|
Seite 4 von 11
Ein Gott zum Anfassen
Und
dann steht mit einem Mal tatsächlich wieder Jesus im Kreis seiner Jünger. Er
tritt ein, obwohl die Türen verschlossen sind. Er grüßt sie: "Friede sei
mit euch!" Und dann wendet er sich an Thomas persönlich. Eigentlich ist er
dieses zweite Mal ja nur seinetwegen gekommen. Die bloße Tatsache, daß sich
alles genauso abspielt wie vor einer Woche, hat mit Thomas zu tun. Es ist, als
wollte Jesus ihm sagen: Sieh mal, deine Kollegen haben sich nicht getäuscht,
sie haben sich da nicht etwas eingebildet. Es war alles genauso, wie du es
jetzt selbst erlebst.
In
dieser kleinen nachösterlichen Begebenheit wird etwas deutlich, was wir immer
wieder in den Evangelienberichten entdecken: Jesus hat nicht nur die große
Masse und die großen Ziele vor Augen, er kümmert sich um einzelne Menschen. Er
sieht die ganze Welt, aber er übersieht deswegen nicht die einzelne Person. Er
liebt alle, und er liebt jeden. (Ich glaube, Jesus ist es nie passiert, daß er
vor lauter Wald keine Bäume mehr sah.) Jesus läßt niemand links liegen, nur um
seine weltumspannenden Ziele nicht zu gefährden. Er geht nicht über Leichen. Er
hat jeden ganz persönlich lieb - so lieb, daß er gar nicht anders kann, als sich
dem zuzuwenden, der ihn gerade nötig hat. Und das ist in unserer Geschichte
Thomas.
Wie
sehr Jesus Thomas lieb hat und wie sehr er ihm helfen möchte, sehen wir auch an
dem, was er zu ihm sagt: "Leg deinen Finger auf dieses Stelle hier und
sieh dir meine Hände an! Reich deine Hand her und leg sie in meine Seite!"
(V. 27). Jemand hat diese Aufforderung einen der liebevollsten Sätze der
ganzen Bibel genannt. Nicht, man könnte sich ja vorstellen, daß Jesus herrisch
auftritt, daß er sich unnahbar gibt, überlegen: Mich berühren willst du? Eine
Unverschämtheit! Sei froh, daß ich mich von dir sehen lasse! Das muß dir
genügen, um zu glauben. - Ich vermute, eine solche Reaktion hätte in Thomas
etwas zerbrochen; die vertrauensvolle Beziehung zu Jesus, die in all den
Jahren mit ihm aufgebaut worden war, wäre mit einem Schlag zerstört gewesen.
Nein, Jesus kanzelt ihn nicht ab, er stellt ihn nicht bloß. Er versteht nur zu
gut, wie schwierig es ist, etwas zu begreifen, was noch nie vorher geschah, und
weiß, wie wichtig es ist, jeden Zweifel auszuräumen. Jesus, der auferstandene,
erhöhte Gottessohn, macht sich noch einmal zu einem Mensch unter Menschen:
Komm, du darfst mich berühren!
Übrigens:
Woher wußte Jesus denn, daß Thomas seine Wundmale berühren wollte? Hat Thomas
seine Forderung ihm gegenüber wiederholt? Haben die anderen Jünger sie
verraten? Sicher nicht. Jesus wußte es, weil er dabeigewesen war, als Thomas
die Forderung stellte - unsichtbar zugegen. Thomas muß es heiß und kalt
geworden sein: Da diskutiere ich mit den anderen und weigere mich kategorisch,
an Jesu Auferstehung zu glauben, und er steht daneben und hört sich Wort für
Wort von meinem dummen Geschwätz an! So nah war mir Jesus gerade in dem
Augenblick, als ich abstritt, daß es ihn überhaupt noch gibt! Ich dachte, Jesus
sei definitiv in der Versenkung verschwunden, in endloser Ferne - und in
Wirklichkeit war er mir näher als mein eigenes Hemd! Daß Jesus alles
mitgekriegt hat, das allein hätte genügt, um Thomas von Jesu Lebendigkeit und
Göttlichkeit zu überzeugen. Die Jünger sagten einmal: "Du kennst unsere
Fragen, bevor wir sie dir stellen. Darum glauben wir, daß du von Gott gekommen
bist" (Joh. 16,30). Genauso ist es Thomas hier ergangen.
Hier
wird also so ganz nebenbei deutlich, daß Jesus Gott ist. Er weiß alles. Er ist
überall. Als der Auferstandene unterliegt er keinen Einschränkungen mehr. Er
hörte zu, als Thomas so entrüstet ablehnte, seine Auferstehung für wahr zu
halten, und hat sich überlegt, wie er es am besten anstellen könnte, um Thomas
für sich zu gewinnen. Er hört auch zu, wenn wir Zweifel äußern oder Ärger; er
sieht, wann wir am Ende sind mit unserem Latein. Und er wendet sich dann nicht
empört von uns ab, sondern versucht jedesmal alles, um uns seine Liebe zu
zeigen und unser Vertrauen zurückzugewinnen. Er war bei Thomas genau in den
Tagen, als dieser sich total im Stich gelassen vorkam, und er ist bei uns, auch
wenn wir uns völlig allein vorkommen.
|