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Blinder Glaube = großer Glaube?
"Nicht
sehen und trotzdem glauben." Ein berühmtes Wort, ein geflügeltes Wort. Und
wie das so geht mit geflügelten Worten - manchmal fliegt man mit ihnen auf und
davon. Und ohne es recht zu wollen oder zu merken, landet man in einer völlig
fremden Gegend; das Wort ist aus dem Zusammenhang gerissen und sagt plötzlich Dinge,
die es gar nicht sagen wollte. "Glück-lich, wer nicht sieht und trotzdem
glaubt!" Aha, folgern manche: Dann ist der Glaube also um so besser, je
weniger er sieht. Mathematisch gesprochen: Glaube und Sehen verhalten sich
umgekehrt proportional. Oder ein bißchen einfacher formuliert: Es ist wie bei
einer Wippe: Schwere Beweise - leichter Glaube; geringe Beweise - gewichtiger
Glaube. Wer viele Beweise hat, muß wenig glauben. Wer wenig Beweise hat, muß
viel glauben. Wer alle Beweise vor sich hat, braucht überhaupt nicht zu
glauben. Und wenn jenand nicht den geringsten Beweis hat und trotzdem glaubt,
ist er der Glaubensheld schlechthin. Wenn alle Fakten dagegen sprechen, wenn
etwas absurd und unmöglich ist und man es trotzdem glaubt - das ist echter
Glaube. Wer Beweise fordert, macht sich verdächtig - er will sehen statt
glauben. Er verrät den wahren Glauben, er ist Judas Nr. 2. Es gibt nicht wenige
Christen, die so denken. Aber interessanterweise sind genau das auch die
Überlegungen vieler moderner Theologen - jener Theologen, die rundweg
abstreiten, daß Jesus leibhaftig auferstanden ist. Interessanterweise haben
gerade sie einen Narren gefressen an diesem Wort Jesu: "Nicht sehen und
trotzdem glauben."
Bei
Thomas hatte es geheißen: erst sehen, dann glauben. Die Grundlage waren
sichtbare Beweise gewesen, darauf baute sein Glaube auf. Die Alternative, die
Jesus vorstellt, lautet: Nicht sehen und trotzdem glauben. Auf was baut jetzt
der Glaube auf? Was bedeutet: nicht sehen? Die moderne Theologie sagt:
"nicht sehen" ist gleichbedeutend mit "nichts" - schlicht
und einfach nichts; eine leere Menge. Der Glaube baut auf gar nichts auf, er
schafft sich eine eigene Welt. Das erste sind nicht historische Fakten; das
erste ist der Glaube. Je nachdem klingt das unheimlich fromm. Zum Beispiel so:
"Die Grundlage der neutestamentlichen Gemeinde ist der Glaube an die
Auferstehung Jesu." Klingt gut, nicht wahr? Ein frommes Wort am anderen.
Aber wenn man genauer hinhört, merkt man: Das ist so falsch wie fromm. Die
Grundlage der Gemeinde ist nicht der Glaube an die Auferstehung; die
Grundlage ist die Auferstehung selbst! Nach jener verkehrten Behauptung schafft
der Glaube die Auferstehung - erst der Glaube, dann die Auferstehung. Es war
aber umgekehrt: Erst die Auferstehung, dann der Glaube. Für jene Art von
Theologie ist die Auferstehung nicht wirklich geschehen; sie ist ein
sogenanntes Interpretament: Mit ihrer Hilfe wird das Kreuz interpretiert. Das
Kreuz, so wird gesagt, ist zwar geschichtlich gesprochen das Ende von Jesu Leben.
Aber weil Gott sich zu Jesus gestellt hat, sind die Botschaft und das Werk Jesu
nicht verloren, sondern behalten ihre Bedeutung für alle Zeiten. Jesus lebt,
indem seine Botschaft weiterwirkt. Und um diese Gewißheit auszudrücken, haben
die Apostel von Auferstehung gesprochen. Nun, wenn das der Sinn von Jesu
Auferstehung ist, dann sind sämtliche bedeutenden Männer und Frauen der
Weltgeschichte auferstanden. Wenn Auferstehung nicht mehr ist als ein
Weiterwirken der Ideen und Vorbilder, dann ist auch Johann Sebastian Bach
auferstanden - in seiner Musik, und Rembrandt - in seiner Malerei, und
Shakespeare - in seinen Dramen, und Napoleon - in seiner Politik. Es ist mehr
als offensichtlich, daß die Apostel etwas grundlegend anderes ausdrücken
wollten, als sie von Jesu Auferstehung berichteten.
In
der letzten Nummer des Kirchenboten vom Kanton Zürich (6/97) schreibt ein
Pfarrer zum Thema "Leeres Grab": "Die müßige Frage, ob jenes
Grab nun leer oder voll gewesen sei - diese Frage müssen die Gegner von Jesus erfunden
haben, um die Jünger von der Hauptsache abzubringen, sie zu verwirren und mit
ihrem Osterglauben ins Absurde zu treiben. Nur die Gegner sind daran
interessiert, mit dieser Frage nach dem biologischen Ballast das Wirken von
Jesus auszublenden. Sie wollen so verhindern, daß Jesus Christus unter uns
ist." Ist das nicht geradezu unheimlich raffiniert? Wer das Grab für leer
erklärt, der verwirrt den Glauben!? Echter Glaube braucht keine solchen
Beweise? Wie war es denn in Wirklichkeit? Wenn der Stein nicht weggerollt
gewesen wäre und die Frauen das Grab nicht leer vorgefunden hätten, wenn Petrus
und Johannes, als sie ins Grab hineinschauten, dort noch den eingewickelten
Leichnam Jesu hätten liegen sehen, dann wäre nie und nimmer einer von ihnen auf
den Gedanken gekommen, Jesus könnte auferstanden sein. Das leere Grab war
maßgeblich beteiligt an ihrem Auferstehungsglauben!
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