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Home NGÜ.info - Frühling 2008 Betrachtung Psalm 42
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Wir betrachten den Psalm 42 miteinander |
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| Wolfgang Loy |
Psalm 42 eröffnet die zweite der insgesamt fünf
Teilsammlungen des Psalters:
I. Ps 1-41
II. Ps 42-72
III. Ps 73-89
IV. Ps 90-106
V. Ps 107-150
Sieben oder acht Psalmen der Korachiten (Luther:
der Söhne Korach), einem Geschlecht von
Sängern und später auch Torwächtern des Tempels,
leiten diese zweite Sammlung ein. Ps 42 als
„kunstvoll gestaltete Lied zum Nachdenken" - so
unsere Wiedergabe des hebräischen Begriffs
maskil, bringt die Gedanken sehnsüchtiger Erwartungen
eines einzelnen Beters zum Ausdruck,
der sich unfreiwillig weit entfernt vom Heiligtum
aufhalten muss. Das Heiligtum bzw. der Tempel
auf dem Berg Zion galten dem alttestamentlichen
Menschen als die Stätte der göttlichen Offenbarung
schlechthin.
Die Sehnsucht des Psalmisten richtet sich also
aus der Ferne hin zu diesem Berg, auf dem Jerusalem
liegt, auf dem sich das ‚Haus Gottes' mit
der Bundeslade befindet, wo Gott nach damaliger
Vorstellung präsent ist wie sonst nirgends auf
Erden. Sein Verlangen spricht sich besonders
schön aus in v3; nach dem Masoretischen Text
(= dem von jüdischen Überlieferern fixierten und
mit Vokal- und Betonungszeichen versehenen hebräischen
Text, wie er uns insbesondere in einer
Handschrift aus dem Jahr 1008 n. Chr. vorliegt)
heisst es dort wörtlich:
Es dürstet meine Seele
nach Gott (elohim), dem lebendigen Gott (el),
wann werde ich kommen und erscheinen (= mich
sehen lassen) vor Gottes Angesicht?
Ohne Berücksichtigung jener Vokalzeichen, die in
der Zeit der Masoreten (etwa 600 bis über 1000
n. Chr.) dem ursprünglichen Konsonantentext
hinzugefügt wurden, könnte man die zweite Zeile
sogar folgendermaßen übersetzen: wann werde
ich kommen und Gottes Angesicht sehen.
In der Tat gibt es Übersetzungen und Kommentatoren,
die sich dieser Alternative anschließen.
Ihr Argument für ein ursprüngliches ‚Gottes Angesicht
sehen/schauen' lautet, die Masoreten hätten
mit Rücksicht auf 2. Mose 33,20 (Mein Angesicht
kannst du nicht sehen; denn kein Mensch
bleibt am Leben, der mich sieht.) die Vokale, die ja
sozusagen nur in Form von Punkten und Strichen
in oder unter den Text gesetzt werden, so gewählt,
dass jede Anstößigkeit vermieden wird.
Der Meinung dieser Ausleger steht jedoch
ein gewichtiges Argument von anderer Stelle
entgegen: Sowohl in 2. Mose 23,17 wie auch in
34,23 lautet Gottes Gebot: Dreimal jährlich soll
jeder Mann vor dem Angesicht des HERRN erscheinen
/ sich sehen lassen. Gemeint ist: Jeder
Israelit soll sich Jahr für Jahr an den drei großen
Jahresfesten - Passa, Wochenfest, Laubhüttenfest
- nach Jerusalem begeben und dort vor das
Heiligtum bzw. den Tempel und somit vor Gott treten
um seine Gaben zu bringen und um zu beten.
Anders gesagt: Wer vor dem Tempel steht, der
steht unmittelbar vor dem Angesicht Gottes, der
unsichtbar über der Bundeslade thront und durch
sein irdisches Heiligtum repräsentiert ist. Und
eben die zuletzt genannten Parallelen sprechen
sehr überzeugend für die Wiedergabe von Ps
42,3b genau nach dem masoretischen Text, also
für unser: erscheinen (= mich sehen lassen) vor
Gottes Angesicht.
Nun unsere Versuche zu v3 vom ersten Textentwurf
an bis hin zur Endfassung (in unserem
Übersetzerteam sprechen wir von der A- bis E-Version):
A: 3 Meine Seele ist voll Durst nach dem HERRN,
voll Verlangen nach dem lebendigen Gott.
Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘
kommen, wann kann ich neu vor dem
Angesicht Gottes erscheinen?
B: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, sie verlangt
nach dem lebendigen Gott.
Wann endlich werde ich wieder zum Heiligtum
kommen und in Gottes (/seiner) Nähe
sein?
C: 3 Meine Seele dürstet Gott, ja, sie verlangt
nach dem lebendigen Gott.
Wann endlich werde ich ‚wieder zum
Heiligtum‘ kommen und dort neu vor dem
Angesicht Gottes erscheinen / stehen?
D: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, sie verlangt
nach dem lebendigen Gott.
Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘
kommen und dort vor Gottes Angesicht
stehen?
E: 3 Meine Seele dürstet nach Gott, ja, nach dem
lebendigen Gott.
Wann endlich werde ich ‚wieder zum Heiligtum‘
kommen und dort vor Gottes Angesicht
stehen?
Unsere Versuche zeigen zum einen sehr schön
das Bemühen, dem Leser die nötige Hintergrundinformation
zu geben, indem wir das explizieren
(= zum Ausdruck zu bringen), was nur implizit (=
unausgesprochen, aber dem Leser aus damaliger
Zeit ohnehin bekannt) im Text enthalten war: vor
Gottes Angesicht erscheinen = vor dem Tempel
und somit vor Gott stehen und seiner Nähe
sowie seinem Blick ausgesetzt sein. (Vgl. zu vor
dem Tempel und damit vor Gott stehen auch 2.
Chronik 20.9.)
Zugleich erkennt man unser verantwortungsbewußtes
Abwägen: Wieviel verdeutlichen wir dem
heutigen Leser, ohne die Wiedergabe zu überladen?
Vgl. dazu die A- mit der E-Version.
In Fußnote folgt dann noch die wörtliche Wiedergabe
des ‚umstrittenen' Passus (W und vor
Gottes Angesicht erscheinen) sowie aus Rücksicht
auf jene andere diskutierte Variante, die
- als andere Lesart = AL - ja auch von einigen wenigen hebräischen Handschriften unterstützt
wird: AL(1) und Gottes Angesicht sehen. Damit
hat der Leser die Freiheit, sich selbst für eine der
beiden Möglichkeiten zu entscheiden.
Zuletzt noch eine weitere interessante Frage:
Weiß man denn, wo sich der Beter dieses Psalms
- so unfreiwillig weit entfernt von Gottes Angesicht
bzw. Gegenwart auf dem Zion - tatsächlich
aufhielt? Antwort geben uns die vv 7+8. Von
der Ferne des Jordanlandes und des Hermongebirges
und vom Berg Misar aus gehen seine
Gedanken hin zum Gott auf dem Zion. Gleichzeitig
hört oder sieht er, wie gewaltige Wassermassen
brausen und tosen, und dies wird für ihn zum
Sinnbild seiner eigenen momentanen Situation:
als riefe eine Flut die andere herbei. Auch darin
erkennt und bejaht er den Willen Gottes: Du hast
sie geschickt; deine Wellen und Wogen rollen
über mich hinweg.
Der Psalmist befindet sich anscheinend am
Oberlauf des Jordan oder dort, wo dieser Fluss
durch Quellen und durch Quellflüsse mitsamt
ihren Wasserfällen entsteht. Aber die persönliche
Situation des Beters lässt ihn für jetzt über solche
Schönheiten der Natur hinweg schauen. Er sieht
stattdessen in den herabstürzenden Wassermassen
ein Sinnbild der ihn bedrängenden Not. Und
doch resigniert er nicht! Im Gegenteil, er gewinnt
im Gebet neuen Mut und setzt seine Zuversicht
auch aus der Ferne auf den Gott seines Heils,
indem er seiner Seele die Worte zuspricht: Warte
nur zuversichtlich auf Gott! Denn ganz gewiss
werde ich ihm noch dafür danken, dass er sich
mir wieder zuwendet und mir hilft. Wolfgang Loy
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