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„Denn in ihm, ‚dessen Gegenwart
alles durchdringt,‘
leben wir …“
Apostelgeschichte 17,28 (NGÜ)
 Andreas Symank
Frage
Diese gewaltige Aussage („dessen Gegenwart
alles durchdringt“) finde ich sonst
in keiner Übersetzung. Auf welche Aussage
des Grundtextes geht Ihre Wiedergabe
zurück?
Antwort
Sie haben ganz recht: Diese Wendung
findet sich in keiner anderen Übersetzung.
Sie ist nämlich eine Zufügung zum
Wortlaut des Originaltextes und ist auch
als solche gekennzeichnet (durch die Akzentzeichen
– siehe die „Hinweise für den
Leser“ in der NGÜ2003-Ausgabe).
Nun nehmen wir solche Beifügungen
natürlich nicht willkürlich vor, sondern nur
dort, wo sie unseres Erachtens für ein
angemessenes Verständnis des Textes
hilfreich oder sogar unumgänglich sind.
Anders ausgedrückt: Die Zufügungen
explizieren (verdeutlichen) etwas, was
implizit („zwischen den Zeilen“) auch im
griechischen Text steht.
Hier nun einige Hinweise zu der Beifügung
„dessen Gegenwart alles durchdringt“:
- Wörtlich lautet Vers 28a etwa so:
„Denn in ihm / durch ihn leben wir und
bewegen wir uns und sind wir.“
- Die griechische Präposition „en“ umfasst ein sehr weites Bedeutungsspektrum:
unter anderem lokal (in, an, auf, bei,
mit, unter), temporal (im Verlauf von, bei,
während), instrumental (durch, mit Hilfe
von) und kausal (wegen, auf Grund von).
Das deutsche „in“ ist also keineswegs in
jedem Fall die „wörtlichste, genaueste“
Übersetzung. Der jeweilige Aussage- und
Textzusammenhang muss entscheiden,
welche Bedeutung im Einzelfall gemeint
ist.
- In unserem Fall kommen eigentlich
nur das lokale oder das instrumentale
Verständnis in Frage – „in ihm“ (so der
NGÜ-Haupttext) bzw. „durch ihn“ (so die
zugehörige NGÜ-Fussnote und z. B. Gute
Nachricht und Hoffnung für alle). Die instrumentale
Deutung ist relativ problemlos:
Durch Christus leben wir, weil Christus
uns erschaffen hat und weil er uns alles
gibt, was wir zum Leben brauchen. Doch
so stimmig diese Aussage in sich ist, so
ungenügend fügt sie sich in den Kontext
ein. Voraus geht nämlich eine lokale
Feststellung: „Gott ist für keinen von uns
in unerreichbarer Ferne“ (und deshalb
ist es jedem Menschen möglich, Kontakt
mit Gott aufzunehmen und ihn zu finden, Vers 27). Daran knüpft Vers 28 mit einer
kausalen Konjunktion an („Denn“). Begründet
wird also, inwiefern Gott für uns
Menschen nicht in unerreichbarer Ferne
ist. Gott ist uns – so erläutert Paulus – so
nah, dass er gewissermaßen die Umgebung
unseres Lebens bildet, das Umfeld
unserer Existenz: Wir leben in ihm. „nicht
fern“ wird durch „in ihm“ erklärt. Deshalb
ist diese Wendung hier m. E. lokal zu
verstehen.
- Natürlich könnte man es nun beim
einfachen „in ihm“ belassen. Allerdings
gebraucht Paulus diese Fügung sonst in
einem anderen, soteriologischen Sinn.
Nicht jeder Mensch ist „in Gott / in Christus“,
sondern nur die Erlösten. „in ihm“ zu
sein ist das Privileg derer, die an Jesus
glauben. Es drückt nicht nur (und nicht
primär) räumliche Nähe aus, sondern
innere Übereinstimmung und bewusste
Zugehörigkeit, Teilhabe am gegenwärtigen
und künftigen Heil. Nichts davon ist in
Apg. 17,28 gemeint. Hier geht es nicht um
die Nähe des Retters zum Geretteten,
sondern um die Nähe des Schöpfers zum
Geschöpf.
Ein kleines Beispiel mag den Unterschied
verdeutlichen. Angenommen, ich reise
zusammen mit meiner Frau in einem
vollbesetzten Zugabteil durch die Schweiz.
Räumlich gesehen sind sich alle 6 Personen
gleich nah. Was die Beziehungen
betrifft, steht mir nur eine einzige Person
nahe; die anderen sind mir allesamt so
fern, als wären sie in Südamerika oder im
Fernen Osten.
Entsprechend ist es zwischen Gott und
uns Menschen. Es gibt eine Ebene, da ist Gott allen unendlich nah. Aber auf einer
anderen, tieferen (oder höheren) Ebene
ist Gott nur seinen Kindern nah; für die
anderen ist er einer „ferner Gott“.
Wenn man nur von „in ihm“ spricht,
könnte das also aus christlicher Perspektive
soteriologisch missverstanden werden.
Und für säkulare Denker klingt die Aussage
pantheistisch (Gott und die Welt sind
letztlich dasselbe) oder doch zumindest
panentheistisch (die Welt ist als Ganze in
Gott, ist ein Teil Gottes). Genau so haben
die griechischen Stoiker diesen Satz
wahrscheinlich verstanden; Paulus zitiert
ja sowohl im ersten als auch im zweiten
Versteil damals viel gelesene Dichter und
Denker (s. die betreffenden Fußnoten in
der NGÜ).
Um sich gegen solche irrigen Auffassungen
abzugrenzen, hat die NGÜ die
Ergänzung „dessen Gegenwart alles
erfüllt“ hinzugefügt. Damit soll zumindest
angedeutet werden, dass es weder um
soteriologische Nähe zu Gott geht (das
christliche Missverständnis) noch um
Vergottung des Menschen (das philosophische
Missverständnis). Die Zufügung
zeigt, inwiefern wir alle „in Gott“ sind: weil
er allgegenwärtig ist – aber nicht, weil wir
ein Teil Gottes wären oder weil alle bereits
erlöst wären.
Pfr. Andreas Symank
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