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Gebet – das Kennzeichen eines Christen
Das Gebet und der Heilige Geist
Beten heißt: die Beziehung zu Gott pflegen
Am Ende: der Dank
Zwei Auswirkungen
Ein Mustergebet als Gebetsmuster: "Abba, Vater!"

Beten heißt: die Beziehung zu Gott pflegen

Beten = Reden

Reden = Beziehung unter Menschen herstellen/aufrechterhalten

Beten = Verbindung mit Gott herstellen/aufrechterhalten

Was spielt sich denn nun eigentlich ab, wenn wir beten? Sehen wir uns das mal ein bisschen genauer an. Beten heißt zunächst einfach Reden, Reden mit Gott. Worum geht es, wenn zwei Menschen miteinander reden? Die landläufige Auffassung ist die, dass es dabei um bestimmte Inhalte geht. Der eine teilt dem anderen etwas mit, gibt eine Information weiter: „Hast du schon gehört - in England ist es gelungen, Hühner zu züchten, die würfelförmige Eier legen!" Der andere reagiert darauf, positiv oder (in diesem Fall) vielleicht auch ablehnend: „So ein Mist. Da muss mich mir ja neue Eierbecher anschaffen!" (War natürlich nur ein verspäteter Aprilscherz.) Also: Etwas sagen heißt, eine Mitteilung machen. Oft stimmt das. Aber es gibt noch einen anderen, einen tieferen Grund, warum wir miteinander reden. Es geht primär gar nicht immer um bestimmte Inhalte; es geht ganz einfach darum, eine Verbindung herzustellen bzw. die zustandegekommene Verbindung sicherzustellen. Es geht darum, soziale Kontakte aufzubauen, soziale Distanz abzubauen. Mal angenommen, ich bin ganz allein zu Fuß unterwegs und muss durch ein dunkles Stück Wald. Plötzlich taucht aus dem Dämmerlicht eine Gestalt auf und kommt auf mich zu. Herzklopfen. Schweißausbruch. Panik. Soll ich umdrehen und weglaufen? Soll ich die Fäuste in den Hosentaschen ballen, um notfalls blitzschnell zuschlagen zu können? Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, eine bessere: Ich spreche den Fremden an. „Hallo, auch noch unterwegs!? Wo soll's denn hingehen? Ist es noch weit, bis der Wald zu Ende ist? Also dann, kommen Sie gut an Ihr Ziel! Wiedersehn!" Merken Sie? Das, worüber wir reden, ist völlig belanglos. Mich interessiert nicht, woher der Fremde kommt und wohin er geht. Aber indem wir miteinander reden, schaffen wir eine Art Nähe, eine Offenheit. Wir stellen gegenseitig sicher, dass wir normal miteinander umgehen wollen und nicht (wie ein Verbrecher) außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stehen. Indem ich mit dem Fremden rede, wird er mir vertraut. Jemand, der so nett mit mir redet, mag zwar aus einem finsteren Wald kommen, aber er ist sicher kein finsterer Geselle mit finsteren Absichten.

Das Schlimmste, was ein Mensch einem anderen antun kann, ist, nicht mehr mit ihm zu reden. (Ich habe das am eigenen Leib erlebt und erlitten, über Wochen und Monate hin.) Schweigen als Bestrafung. Schweigen als Abbruch der sozialen Beziehung. Schweigen als Ausdruck des zerstörten Friedens. Es gibt kaum etwas Hässlicheres, als wenn von zwei Menschen, die sich einmal sehr nahe standen, gesagt wird: „Sie reden nicht mehr miteinander." „Sie haben sich nichts mehr zu sagen."

In unserer Familie wird unheimlich viel geredet. Manchmal bringt eins unserer Kinder einen Kollegen von der Schule oder der Uni zum Essen mit nach Hause. Wenn der Gast dann unsere Tischgespräche miterlebt, haut es ihn jedesmal beinahe vom Hocker: Bei Euch ist es ja soo interessant; Ihr redet über so vieles! Es kommt auch vor, dass eins unserer Kinder woanders zu Mittag isst. Und nachher erzählt es davon: Stellt euch vor - bei denen wurde kein Wort geredet! Die saßen soo stumm am Tisch, dass mir fast unheimlich wurde. Wie halten die das bloß aus? Ich glaub, die haben kurz vorher Krach miteinander gehabt!

Reden als Ausdruck der Verbundenheit. Das ist unter uns Menschen so, aber das ist - genau entsprechend - auch gegenüber Gott so. Indem wir beten, pflegen wir die Beziehung zu ihm. Wenn wir nicht beten, verschließen wir uns vor ihm. Deshalb ist das Gebet tatsächlich das Kennzeichen eines Christen.
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Die Geschichte des Gebets: Bitten und Danken

Also: Beten dient - wie alles Reden - dazu, einen Kontakt herzustellen bzw. einen Kontakt aufrechtzuerhalten. Das ist so ganz unabhängig davon, worüber man im einzelnen redet. Gehen wir einen Schritt weiter, fragen wir jetzt nach dem Inhalt des Gebets. Was tun Sie ganz konkret, wenn Sie beten? Es sind in den allermeisten Fällen zwei Dinge: Sie bitten Gott um etwas, oder sie danken Gott für etwas. Das sind die beiden Vorgänge, die das Beten kennzeichnen: Bitte und Dank.

Man könnte auch sagen: Jedes Gebet hat seine ganz persönliche Geschichte. Es fängt mit dem Bitten an und schließt mit dem Danken ab. Sehen wir uns diese Geschichte mal etwas genauer an.

a) Am Anfang: die Bitte

Es beginnt, habe ich gerade gesagt, mit einer Bitte. Eigentlich beginnt es noch vor der Bitte. Nicht jeder wendet sich mit seinen Anliegen an Gott. Damit jemand das tut, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein. Wer Gott um etwas bittet, bei dem ist dreierlei passiert.

Drei Voraussetzungen

Was haben ein Christ und ein Selfmademan gemeinsam?

Beide lieben ihren Schöpfer über alles.

Erstens: Er hat begriffen, dass er alleine nicht zurecht kommt, sondern auf andere angewiesen ist. Er hat sich seine Armut eingestanden, seine Hilflosigkeit, seine Schwäche. Er hat aufgehört, den starken Maxe zu markieren, und hat akzeptiert, dass er nicht die nötige Kraft, die nötige Weisheit, die nötige Liebe hat, um in den schwierigen Situationen des Lebens zu bestehen. Er hat die Illusion begraben, selbständig und unabhängig durchs Leben gehen zu können. Er sieht seine Hände an und ist ehrlich genug, zuzugeben, dass sie leer sind. Wer meint, seine Hände sind voll, der wird doch nicht zu einem anderen gehen und ihn um etwas bitten! Wer sich stark vorkommt und klug und barmherzig, der trinkt aus seiner eigenen Quelle. Er braucht keine Hilfe von außen. Er ist ein Selfmademan. Wissen Sie, was ein Christ und ein Selfmademan gemeinsam haben? Beide lieben ihren Schöpfer über alles! Aber genau das ist es natürlich auch, was sie trennt. Der Christ weiß, dass sein Schöpfer der wahre und lebendige Gott ist. Der Selfmademan dagegen hat sich, wie das Wort sagt, selber gemacht, er ist sein eigener Schöpfer, und den bewundert und verehrt er. Auf Gott kann er locker verzichten. Aber wer einsieht, dass es ihm an allen Ecken und Enden an grundlegenden Dingen fehlt, der wird bereit, sich an seinen eigentlichen Schöpfer zu wenden; er wird Gott um Hilfe bitten.

Zweitens: Wer Gott um etwas bittet, ist bereit, sich helfen zu lassen. Soo selbstverständlich ist das keineswegs. Nicht jeder, der merkt, dass er auf dem Holzweg ist, macht kehrt. Nicht jeder, der feststellt, dass seine Taschen leer sind, ist bereit, sie sich von jemand anders füllen zu lassen. Es genügt nicht, seine Hilflosigkeit zu begreifen; man muss auch seinen Stolz an den Nagel hängen. Man darf die leeren Hände nicht in der Tasche verstecken, sondern muss sie hervorholen und dem anderen hinstrecken - leer wie sie sind. Wer sich im Gebet an Gott wendet, signalisiert damit seine Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

Drittens: Wer Gott um etwas bittet, gibt damit zu verstehen, dass er von Gottes Größe und Macht überzeugt ist, von Gottes Reichtum und Liebe. Wer Geld braucht, wird sich nicht an einen Bettler wenden, sondern an einen Fabrikbesitzer. Wer sich an Gott wendet, rechnet damit, dass Gott ihm die leeren Hände füllen kann und füllen will. Gott kann sie füllen, weil er unendlich reich ist. Gott will sie füllen, weil er uns unendlich lieb hat. Gott hat die Möglichkeit, uns zu helfen, und er hat die Bereitschaft, uns zu helfen.

Das sind also die drei Voraussetzungen dafür, dass jemand sich mit einer Bitte an Gott wendet:

Wer bittet
  • weiß, dass er allein nicht zurecht kommt
  • ist bereit, sich helfen zu lassen
  • ist überzeugt, dass Gott helfen kann und helfen will

Bitten macht uns klein (wir brauchen Hilfe)

Bitten macht Gott groß (er gewährt uns Hilfe)

Bitten macht uns groß (wir bekommen Hilfe)

Es gibt wohl kaum etwas, was unser Stellung gegenüber Gott besser zum Ausdruck bringt als das bittende Gebet. Zunächst stehen wir mit leeren Händen da. So sind wir: Wir können nicht aus eigener Kraft ein sinnvolles Leben führen. Nun strecken wir diese Hände Gott entgegen. Damit zeigen wir Gott, dass wir ihn als Gott erkannt haben. Wir vertrauen darauf, dass er uns die Hände füllt. Und schließlich erweist sich Gott als Gott und gibt uns alles, was wir brauchen - großzügig und liebevoll. Unser Bitten macht uns ganz klein: Wir brauchen Hilfe. Unser Bitten macht Gott ganz groß: Er gewährt uns Hilfe. Und dadurch macht unser Bitten am Ende auch uns ganz groß: Wir bekommen Hilfe. Gott tut uns Gutes. Er holt uns an seine Seite. Er behandelt uns wie Menschen, die seine Nähe verdient haben.