|
Seite 11 von 11
Ein neues Verhaltensmuster: Vertrauen
"Nicht
sehen und trotzdem glauben": Das traf nicht auf Thomas zu und nicht auf
die Zwölf. Jesus spricht hier von denen, die nach seiner Himmelfahrt an ihn
glauben werden. Aber letztendlich ist dieses große Wort Jesu doch auch an
Thomas ganz persönlich gerichtet. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
daß Jesus einen leisen Tadel ausspricht, einen (allerdings ganz zurückhaltend
formulierten) Vorwurf an die Adresse des Thomas (und wohl auch an die der
anderen Jünger): Mußte ich euch wirklich erst so viele Beweise liefern, ehe ihr
glaubtet? Ihr hattet doch so viele Jahre lang Gelegenheit, mich kennenzulernen.
Ihr habt erfahren, daß ich Macht über alles habe, sogar über den Tod. Ihr habt
gemerkt, daß ich vertrauenswürdig bin, daß man sich auf mein Wort verlassen
kann. Viele Male habe ich euch angekündigt, daß ich von den führenden Männern
unseres Volkes getötet würde - und genauso ist es gekommen. Warum hat euch das
Kreuz dann so entsetzt? Und genauso viele Male habe ich euch angekündigt, daß
ich nach drei Tagen wieder lebendig werden und auferstehen würde. Warum schien
euch das dann so unmöglich? Warum habt ihr nicht vielmehr darauf gewartet? Und
du, Thomas: Du hast doch mitbekommen, daß die Frauen das Grab leer fanden; daß
ein Engel ihnen sagte, sie sollten Jesus nicht bei den Toten suchen, er sei
auferstanden; daß ich mit Maria gesprochen habe; daß ich Petrus begegnet bin;
daß ich allen anderen meiner Jünger hier bereits erschienen bin. Hätte das
nicht genügt? Hätte es da nicht längst bei dir klicken müssen? Fällt es dir so
schwer, mir zu vertrauen? Mußt du wirklich jedesmal erst ein neues Wunder
sehen, ehe du mir Glauben schenkst?
Nicht
sehen und trotzdem glauben; Gott lieben, auch wenn wir nichts von seiner Nähe
und Kraft spüren; ihm vertrauen, auch wenn er einmal nicht so eingreift, wie
wir es gern hätten - das gehört zum Leben als Christ. "Wir leben im
Glauben und nicht im Schauen", sagt Paulus (2.Kor. 5,7). Oder, etwas
verständlicher formuliert: "Unser gegenwärtiges Leben wird vom Glauben
bestimmt und nicht vom Schauen." An Gott glauben, wenn man sicher ist, daß
er immer sofort zu unseren Gunsten eingreift, ist keine Kunst. Ihn lieben,
wenn er immer gleich alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumt, ist geradezu
billig. Aber ihn lieben und ihm die Treue halten, auch wenn uns das etwas
kostet und auch wenn er sich für eine Zeitlang verborgen hält - das erst macht
unsere Beziehung zu ihm tief und echt. Ein Mann liebt seine Frau - sagt er
wenigstens. Kein Wunder, sie ist ja strahlend schön und kerngesund und liest
ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Aber wird er ihr auch noch die Treue halten,
wenn sie krank und entstellt ist und nichts mehr leisten kann? Erst dann hat
seine Liebe die Feuerprobe bestanden.
Diese
Feuerprobe bestanden haben zum Beispiel die drei Freunde Daniels. Der
babylonische König Nebukadnezar wollte sie zwingen, ein von ihm errichtetes
goldenes Götzenstandbild anzubeten, und weil sie sich weigerten, drohte er, sie
in einen glühenden Ofen werfen zu lassen. Die Reaktion der drei Freunde ist
großartig: "Wir haben es nicht nötig, dir etwas darauf zu antworten. Unser
Gott, dem wir gehorchen, kann uns zwar aus dem glühenden Ofen und aus deiner
Gewalt retten, aber auch wenn er das nicht tut: Deinen Gott werden wir niemals
verehren, und das goldene Standbild, das du errichtet hast, werden wir niemals
anbeten" (Dan. 3,16-18). Sie vertrauen Gott, egal, ob er sie rettet oder
nicht. Sie bestehen nicht darauf, seine Hilfe zu erleben. Sie wissen, daß Gott
eingreifen kann, aber sie fordern sein Eingreifen nicht. Sie sind bereit, zu
glauben, ohne zu sehen. Und vielleicht macht es Gott gerade deshalb besonders
Freude, ein Wunder zu tun und sie zu retten. Sie haben die Feuerprobe bestanden
- im doppelten Sinn.
Thomas,
hättest du nicht auch glauben können, ohne Jesus gesehen zu haben? Er hätte
sich dir doch sowieso gezeigt; du sollst ja ein Zeuge seiner Auferstehung sein.
Lerne, ihm zu vertrauen, lerne zu glauben, ohne zu sehen! Du hast es dir zur
Gewohnheit gemacht, bei allem zunächst die negative Seite zu sehen, alles
zunächst anzuzweifeln, selbst wenn es aus der Ecke Gottes kommt, immer erst
einen Beweis zu fordern, ehe du etwas für bare Münze nimmst. Jetzt dreh einmal
dieses Verhaltensmuster um und gib ihm einen Vertrauensvorschuß! Beginne diesen
lebenslangen Lernprozeß, Gott zu vertrauen; vertraue ihm auch einmal blind. Du
vertraust ja nicht Hinz und Kunz, du vertraust dem, der dir und unzähligen
anderen schon so viel Gutes getan hat; du vertraust dem, der für dich gestorben
und für dich auferstanden ist. "Glücklich, wer nicht sieht und trotzdem
glaubt."
Gebet
Herr
Jesus Christus, wir danken dir dafür, daß du auferstanden bist, wirklich und
leibhaftig auferstanden. Seit Deiner Auferstehung gibt es wirkliches Leben,
Leben, das nicht mehr begrenzt ist durch den Tod. Bis zu deiner Auferstehung
war der Tod die stärkste Macht, der sich am Ende alle unterwerfen mußten, auch
die Mächtigen dieser Erde. Aber du hast die Macht des Todes gebrochen. Du hast
zum erstenmal diese unüberschreitbare Grenze überschritten. Der Tod hat
verloren, das Leben hat gewonnen. Und damit ist auch alles überwunden, was zum
Tod führt und was Vorstufen des Todes sind: Leid, Schmerz, Müdigkeit, Mutlosigkeit.
Das alles gibt es zwar noch, aber es hat für uns seinen Schrecken verloren.
Seit deiner Auferstehung gibt es neue Perspektiven. Jetzt können wir dieses
irdische Leben gelassen angehen, können es sinnvoll führen. Bei dir ist das
neue Leben schon umfassend da; bei uns hält es nach und nach Einzug. Wir wollen
dir vertrauen - für uns persönlich, für unsere Familien, für unsere Gemeinden.
Danke, daß du, der Auferstandene, bei uns bist. Amen.
|