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Eine Sternstunde im Leben des Thomas |
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Unglaube oder Skepsis?
Und
wir sehen daran noch etwas: "ungläubig" im eigentlichen, im absoluten
Sinn ist Thomas ganz bestimmt nicht. Ungläubig würde bedeuten: Von Jesus will
ich nichts mehr wissen. Er hat mich zu sehr enttäuscht. Ungläubig würde heißen:
Ich will mit den anderen Jüngern nichts mehr zu tun haben. Für mich ist dieses
Kapitel abgeschlossen; nichts wie weg aus Jerusalem, weg nach Galiläa. Aber
Thomas hat Kontakt mit ihnen. Er trifft sich mit ihnen. Ganz sicher hoffen die
anderen, daß Jesus sich ihnen wieder zeigt. Und tief in seinem Innersten hofft
auch Thomas, daß Jesus zu ihnen kommt. Wäre es ihm ernst mit seiner heftigen
Ablehnung, dann würde er gar nicht erst mit ihnen warten. Wäre er wirklich
ungläubig, dann bliebe er zu Hause. So aber liegt in seiner hartnäckigen
Weigerung, ihnen zu glauben, der unausgesprochene Wunsch: Wenn es doch wahr
wäre! Wenn Jesus doch wirklich wieder lebendig geworden wäre! Was würde ich
darum geben, wenn ihr recht hättet!
Thomas
ist nicht ungläubig, er ist skeptisch. Eigentlich ist das ein positiver
Charakterzug. Der Skeptiker schluckt nicht gleich jede Kröte, die man ihm
serviert. Ehrlich gesagt, man stößt gar nicht so selten auf Christen, denen
würde man eine gesunde Portion Skepsis wünschen. Sie nicken ständig mit dem
Kopf. Sie geben sich zufrieden mit 5-Rappen-Antworten auf
Millionen-Schweizer-Franken-Fragen. Sie lassen sich den größten Unsinn
vorsetzen, verdrehte Lehren, künstliche Systeme, die man über die Bibel stülpt
und auf die kein nüchtern denkender Mensch käme - aber weil es von irgendeiner
Kanzel gesagt wird oder in einem Buch aus einem frommen Verlag steht, muß es
ja stimmen. Weil es unter christlicher Flagge segelt, kann die Richtung nicht
verkehrt sein. In christlichen Kreisen passieren - leider - manchmal die unglaublichsten
Dinge (sogar in den Chefetagen): ungehobeltes Benehmen, Unaufrichtigkeiten,
finanzielle Zwielichtigkeiten, moralische Entgleisungen - und alles läßt man
sich gefallen, alles deckt man mit dem Mantel der Liebe Jesu zu. Und sollte je
ein Zweifel aufkommen, dann unterdrückt man den ganz rasch; man will
schließlich kein ungläubiger Thomas sein. Nun, vielleicht wäre es gar nicht
schlecht, gelegentlich in die Rolle des Thomas zu schlüpfen, nicht gerade in
die des ungläubigen Thomas, aber in die des skeptischen Thomas.
Und
noch etwas können wir von Thomas lernen: Er ist absolut ehrlich. Er täuscht
keinen Glauben vor, wo keiner ist. Er tut nicht so, als verstehe er, wenn er
in Wirklichkeit zweifelt. Er plappert nicht einfach ein Credo mit, ohne seinen Inhalt
zu begreifen. Thomas braucht Einsicht und Gewißheit. Ich glaube, wenn Jesus
irgendwas nicht leiden mochte, dann war es Heuchelei. Neulich las ich eine
hübsche Definition: Ein Heuchler hat einen langen Bart, aber unter seinem Bart
ist er glattrasiert. Nun, ich weiß nicht, ob Thomas einen Bart trug oder
glattrasiert war, aber eins weiß ich: Er war nicht beides zugleich. Ein
Heuchler war Thomas nicht. Und deshalb liebte ihn Jesus und half ihm zurecht.
Aus solchen aufrichtigen Zweifeln, wie wir sie bei Thomas sehen, spricht
manchmal eine größere Glaubensbereitschaft als aus dem gedankenlosen Mitmachen
und Nachahmen frommer Bräuche. Und oft findet man ja erst durch ein ernsthaftes Infragestellen zu einer echten
Klärung und zu einer tiefen Überzeugung, die einem dann nichts und niemand mehr
nehmen kann. Siehe Thomas!
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