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Home NGÜ.info - Frühling 2008 Vom Übersetzer
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Vom Schreibtisch des Übersetzers |
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„Nacht und Tag" oder „Tag und Nacht"?
Im elften Kapitel des zweiten Korintherbriefes
zählt Paulus auf, was er alles im
Dienst für Jesus Christus durchgemacht
hat. „Einmal", so sagt er in Vers 25, „trieb
ich einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
auf dem offenen Meer". Der Sieben-Wörter-
Zeitangabe in der NGÜ („einen ganzen Tag
und eine ganze Nacht") liegt ein einziges
griechisches Wort zugrunde: nychthämeron,
ein „Nacht-Tag" (zusammengesetzt aus nyx =
Nacht und hämera = Tag). Gemeint ist damit
die Zeiteinheit, die eine Nacht und einen Tag
umfasst, also ein voller Vierundzwanzigstundentag.
So weit, so einfach.
Etwas weniger einfach ist es, dieses
unscheinbare kleine Wort angemessen ins
Deutsche zu übertragen. „Einen Tag und eine
Nacht", würde man wohl spontan formulieren,
weil es so im Deutschen sprachüblich
ist. Aber halt - im Griechischen ist die
Reihenfolge umgekehrt: erst die Nacht, dann
der Tag. „So frei wie nötig, so treu wie möglich",
lautet ein bewährter Übersetzungsgrundsatz.
Demnach müsste man die beiden
Zeitangaben vertauschen: „eine Nacht und
einen Tag". Ob „Tag und Nacht" oder „Nacht
und Tag" - jedes Mal ergibt sich zusammengezählt
ein 24-Stunden-Tag. Warum also
nicht bei der wörtlichen Abfolge bleiben? Sie
mag im Deutschen vielleicht nicht so geläufig
klingen, mag idiomatisch nicht ganz korrekt
sein, aber sachlich ändert sich ja nichts.
Wirklich? Nach der Logik mag das stimmen;
in der Praxis stimmt es leider nicht. Die beiden
Wendungen sind nicht deckungsgleich;
sie sind keine spiegelbildlichen Wiedergaben
desselben Sachverhalts.
Bei „einen Tag und eine Nacht" ist alles
klar; gemeint ist: einmal rund um die Uhr. Bei
„eine Nacht und einen Tag" dagegen wird's
unklar. Geht es um 24 Stunden, oder geht es
womöglich um 36 Stunden (eine Nacht und
anschließend noch ein voller Tag)? Macht
man den Praxistest und befragt beliebig
ausgewählte Personen, dann stellt man fest:
Die wörtliche Wiedergabe des Griechischen
verunsichert und verwirrt.
Woran liegt das? Es hat natürlich - erstens
- damit zu tun, dass man von der
konventionellen Reihenfolge des Doppelbegriffs
„Tag und Nacht" abweicht. Die unauffällige
Wendung ist plötzlich markiert, sodass
sich der Leser/Hörer fragt, ob durch die
Vertauschung etwas Spezielles ausgedrückt
werden soll. Geht es womöglich um einen
größeren Zeitrahmen als den üblichen? Und
zweitens hat es damit zu tun, dass „Tag" (im
Gegensatz zu „Nacht") mehrdeutig ist; „Tag"
bezeichnet nicht nur die Phase der Helligkeit
innerhalb der 24-Stunden-Einheit, sondern
kann auch für die Einheit als Ganze stehen,
also den Oberbegriff zur „Tag-und-Nacht-
Einheit" bilden. „Letzte Woche habe ich zwei
Tage Tag und Nacht gearbeitet": Das erste
„Tag" bezeichnet den 24-Stunden-Tag, das
zweite, unmittelbar darauf folgende die Zeit
zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
„Tag und Nacht" - hier ist klar, dass „Tag"
die Helligkeitsphase bezeichnet, auf die dann
die Phase der Dunkelheit folgt. Wäre „Tag"
im Sinn von „24-Stunden-Einheit" gebraucht,
könnte darauf nicht die Nacht folgen, sondern
nur ein weiterer Tag. Umgekehrt jedoch sieht es anders aus. „Nacht und Tag"
- hier könnte „Tag" sowohl Komplementärbegriff
zu „Nacht" sein als auch Oberbegriff zu
„Tag und Nacht"; auf die Nacht folgt schließlich
sowohl eine Helligkeitsphase als auch
ein gesamter 24-Stunden-Tag einschließlich
einer weiteren Nacht!
Wollte man also die Reihenfolge des
Griechischen beibehalten, müsste man
- um ihre Mehrdeutigkeit aufzuheben - die
Zeitangabe präzisieren, etwa so: „eine Nacht
und auch noch den folgenden Tag (bis zum
Sonnenuntergang)".
Es fragt sich allerdings, ob damit nicht in
einer anderen Hinsicht zu viel gesagt würde.
Wollte Paulus wirklich darauf hinweisen,
dass der Schiffbruch in der Nacht geschah
und dass er zunächst stundenlang im Dunkeln
auf dem Meer trieb? Wohl kaum; das
hätte er ausführlicher schildern müssen.
Der von ihm gewählte knappe Ausdruck
betont die Länge des Geschehens (volle
24 Stunden), nicht eine bestimmte Abfolge
innerhalb dieses Zeitrahmens. Der Ausdruck
nychthämeron kommt im Neuen Testament
zwar nur hier vor, doch führen Wörterbücher
und Grammatiken zahlreiche andere
Belegstellen aus der griechischen Literatur
an. Bezeichnend ist z. B. die Wendung epi
tessaras holas nychthämerous = „volle 40
Nacht-Tage lang". Im Deutschen würde es
genügen, von „volle 40 Tage" zu sprechen
(„Tag" hier im Sinn von „24-Stunden-Periode");
auf jeden Fall ist klar, dass die Abfolge Nacht-
Tag keinerlei Rolle spielt; die Bedeutung wäre
genau dieselbe, wenn von „Tag-Nächten" die
Rede wäre.
Man könnte einwenden, die Abfolge des
Originaltextes entspreche der jüdischen
Zählweise (wonach der Tag mit dem Sonnenuntergang
des Vorabends beginnt) und sei
daher für ein angemessenes Verständnis
biblischen Denkens bedeutsam. Doch zum einen geht das griechische nychthämeron
nicht auf einen entsprechenden hebräischsemitischen
Ausdruck zurück und wird auch
nicht nur von Paulus verwendet, sondern
ebenso von griechischen, also heidnischen
Schriftstellern. Zum anderen lässt sich dem
Zeitpunkt des Schiffbruchs und den Lichtverhältnissen
während des Dahintreibens
wohl kaum ein „tieferer Sinn" abgewinnen.
Und zum dritten handelt es sich bei der
griechischen Abfolge „Nacht - Tag" genauso
wie beim deutschen „Tag - Nacht" (oder
wie bei „Sonne und Regen", „kommen und
gehen", „gut und böse") um festgeprägte,
formelhafte Wendungen, aus deren Reihenfolge
sich keinerlei inhaltliche Schlüsse
ziehen lassen (das „Herrn und Frau XY" der
Briefanschrift verweist so wenig auf Männervorherrschaft
wie das „Meine Damen und
Herren" der Redeeinleitung auf männliche
Höflichkeit oder feministische Tendenzen).
Was zeigt dieses harmlose, theologisch
völlig unbedeutende Beispiel? Die Umkehrung
eines Doppelausdrucks führt keineswegs
immer zu semantisch gleichwertigen
Ergebnissen. Und die wörtliche Übersetzung
einer fremdsprachlichen Wendung
gibt das Gemeinte keineswegs immer am
genauesten wieder. Im Fall von 2. Kor. 11,25
weist nichts darauf hin, dass eine andere
Zeitspanne gemeint ist als die eines vollen
24-Stunden-Tages oder dass der Voranstellung
von „Nacht" eine besondere Bedeutung
zukommt. Mit nychthämeron betont Paulus
lediglich, wie lange es ging, bis er aus seiner
lebensbedrohlichen Lage gerettet wurde.
Deshalb gibt die NGÜ - sachlich angemessen
und sprachlich korrekt, wie mir scheint
- die Aussage so wieder: „Einmal trieb ich
einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf
dem offenen Meer."
Pfr. Andreas Symank
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