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Sechstes
Dia: Pläne und Gegenpläne
Eine Frage, die die Kommentatoren im
Zusammenhang mit der Schiffsreise von Apostelgeschichte 27 immer wieder
beschäftigt hat, ist folgende: Warum um alles in der Welt hat Lukas so viel von
dem begrenzten, kostbaren Platz, der ihm auf einer Schriftrolle zur Verfügung
stand, für diese Geschichte verwendet? Lukas erzählt ja in der
Apostelgeschichte von den Anfängen des Christentums, von der rasanten
Ausbreitung des Evangeliums, von der Entstehung zahlreicher christlicher
Gemeinden im gesamten Mittelmeerraum. Aber manches, was uns brennend
interessieren würde - manche Entwicklung, manche Begegnung - faßt er in ein,
zwei Sätzen zusammen; manches übergeht er völlig. Und dagegen dann diese endlos
lange, minutiöse Schilderung der Seereise! Steht das in einem vernünftigen
Verhältnis zum Rest? Sicher, Lukas war Augenzeuge, und vielleicht erinnert er
sich deshalb nochmals so detailliert an jene aufregenden Tage zurück. Und es
ist ja auch hilfreich zu sehen, wie Paulus mit so einer Krisensituation fertig
wird. Aber trotz allem - die Länge des Kapitels scheint überproportional,
ungerechtfertigt groß im Vergleich zu seinem geistlichen Wert.
Wissen Sie, was ich glaube? Lukas spielt hier
ein bißchen Hitchcock. Wir kennen das alle von einem guten Krimi: Eigentlich
müßte der Mörder jeden Augenblick entlarvt werden. Aber dann, in einem
finsteren Hausflur, kriegt der Detektiv selbst eins über den Kopf und bricht
bewußtlos zusammen. Und bis er wieder halbwegs repariert ist und seine Recherchen
wieder aufnehmen kann, ist schon ein zweiter Mord passiert. Kurz und gut - die
Spannung wächst, es knistert geradezu, der Leser ist hin- und hergerissen
zwischen Hoffen und Bangen. „suspense" nennt man diese Kunst des Hinauszögerns,
die Vergrößung des Spannungsbogens, die Hitchcock bis zur Perfektion
beherrschte und die ihn so berühmt gemacht hat.
Und hier in Apostelgeschichte 27? Nach Rom
soll die Reise gehen. Das weiß der Leser längst. Paulus hat es in Kapítel 19,21
selbst gesagt: „Ich muß Rom einen Besuch abstatten", direkt von Jerusalem aus.
Doch dann tritt ein hinderlicher Umstand nach dem anderen ein; plötzlich
ist Sand im Getriebe. Es ist, als hätte da irgendein fieser Spielverderber die
Finger im Spiel. Paulus wird in Jerusalem verhaftet, wird nach Cäsarea
verfrachtet, für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt, endlosen Verhören
unterzogen, mehrfach um ein Haar ermordet. Aber mittendrin in dieser
zermürbenden Phase erscheint ihm Jesus Christus in der Nacht und versichert
ihm: „Doch, du wirst nach Rom kommen und dort als mein Zeuge für mich
eintreten!" (Kapitel 23,11). Und dann endlich der Aufbruch, das Schiff legt ab.
Geschafft, denkt der Leser. Denkste! Es geht nicht lange, da kommt heftiger
Gegenwind auf, man muß die Route ändern, der Sturm steigert sich zum Orkan, das
Schiff treibt vierzehn Tage hilflos auf tobender See, zu allem Überfluß planen
die mitgereisten Soldaten, Paulus und alle anderen Gefangenen zu töten.
Schließlich das Stranden des Schiffes, das Auseinanderbrechen des Hecks unter
der Wucht der Wellen. Und wie sich alle glücklich an Land gerettet haben und
erst mal ein wärmendes Feuer machen, schießt aus dem Brennholz eine Schlange
hervor und beißt sich an Paulus‘ Hand fest!
Spannung! Aufregung! Wird Paulus lebend
davonkommen? Wird er Rom doch noch erreichen? Immer wieder scheint alle
Hoffnung verloren: Wie um alles in der Welt soll er aus der Gefahr noch heil
rauskommen? Schafft er es? Ja, er schafft es; er wird gerettet!
Am Anfang steht Gottes Plan und Gottes
Versprechen: Du sollst für mich in Rom das Evangelium verkünden - vor dem
Kaiser höchstpersönlich. Doch dann ist es, als zeige sich plötzlich ein anderer
Plan, der Gottes Plan zu vereiteln droht. Dahinter steckt derselbe Planer, derselbe
Verhinderer, der schon in Ägypten das Baby Mose durch Pharao zu ertränken
versuchte, der in Persien die Juden durch Haman auszurotten versuchte, der in
Bethlehem den neugeborenen Jesus durch Herodes umzubringen versuchte, der in
Jerusalem die Apostel durch den jüdischen Gerichtshof mundtot zu machen
versuchte und der eben jetzt alles daran setzt, Paulus nicht nach Rom, der
Hauptstadt der damaligen Welt, kommen zu lassen. Die Schiffsreise, der Sturm,
die Strandung - das sind nur die Requisiten. Hinter den Kulissen kämpfen zwei
miteinander, die wir nicht unmittelbar zu Gesicht bekommen - Gott und sein Gegenspieler.
Wir wissen natürlich von vornherein, wer
gewinnt (bei einem Krimi weiß man es in der Regel auch, weil am Ende fast immer
die Guten siegen): Gott hat die Rettung versprochen, und Gott ist stärker. Und
trotzdem - diese Spannung! Ein Malheur jagt das andere. Wie will Gott das noch
geradebiegen? Manchmal wünschte ich mir, wir wüßten nicht bereits alles,
sondern könnten die Apostelgeschichte nochmals zum ersten Mal lesen. Gerade
meint man, man sei am Ziel, da tritt Lukas auf die Bremse: Suspense. Man
zerbeißt sich fast die Fingernägel, so aufregend ist das! Ich sagte zu Beginn:
Lukas spielt ein bißchen Hitchcock. Mir scheint eher, es ist umgekehrt:
Hitchcock hat ganz schön von Lukas abgekupfert!
Im Grunde geht es Lukas natürlich nicht
darum, Spannung zu erzeugen. Er will mit seinem so auffallend ausführlichen
Bericht zeigen, wie groß Gott ist. Wir sollen zusammen mit ihm über Gott
staunen - über die Klugheit, mit der er alles plant, und über die Macht, mit
der es ihm gelingt, seinen Plan trotz aller Widerstände auszuführen. Es ist
wirklich so, wie es in einem alten Kirchenlied heißt: „Was er sich vorgenommen
und was er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel."
(Paul Gerhardt)
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