ersten
Zweige an diesem Baum, sagt er. Und diejenigen unter ihnen, die Christus
ablehnten, wurden ausgebrochen und mussten gläubigen Nichtjuden Platz machen. Aber
dann sagt Paulus: „Das ist kein Grund, verächtlich auf diese Zweige
herabzusehen! ... Dass sie ausgebrochen wurden, lag an ihrem Unglauben, und dass
du da stehst, wo du stehst, liegt an deinem Glauben. Darum sei nicht
überheblich, sondern sei dir bewusst, in welcher Gefahr du dich befindest. Denn
wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, warum sollt er dann dich
verschonen?" (Verse 18-21) Mit anderen Worten: Aufgepasst, ihr römischen
Christen! Ihr wart mal Letzte und seid jetzt Erste. Bildet euch darauf nur ja
nichts ein. Sonst könntet ihr euch - schneller, als euch lieb ist - auf dem
letzten Platz wieder finden! Paulus fährt fort: „Du hast hier also beides vor Augen,
Gottes Güte und Gottes Strenge: seine Strenge denen gegenüber, die sich von ihm
abgewendet haben, und seine Güte dir gegenüber - vorausgesetzt, du hörst nicht
auf, dich auf seine Güte zu verlassen; sonst wirst auch du abgehauen werden.
Die ausgebrochenen Zweige dagegen werden wieder eingepfropft werden, sofern sie
nicht an ihrem Unglauben festhalten. Denn es steht sehr wohl in Gottes Macht,
sie wieder einzupfropfen." (Verse 22 und 23) Also: Die, die jetzt Letzte sind,
können auch wieder Erste werden. Entscheidend für alle ist der Grundsatz, den Paulus
knapp, präzise und glasklar so formuliert: „... vorausgesetzt, du hörst nicht
auf, dich auf Gottes Güte zu verlassen."
Siebtes und letztes Beispiel:
Ein guter Schluss ziert alles
Und
noch ein letztes Beispiel: Paulus selbst. Jahrelang war er ein Letzter. Er
hielt sich die Ohren zu, wenn die Jünger von Jesus erzählten. Mehr noch: Er
fing an, die Christen zu bekämpfen; er ging mit äußerster Härte gegen sie vor
und schreckte nicht einmal davor zurück, sie dem Henker auszuliefern. Und dann
griff Jesus persönlich ein, vor Damaskus, mit einem blendend hellen Licht. „Saul,
Saul, warum verfolgst du mich?" - „Wer bist du, Herr?" - „Ich bin Jesus." - „Was
soll ich jetzt tun?" - „Tu, was ich dir sage!" Paulus, ein Letzter, wurde zu
Paulus, einem Ersten. Dieser unglaubliche Wechsel hat sein ganzes weiteres
Leben geprägt. In 1. Korinther 15, 8-10 schreibt er: „Als Letztem von allen
[sozusagen in zwölfter Stunde, fünf Minuten vor zwölf!] hat Christus sich auch
mir gezeigt; ich war wie einer, für den es keine Hoffnung mehr gibt, so wenig
wie für eine Fehlgeburt. Ja, ich bin der unwürdigste von allen Aposteln.
Eigentlich verdiene ich es überhaupt nicht, ein Apostel zu sein, denn ich habe
die Gemeinde Gottes verfolgt. Dass ich trotzdem ein Apostel geworden bin,
verdanke ich ausschließlich der Gnade Gottes." Oder, mit dem Bild von unserem
Gleichnis gesagt: Es war ein reines Geschenk, dass der Gutsbesitzer mich noch
in seinen Weinberg gerufen hat; was bin ich froh, dass ich jetzt doch noch für
ihn arbeiten darf! Aus lauter Dankbarkeit hat Paulus sich mit Feuereifer in die
Arbeit gestürzt. Er sagt weiter: „Und dass Gott mir seine Gnade erwiesen hat,
ist nicht vergeblich gewesen. Keiner von allen anderen Aposteln hat so viel gearbeitet
wie ich." He Paulus, Achtung - bist du jetzt etwa eingebildet? Bedankst du dich
womöglich bei dir selber statt bei Gott? - O nein. Hör lieber bis zum Ende zu!
Und Paulus schließt seinen Gedankengang, indem er noch einmal auf den alles entscheidenden
Aspekt hinweist: „Nicht mir verdanke ich das Erreichte, sondern der Gnade
Gottes, die mit mir war." Nein, um Paulus musste einem nicht bange werden. Und
solange wir uns ganz auf Gottes Güte verlassen, muss uns um uns auch nicht bange
sein.
***
Das
war es also, was Jesus uns mit diesem Gleichnis lehren wollte. Erstens: Gott
ist unendlich, unbegreiflich gütig. Und zweitens: Seine Güte erfordert bei uns
ein radikales Umdenken.
Ob
Schröder, wenn er die heutige Predigt hören könnte, dieses Gleichnis immer noch
zu seiner Lieblingsgeschichte erklären würde? Schön wär's natürlich! Und zu wünschen
wäre es ihm auch.
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