|
Seite 5 von 8
Viertes
Dia: Schön und traurig zugleich
In Apostelgeschichte 26
befinden wir uns in einem Audienzsaal, dem Prunkstück des Palastes in Cäsarea,
den einst Herodes erbauen ließ und den später der römische Gouverneur zu seinem
Amtssitz umfunktionierte. König Agrippa und seine Schwester Berenike sind in
allem königlichen Prunk und Pomp erschienen, Gouverneur Felix ist da, ebenso
die ranghöchsten römischen Offiziere und überhaupt alles, was Rang und Namen
hat, die gesamte Prominenz der Stadt, alle Stars und alle Sternchen.
Und dann wird der Gefangene
Paulus aus seiner Zelle geholt und in Fesseln vor die erlauchte Zuhörerschaft
gestellt und aufgefordert, sich zu den Anklagen seiner jüdischen Gegner zu
äußern.
Der größte Teil des Kapitels
besteht aus einer langen Verteidigungsrede des Apostels. Er schildert seiner
früheres Leben ohne Christus, seine spektakuläre Umkehr zu Christus und seine
Sendung durch Christus.
Und jetzt möchte ich Ihnen
zunächst den schönsten und dann den traurigsten Vers des Kapitels vorlesen. Zuerst
der schönste Vers, Vers 28. Er stammt nicht von Paulus, sondern von König
Agrippa. Nachdem Paulus gesprochen hat, ist der König offensichtlich so
aufgewühlt, so gepackt, so in seinem Innersten getroffen, daß er ausruft:
„Paulus, du redest so überzeugend, daß du demnächst noch einen Christen aus mir
machst!"
Wissen Sie, warum ich diesen
Vers so toll finde? Er zeigt: Das Evangelium ist eine Botschaft, die alle
angeht und von allen verstanden wird. Es ist eine Botschaft für alle - für
sämtliche Klassen der Gesellschaft und alle sozialen Schichten, für hoch und
niedrig, reich und arm, mächtig und ohnmächtig, jung und alt, groß und klein.
Ich weiß schon, daß sich das Evangelium zunächst vor allem in den unteren
Bevölkerungsschichten des Römischen Reiches ausgebreitet hat, besonders unter
den Sklaven, also unter Leuten, auf die die Elite verächtlich heruntersah. Und
doch zeigt uns gerade Lukas in der Apostelgeschichte, daß immer wieder auch
einflußreiche Männer und Frauen erreicht wurden und sich überzeugen ließen: ein
könglicher Finanzminister (aus Äthiopien), ein hoher Offizier (Kornelius), ein
einflußreicher Politiker (Sergius Paulus von Zypern), eine Geschäftsfrau
(Lydia) usw. usw. Und hier haben wir den Höhepunkt: Sogar ein König findet das
Evangelium überzeugend!
Und jetzt der traurigste
Vers des Kapitels. Sie haben es bestimmt schon geahnt - es ist derselbe Vers:
„Paulus, du redest so überzeugend, daß du demnächst noch einen Christen aus mir
machst!" „Demnächst", sagt König Agrippa, und dann erhebt er sich und verläßt
den Saal. Wie traurig! Wie schade! Was hat ihn wohl davon abgehalten, den
letzten, den entscheidenden Schritt zu tun? Hielt er es für unter seiner Würde,
sich mit den Sklaven und den Gefangenen auf eine Stufe zu stellen? Schämte er
sich vor der Prominenz, die mit atemloser Spannung auf seine Reaktion wartete?
Dachte er an seine Frauengeschichten (für die er unrühmlich berühmt war!) und
wollte nicht verzichten? (Diese Berenike, die neben ihm saß, war zwar seine
leibliche Schwester, aber ihr Verhältnis zueinander war das von Mann und Frau.)
Oder dachte er an seine korrupten Machenschaften, die ihm Geld und Macht
einbrachten, und wollte sie nicht drangeben?
Ob nun das eine oder das
andere oder alles zusammen - was für eine bedauerliche, was für eine armselige
Reaktion! „Demnächst", sagt er, „es fehlt nicht viel" - und damit ist für ihn
die Sache abgeschlossen. Christus hatte ihn angesprochen, und wenn man alle
Schönfärberei beiseite läßt, lautet die Antwort des Königs: Nein.
Erinnern Sie sich noch, wie
es bei Paulus gewesen war? Auch ihn hatte Christus angesprochen, auch er fand
das, was er hörte, überzeugend. Eben noch hatte er es König Agrippa geschildert.
Und er hatte gesagt: „Ich gehorchte, ohne zu zögern" (26,19). Sehen Sie den
Unterschied? Beide hörten, beide fanden das Gehörte überzeugend. Agrippa erhob
sich - und damit war Schluß. Paulus erhob sich - und es ging los! Wenn Gott
durch sein Wort überzeugend zu uns redet - wie reagieren wir dann? Wie König
Agrippa oder wie Paulus?
|